Jetzt muss der Papst ent­schei­den

Rheinische Post Goch - - KULTUR - VON JU­LI­US MÜLLER-MEI­NIN­GEN UND LOTHAR SCHRÖ­DER

Die Bi­schofs­syn­ode zu Fra­gen von Ehe und Se­xua­li­tät en­det mit vie­len Im­pul­sen und oh­ne Ent­schei­dun­gen. Das war von den knapp 270 Syn­oden­vä­tern nicht zu er­war­ten. Den­noch keimt Hoff­nung – sie liegt auch in ei­ner künf­ti­gen De­zen­tra­li­sie­rung.

ROM Mit ei­nem Got­tes­dienst im Pe­ters­dom fei­er­ten Papst Fran­zis­kus und die knapp 270 Syn­oden­vä­ter jetzt den Ab­schluss der Welt­bi­schofs­syn­ode – in der die ver­schie­de­nen Sicht­wei­sen über den Kurs der ka­tho­li­schen Kir­che sicht­bar zum Vor­schein ka­men. Schon un­mit­tel­bar nach der Ver­öf­fent­li­chung ei­nes 50 Sei­ten lan­gen Ab­schluss­be­richts wur­de im Va­ti­kan um die Deu­tungs­ho­heit zu dem Pa­pier ge­run­gen, das den Cha­rak­ter ei­nes Kom­pro­mis­ses zwi­schen re­form­ori­en­tier­ten und tra­di­tio­na­lis­ti­schen Bi­schö­fen trägt.

Zwei Deut­sche bil­de­ten die Po­le: Be­ne­dikt XVI. als Be­wah­rer, Kar­di­nal Kas­per als Re­for­mer

Der Ab­schluss­be­richt der Syn­ode zum The­ma Ehe und Fa­mi­lie sei „ein wirk­li­cher Schritt nach vorn“, be­haup­te­te Rein­hard Kar­di­nal Marx in Rom. Die Bi­schö­fe hät­ten den Weg des Paps­tes un­ter­stützt. Ähn­lich das State­ment des als be­son­ders re­form­ori­en­tiert gel­ten­den Bi­schofs von Ant­wer­pen, Jo­han Bon­ny, der be­ton­te, dass man Zeit brau­che, dass Tü­ren ge­öff­net sei­en und die Bi­schö­fe sich in ei­nem Pro­zess be­fän­den.

Hin­ge­gen ver­lau­te­te aus kon­ser­va­ti­ven Krei­sen, die Syn­ode ha­be das Lehr­amt von Jo­han­nes Paul II. „ver­dreht“. Zwi­schen­zeit­lich schien mit der Syn­ode gar ein Kulturkampf aus­ge­bro­chen zu sein. Ei­ne Schlacht wer­de aus­ge­tra­gen zwi­schen zwei Theo­lo­gen und zwei Vi­sio­nen von Kir­che, hieß es. Und zwei Deut­sche bil­de­ten da­bei die Po­le: Wal­ter Kar­di­nal Kas­per auf Sei­ten der kri­ti­sier­ten Re­for­mer und Be­ne­dikt XVI. auf Sei­ten der Be­wah­rer. Auch Schlamm­schlach­ten wur­den aus­ge­tra­gen – mit Ge­rüch­ten über ei­ne schwe­re Er­kran­kung des Pon­ti­f­e­xes und ei­nem „ver­trau­li­chen“Brief von 13 Re­form­geg­nern, die auf Ver­fah­rens­feh­ler auf­merk­sam mach­ten.

Papst Fran­zis­kus hat­te in ei­nem vor zwei Jah­ren an­ge­sto­ße­nen Pro­zess auf die Hin­wen­dung der ka­tho- li­schen Kir­che zu mehr Ver­ständ­nis für „pas­to­ral schwie­ri­ge Si­tua­tio­nen“ge­drängt. Da­zu zäh­len die bis zu­letzt auf der Syn­ode um­strit­te­nen Fra­gen der Beur­tei­lung von Part­ner­schaf­ten, die nicht dem ka­tho­li­schen Ide­al der sa­kra­men­ta­len Ehe ent­spre­chen, und die Zu­las­sung von wie­der­ver­hei­ra­te­ten Ge­schie­de­nen zur Kom­mu­ni­on. Die­se Streit­fra­gen wur­den in dem in al­len Punk­ten mit Zweid­rit­tel-Mehr­heit ver­ab­schie­de­ten Be­richt of­fen ge­las­sen. Der Un­mut dar­über ist bei den re­form­ori­en­tier­ten Kir­chen­volks­be­we­gun­gen er­war­tungs­ge­mäß groß.

Doch sind kon­kre­te Er­geb­nis­se nie zu er­war­ten ge­we­sen, zu­mal die meis­ten Fra­gen die Kir­chen­leh­re be­tref­fen. So gilt wei­ter­hin: Ein Ka­tho­lik, der ei­ne zwei­te Ehe zi­vil­recht­lich schließt und nicht ent­halt­sam lebt, be­geht Sün­de. Auch bei der Fra­ge der Beur­tei­lung ho­mo- se­xu­el­ler Part­ner­schaf­ten ist nichts an­de­res kon­sens­fä­hig ge­we­sen als die im Ka­te­chis­mus aus­ge­drück­te Hal­tung der Kir­che. Dar­in wird der Re­spekt vor dem ein­zel­nen In­di­vi­du­um ge­äu­ßert, ei­ne Gleich­stel­lung ho­mo­se­xu­el­ler Part­ner­schaf­ten mit der Ehe aber aus­ge­schlos­sen.

Das knapps­te Ab­stim­mungs­er­geb­nis mit ei­nem Drit­tel Ge­gen­stim­men wur­de bei der Fra­ge des Um­gangs mit wie­der­ver­hei­ra­te­ten Ge­schie­de­nen er­zielt – de­ren Aus­schluss von den Sa­kra­men­ten in ei­ni­gen Fäl­len als un­barm­her­zig emp­fun­den wird. In ei­nem von der deutsch­spra­chi­gen Grup­pe vor­ge­schla­ge­nen Mo­dell, für das sich letzt­end­lich ei­ne knap­pe Zweid­rit­tel-Mehr­heit der Teil­neh­mer aus­sprach, wird nach ei­nem Weg der Be­sin­nung ei­ne Un­ter­schei­dung im Ein­zel­fall und un­ter Auf­sicht des Orts­bi­schofs emp­foh­len. Die­ser Vor­schlag hat­te Auf­se­hen er­regt, weil sich in der Grup­pe schein­bar theo­lo­gisch un­ver­söhn­li­che Po­si­tio­nen wie die von Kas­per und die des Prä­fek­ten der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on, Ger­hard Lud­wig Müller, ge­gen­über­stan­den.

Im Ab­schluss­be­richt wird be­tont, dass es sich bei den 94 Ab­sät­zen um Emp­feh­lun­gen an den Papst han­delt. Fran­zis­kus wird dar­in auch ge­be­ten, ein lehr­amt­li­ches Schrei­ben zu den auf­ge­wor­fe­nen Fra­gen zu ver­ab­schie­den. Der Papst äu­ßer­te sich nicht da­zu, ob er die­sem Wunsch tat­säch­lich nach­kom­men wird. Es ist zu be­zwei­feln, da nach dem Be­ra­tungs­stand der zu­rück­lie­gen­den drei Wo­chen und den im­men­sen Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten je­de ein­deu­ti­ge Po­si­tio­nie­rung den Cha­rak­ter der Syn­ode kon­ter­ka­rie­ren wür­de. Zu­min­dest warn­te der Pon­ti­fex in sei­ner Pre­digt vor ei- ner abs­trak­ten Leh­re. „Ein Glau­be, der nicht im Le­ben der Men­schen ver­wur­zelt ist, bleibt dürr und schafft neue Wüs­ten an­statt Oa­sen.“In sei­ner Schluss­an­spra­che hat­te der Papst zu­dem die Be­rück­sich­ti­gung der kul­tu­rel­len Wirk­lich­keit im Sin­ne des Zwei­ten Va­ti­ka­ni­schen Kon­zils ge­for­dert. „Ech­te Hir­ten ver­tei­di­gen nicht das blo­ße Wort, son­dern den Geist, nicht Ide­en, son­dern den Men­schen, nicht For­meln, son­dern die kos­ten­lo­se Lie­be Got­tes und sei­ne Gna­de.“

Im Ab­schluss­do­ku­ment be­mü­hen sich die Syn­oden­teil­neh­mer um ei­nen freund­li­chen und pas­to­ra­len Ton und be­to­nen im­mer wie­der die Not­wen­dig­keit, kei­ne Pau­schal­ur­tei­le zu fäl­len, son­dern Ein­zel­fäl­le zu un­ter­schei­den. Auf­fäl­lig ist auch die Emp­feh­lung, den Orts­bi­schö­fen in den Diö­ze­sen mehr Mög­lich­kei­ten bei der Ent­schei­dung „schwie­ri­ger Si­tua­tio­nen“zu ge­ben. Papst Fran­zis­kus hat­te in die­sem Zu­sam­men­hang vor ei­ner Wo­che den Pro­zess ei­ner „heil­sa­men De­zen­tra­li­sie­rung“an­ge­kün­digt.

Ne­ben vie­len Im­pul­sen, die die Syn­ode be­nannt hat und als künf­ti­ge Ar­beits­auf­ga­be ver­stan­den wer­den kön­nen, liegt in die­ser Aus­sa­ge des Paps­tes mög­li­cher­wei­se ei­ne be­mer­kens­wer­te Ve­rän­de­rung: Rom sieht sich in Ein­zel­fra­gen nicht mehr für al­le zu­stän­dig. Bi­schö­fe und ih­re Orts­kir­chen be­kom­men mehr Hand­lungs- und Ent­schei­dungs­frei­heit und be­wah­ren die Welt­kir­che mög­li­cher­wei­se da­vor, sich pau­sen­los an den im­mer­glei­chen The­men er­geb­nis­los auf­zu­rei­ben.

FOTO: AC­TION PRESS

Stür­misch weh­te der Geist der Syn­ode, auch wenn sich al­le Teil­neh­mer um freund­li­chen Ton­fall müh­ten. Un­ser Bild ent­stand ges­tern Mor­gen in Rom und zeigt Papst Fran­zis­kus I. mit afri­ka­ni­schen Bi­schö­fen.

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