Kreuz­feu­er

Rheinische Post Goch - - UNTERHALTUNG -

Nein“, sag­te ich. „Sie kön­nen hüp­fen.“Mur­rend stand er auf und hüpf­te zur Toi­let­te un­ter der Trep­pe.

Ich hielt es zwar für un­wahr­schein­lich, dass dort ein Te­le­fon war, nahm aber vor­sichts­hal­ber den Hö­rer des An­schlus­ses in der Kü­che von der Ga­bel. Man kann nicht von ei­nem Ne­ben­an­schluss wäh­len, wenn ein an­de­rer in Ge­brauch ist, und sein Han­dy lag noch aus­ge­schal­tet auf dem Tre­sen in der Kü­che, wo ich es hin­ge­tan hat­te.

Alex ließ sich Zeit, und ich über­leg­te schon, ob er vi­el­leicht ver­such­te, durch das Toi­let­ten­fens­ter zu flie­hen, da hör­te ich die Spü­lung. Kurz dar­auf kam er wie­der in den Flur ge­hüpft.

„Schnei­den Sie die Scheiß­din­ger durch“, ver­lang­te er wü­tend. Of­fen­sicht­lich hat­te er sich nach Kräf­ten be­müht, die Fuß­fes­seln ab­zu­krie­gen, aber ich wuss­te aus Er­fah­rung, dass die wi­der­stands­fä­hi­ger wa­ren, als sie aus­sa­hen. Wi­der­stands­fä­hi­ger je­den­falls als sei­ne auf­ge­schürf­te, ge­rö­te­te Haut am lin­ken Fuß. „Nein“, sag­te ich. „Ver­dammt, was wol­len Sie denn noch?“, frag­te er wü­tend. „Mei­ne Ver­si­che­rung“, sag­te ich. „Was?“„Mei­ne Rück­ver­si­che­rung“, sag­te ich. „Ich brau­che kon­kre­te Be­wei­se.“„Was für Be­wei­se denn?“„Für ge­mein­schaft­li­chen Be­trug, sprich den Ver­such, mei­ne Mut­ter um ei­ne Mil­li­on US-Dol­lar zu er­leich­tern.“

„Träu­men Sie wei­ter“, mein­te er lä­chelnd.

„Vi­el­leicht soll­te ich ein­fach Jack­son War­ren an­ru­fen und ihm sa­gen, Sie hät­ten mir ge­ra­ten, mich an ihn zu wen­den, wenn ich wis­sen woll­te, wo das Geld mei­ner Mut­ter ist?“

„Das wür­den Sie doch nicht tun?“, frag­te er nun doch et­was be­sorgt.

„Füh­ren Sie mich nicht in Ver­su­chung“, sag­te ich.

„Der wür­de mich schon da­für um­brin­gen, dass ich mit Ih­nen ge­re­det ha­be.“

Gut, dach­te ich. Es war nur zu mei­nem Vor­teil, wenn Alex noch mehr Angst vor Jack­son War­ren hat­te als vor mir. Schon des­halb wür­de er ihm nichts von un­se­rer nächt­li­chen Be­geg­nung er­zäh­len. Vi­el­leicht ge­nüg­te das be­reits als Ab­schre­ckung.

„Oder ich ru­fe Jack­son an und fra­ge ihn nach der Num­mer des Schwei­zer Kon­tos, auf das er und Gar­ra­way das gan­ze er­schwin­del­te Geld über­wei­sen.“

„Un­ter­ste­hen Sie sich!“, sag­te Alex. „Dann set­ze ich das Fi­nanz­amt auf Ih­re Mut­ter an.“

Ich lief in die Kü­che, und er hüpf­te hin­ter mir her. Oh­ne sie ei­nes Bli­ckes zu wür­di­gen, ging ich an sei­ner Flug­ta­sche vor­bei und sah aus dem Au­gen­win­kel, wie er sie un­ter den Tisch schob. Es war mir nur recht, dass er dach­te, ich sei noch nicht an sei­nem Com­pu­ter ge­we­sen.

„Hin­set­zen!“, sag­te ich scharf und wies auf ei­nen der Kü­chen­stüh­le. Er rühr­te sich nicht. „Hin­set­zen!“, be­fahl ich. Er zö­ger­te im­mer noch, aber nach ein paar Se­kun­den zog er ei­nen Stuhl un­ter dem Tisch her­vor und setz­te sich.

Ich setz­te mich ihm ge­gen­über und frag­te: „Wer ist denn auf die Idee ge­kom­men, die Pfer­de mei­ner Mut­ter ver­lie­ren zu las­sen?“„Ju­lie“, ant­wor­te­te er. „Um im In­ter­net ge­gen sie wet­ten zu kön­nen?“– „Nein, gar nicht“, sag­te er. „Sie woll­te nur, dass die Pfer­de ih­res Man­nes bes­se­re Sieg­chan­cen ha­ben. Er ist so ge­mein zu ihr, wenn sie ver­lie­ren. Ich hab im In­ter­net ge­gen die Pfer­de ge­wet­tet. Nicht viel – nicht so, dass es auf­ge­fal­len wä­re. Aber es hat schon hübsch was ein­ge­bracht.“

Ama­teu­re, dach­te ich. Ama­teu­re wa­ren das.

Die Tür­klin­gel er­schreck­te uns bei­de. Da­nach klopf­te es im­mer wie­der lei­se. Ich sah auf die Uhr. Zehn vor eins in der Nacht.

„Sit­zen blei­ben!“, be­fahl ich. „Und sei­en Sie still. Wir kön­nen bei­de kei­ne Po­li­zei ge­brau­chen, oder?“

Alex schüt­tel­te den Kopf, aber ich hielt es für höchst un­wahr­schein­lich, dass die Po­li­zei so sanft an­klopf­te. Sie wür­de die Tür eher ein­tre­ten.

Ich ging in das dunk­le vor­de­re Zim­mer hin­über und sah durchs Fens­ter. Ju­lie Yor­ke stand drau­ßen und klopf­te mit den Fin­ger­knö­cheln ge­gen die Schei­be der Haus­tür. Ich trat in den Flur und öff­ne­te ihr.

„Was ha­ben Sie mit ihm ge­macht?“, frag­te Ju­lie atem­los. „Gar nichts.“„Und wo ist er?“, woll­te sie wis­sen. „In der Kü­che“, sag­te ich und ließ sie her­ein. Ehe ich die Tür wie­der schloss, warf ich zur Si­cher­heit ei­nen Blick auf die stil­le nächt­li­che Stra­ße.

In der Kü­che stand Ju­lie hin­ter Alex und strei­chel­te sein dün­nes ro­tes Haar. Un­ter an­de­ren Um­stän­den wä­re es vi­el­leicht so­gar ei­ne an­rüh­ren­de Sze­ne ge­we­sen.

Ich sah, dass sie un­ter ih­rem Re­gen­man­tel ein Nacht­hemd trug.

„Konn­ten Sie nicht schla­fen?“, frag­te ich iro­nisch.

„Ich muss­te war­ten, bis mein Mann ein­ge­pennt war“, ant­wor­te­te sie. „Hier­her­zu­kom­men ist ganz schön ris­kant für mich. Aber ich hab ver­sucht an­zu­ru­fen, und es war dau­ernd be­setzt, und bei Alex’ Han­dy ging gleich die Mail­box ran.“

Ich blick­te zum Tre­sen, wo noch der ab­ge­nom­me­ne Hö­rer des Fest­an­schlus­ses lag, nicht weit von dem ab­ge­schal­te­ten Han­dy.

„Hab ich Ih­nen nicht ge­sagt, Sie sol­len sich mit Alex nicht in Ver­bin­dung set­zen?“, frag­te ich scharf.

„In den nächs­ten sechs­und­drei­ßig St­un­den“, er­wi­der­te sie ge­quält. „Die wa­ren Vier­tel vor elf vor­bei.“

Ich hat­te die St­un­den nicht ge­zählt, aber sie of­fen­bar.

„Und was pas­siert jetzt?“, frag­te Alex in die Stil­le hin­ein.

„Nun“, be­gann ich. „Als Ers­tes ge­ben Sie mei­ner Mut­ter mal das er­press­te Geld zu­rück. Über den Dau­men ge­peilt et­was um die sech­zig­tau­send Pfund.“

„Das kann ich nicht“, ant­wor­te­te er. „Wir ha­ben’s aus­ge­ge­ben. Und war­um soll­te ich über­haupt?“

„Weil Sie es il­le­gal er­wor­ben ha­ben“, er­klär­te ich.

„Dann hät­te Ih­re Mut­ter es ans Fi­nanz­amt zah­len sol­len.“

„Das wird sie auch, wenn sie’s zu­rück­be­kommt.“

„Träu­men Sie wei­ter“, ent­geg­ne­te er und lach­te.

„Na schön“, sag­te ich, „wenn das Ih­re Ein­stel­lung ist, muss ich wohl zu Jack­son War­ren und Pe­ter Gar­ra­way ge­hen und es mir von de­nen ho­len.“

„Viel Glück dann.“Er lach­te im­mer noch. „Das sind die zwei größ­ten Kn­au­ser, die ich je ken­nen­ge­lernt ha­be.“„Ich werd’s ih­nen aus­rich­ten.“Das La­chen blieb ihm im Hals ste­cken. (Fort­set­zung folgt)

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.