Po­len – ein zwei­tes Un­garn?

Rheinische Post Goch - - STIMME DES WESTENS - VON UL­RICH KRÖKEL

dem Tri­umph sei­ner PiS-Par­tei bei der Par­la­ments­wahl ist Po­lens Na­tio­nal­po­pu­list Ja­roslaw Kac­zyn­ski ei­nem gro­ßen Ziel nä­her­ge­kom­men, dem Land ei­ne strikt kon­ser­va­ti­ve Ver­fas­sung zu ge­ben. Vor­bild ist Vik­tor Or­bán.

WAR­SCHAU Ei­nes muss man Ja­roslaw Kac­zyn­ski las­sen: Für ori­gi­nel­le Auf­trit­te ist der pol­ni­sche Rechts­po­pu­list im­mer gut. Vor vier Jah­ren, als er ge­ra­de die Par­la­ments­wahl kra­chend ge­gen den Li­be­ra­len Do­nald Tusk ver­lo­ren hat­te, pro­phe­zei­te er: „War­schau wird das neue Bu­da­pest wer­den!“Ei­nes nicht all­zu fer­nen Ta­ges wer­de er in Po­len die Macht über­neh­men und wie sein Vor­bild, der au­to­ri­tä­re Re­gie­rungs­chef Vik­tor Or­bán in Un­garn, ei­ne neue, ei­ne na­tio­na­le Re­pu­blik schaf­fen.

Da­mals, im Herbst 2011, nahm den no­to­ri­schen Wahl­ver­lie­rer Kac­zyn­ski kaum noch je­mand ernst. Ganz Po­len amü­sier­te sich über „das neue Bu­da­pest in War­schau“. Heu­te, nach dem sen­sa­tio­nel­len Come­back des 66-Jäh­ri­gen, ist den Geg­nern das La­chen ver­gan­gen. Bei der Par­la­ments­wahl am Sonn­tag er­reich­te die erz­kon­ser­va­ti­ve Par­tei „Recht und Ge­rech­tig­keit“(PiS) nach sta­bi­len Hoch­rech­nun­gen ei­ne ab­so­lu­te Mehr­heit der Man­da­te im Se­jm und wird künf­tig al­lein re­gie­ren kön­nen. „Bu­da­pest in War­schau“ist plötz­lich ei­ne rea­le Op­ti­on.

Kac­zyn­ski nutz­te die Ge­le­gen­heit des Tri­um­phes ein­mal mehr für ei­ne An­spra­che, die ver­mut­lich in die Ge­schichts­bü­cher ein­ge­hen wird. Er ver­mied am Sonn­tag­abend je­den Ju­bel. Statt­des­sen er­in­ner­te er still an sei­nen Zwil­lings­bru­der, den Prä­si­den­ten Lech Kac­zyn­ski, der 2010 bei ei­nem Flug­zeug­ab­sturz ums Le­ben ge­kom­men war. Und dann hielt er vor lau­fen­den Ka­me­ras so­gar Zwie­spra­che mit sei­nem ver­stor­be­nen Bru­der: „Oh­ne dich wä­ren wir nicht hier“, er­klär­te er und mel­de­te dem to­ten Staats­chef: „Mis­si­on er­füllt, Herr Prä­si­dent!“

Kac­zyns­kis mit­un­ter ver­stö­ren­de Auf­trit­te er­lau­ben der Öf­fent­lich­keit tie­fe Ein­bli­cke in die See­le des Po­li­ti­kers. So et­was ist in die­sem hoch­pro­fes­sio­na­li­sier­ten Ge­schäft sel­ten und für vie­le Zu­schau­er be­rüh­rend, un­ab­hän- gig vom In­halt. Kac­zyns­kis Mo­ti­ve und Zie­le tre­ten da­bei im­mer wie­der schlag­licht­ar­tig zu­ta­ge: Der 66-Jäh­ri­ge wähnt sich auf ei­ner his­to­ri­schen Mis­si­on, die er einst zu­sam­men mit sei­nem Bru­der Lech über­nom­men hat und nun zu En­de zu füh­ren ge­denkt. „Vor uns liegt ei­ne neue Zeit“, ver­kün­de­te er am Sonn­tag und füg­te hin­zu: „Es ist die Zeit, un­ser weiß-ro­tes (al­so na­tio­nal­pol­ni­sches) La­ger zu ei­nen.“

Kac­zyn­ski will Po­len in ei­nen ka­tho­lisch-kon­ser­va­ti­ven Na­tio­nal­staat ver­wan­deln, der den (Post-)Kom­mu­nis­mus end­gül­tig über­win­det und das trans­na­tio­na­le Ge­rüst der EU im bes­ten Fall als fi­nan­zi­el­le Stüt­ze dul­det. Ganz ähn­lich hat es Or­bán in Un­garn ge­macht, der zu die­sem Zweck 2013 ei­ne neue Ver­fas­sung schuf. Kac­zyns­kis Ziel ist noch im­mer ei­ne neue, ei­ne Vier­te Re­pu­blik – auch wenn das im Wahl­kampf nie­mand of­fen ge­sagt hat. Jetzt aber, nach dem Sieg, ist die La­ge ei­ne an­de­re.

In Zah­len stellt sich die­se La­ge wie folgt dar: Die PiS ver­fügt nach den vor­lie­gen­den Er­geb­nis­sen im Se­jm über 232 von 460 Sit­zen. Die ul­tra­rech­te Be­we­gung des Rock­mu­si­kers Pa­wel Kukiz kommt auf 42 Man­da­te, die kon­ser­va­ti­ve Bau­ern­par­tei auf 18 Man­da­te. Klar der Op­po­si­ti­on zu­zu­rech­nen ist nur die li­be­ra­le Be­we­gung „Mo­der­nes Po­len“(30 Sit­ze). Die ver­nich­tend ge­schla­ge­ne Re­gie­rungs­par­tei PO da­ge­gen, die nur noch über 137 Man­da­te ver­fügt, droht zu zer­fal­len. „Es ist mög­lich, dass sich der kon­ser­va­ti­ve Teil der PO der PiS an­schließt“, sagt der kon­ser­va­ti­ve Pu­bli­zist Ja­roslaw Go­win, der selbst einst zum rech­ten Flü­gel der PO zähl­te und dort bes­tens ver­netzt ist. Go­win pro­phe­zeit: „Kac­zyn­ski wird ver­su­chen, im neu­en Par­la­ment ei­ne weiß-ro­te Ver­fas­sungs­ko­ali­ti­on zu schaf­fen.“

Viel wird da­bei vom tak­ti­schen Ge­schick Kac­zyns­kis und der PiS-Obe­ren ab­hän­gen. Der zu­rück­lie­gen­de Wahl­kampf kann in die­ser Hin­sicht als Meis­ter­stück gel­ten: Kac­zyn­ski schick­te die

„Ja­roslaw Kac­zyn­ski

will die Rol­le ei­nes na­tio­na­len Füh­rers aus­fül­len“

Alexander Kwas­niew­ski

Ex-Prä­si­dent

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