Hei­mat – Wie­der­ge­burt ei­nes Ge­fühls

Rheinische Post Goch - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON LOTHAR SCHRÖ­DER

Acht pro­mi­nen­te Rhein­län­der ga­ben ges­tern bei der Rhei­ni­schen Post Aus­kunft über ei­ne al­te, neue Lie­be: die Hei­mat.

DÜSSELDORF Das wird ja noch schö­ner! Dass das Brauch­tum ei­nen rich­ti­gen Gip­fel braucht. Ge­ra­de so wie die Mäch­ti­gen die­ser Welt. Denn ei­gent­lich liegt das Brauch­tum doch gleich vor der ei­ge­nen Haus­tür. Ja denks­te. Zum Brauch­tums­gip­fel wa­ren von acht pro­mi­nen­ten Rhein­län­dern und be­ken­nen­den Hei­mat­lie­ben­den ei­ni­ge aus be­trächt­li­cher Fer­ne an­ge­reist: et­wa Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Her­mann Grö­he, der ei­gens aus Berlin an­ge­flo­gen kam, oder der Ber­li­ner Erz­bi­schof Hei­ner Koch, der von der Syn­ode im Va­ti­kan her­bei­eil­te; Schüt­zen-Hoch­meis­ter Ema­nu­el Prinz zu Salm kut­schier­te aus sei­nem Schloss Rhe­de in die Lan­des­haupt­stadt, und mit Bru­no Schmitz – dem Mit­be­grün­der der Stunk­sit­zung – war so­gar Köln ver­tre­ten.

Macht al­les nichts, weil al­le will­kom­men wa­ren zum gest­ri­gen Brauch­tumstalk im Kon­fe­renz­zen­trum der Rhei­ni­schen Post. Und die hat­te sich selbst ein biss­chen Schüt­zen­hil­fe ge­bas­telt – drei Papp­ka­me­ra­den am Emp­fang, Kar­ne­vals­prinz, Fuß­ball-Pro­fi (von der ech­ten Bo­rus­sia) und Schüt­zen­schwes­ter: ein paar Eck­pfei­ler, die der Hei­mat Gestalt ge­ben.

Und vi­el­leicht wa­ren schon die Le­bens­ge­schich­ten der pro­mi­nen­ten Gäs­te ei­ne ers­te Er­fah­rung von dem, was Hei­mat ist und sein könn­te: dass sie näm­lich nicht im­mer un­be­dingt dort sein muss, wo man ge­ra­de lebt. Und dass Hei­mat­lie­be uns manch­mal lan­ge We­ge kurz wer­den lässt. Doch Hei­mat ist nicht nur lus­tig, folk­lo­ris­tisch und bier­se­lig; und die vie­len Flücht­lin­ge die­ser Ta­ge zei­gen uns, wie groß und manch­mal

Chris­tia­ne Un­der­berg ver­zwei­felt die Sehn­sucht von Hei­mat­su­chen­den auch sein kann. Gleich zu Be­ginn mach­te dar­auf Horst Tho­ren, stell­ver­tre­ten­der Chef­re­dak­teur der Rhei­ni­schen Post, auf­merk­sam, der zu­sam­men mit den bei­den Re­dak­teu­ren Dorothee Krings und Frank Kirsch­stein durch den „Hei­mat­abend“führ­te.

Die Flücht­lings­kri­se stellt uns nach Tho­rens Wor­ten gro­ße Auf­ga­ben, und vie­le der Gip­fel-Zu­schau­er wuss­ten da­von ein Lied zu sin­gen: „Weil Ver­ei­ne im­mer ge­fragt sind, wenn mal prak­tisch an­ge­packt wer­den muss, wenn mal schnell Hil­fe or­ga­ni­siert wer­den soll, wenn der Ein­satz von Bür­gern ge­braucht wird. Denn Ver­ei­ne sind die Le­bens­adern von dem, was wir Ge­sell­schaft nen­nen. Sie sind der kon­kre­te Ort, die kon­kre­ten Men­schen, bei de­nen auch Neu­an­kömm­lin­ge aus an­de­ren Kul­tur­krei­sen An­schluss fin­den kön­nen.“ Was ei­gent­lich ist Hei­mat?

Vor al­lem ist sie kein hoh­les, kein fal­sches Wort. Mög­li­cher­wei­se ist sie zu­nächst ein­mal nur das: Der Ort, an dem nie­mand nach dem Weg fra­gen muss, so Tho­ren vor der ers­ten von drei en­ga­gier­ten, aber auch nach­denk­li­chen Ge­sprächs­run­den der Hei­mat­ex­per­ten. Erz­bi­schof Hei­ner Koch wuss­te noch ei­ne wei­te­re Orts­be­zeich­nung: „Hei­mat ist da, wo ich mich auf Men­schen ver­las­sen kann und wo sich Men­schen auf mich ver­las­sen kön­nen.“

Das sagt ei­ner, der in Got­tes Na­men viel her­um­kommt und dar­um von sich be­haup­ten muss, dass er sich trotz sei­ner rhei­ni­schen Wur­zeln ein biss­chen zwi­schen den Wel­ten füh­le. „Mei­ne Hei­mat ist das Rhein­land, wo ich zu­haus bin, weiß ich noch nicht“, so der ge­bür­ti­ge Düs­sel­dor­fer, der erst kürz­lich von Dres­den nach Berlin ge­zo­gen ist. Den­noch (und sehr zur Freu­de der gut 130 ge­la­de­nen Gäs­te) sei für ihn „der größ­te Sprung von Düsseldorf nach Köln“ge­we­sen. Ist Hei­mat gleich Brauch­tum?

Kei­ne Fra­ge, ja! Je­den­falls für die nie­der­rhei­ni­sche Un­ter­neh­me­rin Chris­tia­ne Un­der­berg. Weil Brauch­tum im­mer Bin­dung be­deu­tet. Auch dar­um nann­te sie als Dra­ma un­se­rer Zeit, dass im­mer mehr Men­schen aus sol­chen Bin­dun­gen her­aus­fal­len, be­son­ders aus den Bin­dun­gen der Fa­mi­li­en. Der Wan­del der ge­sell­schaft­li­chen Keim­zel­le zieht so auch ei­nen Wan­del von Hei­ma­ter­fah­rung nach sich und stellt Brauch­tum vor neue Auf­ga­ben. Chris­tia­ne Un­der­berg setz­te sol­chen ver­meint­li­chen Ero­sio­nen et­was ent­ge­gen, was vi­el­leicht be­son­ders häu­fig Hei­mat­lie­ben­den zu ei­gen ist: selbst­be­wuss­ter Op­ti­mis­mus. „Es steckt an, wenn wir mit Be­geis­te­rung da­bei sind und Be­geis­te­rung bei un­se­rem Tun aus­strah­len.“Ge­hört dann auch Kir­che zum Brauch­tum? Der Ber­li­ner Erz­bi­schof hat­te da­mit kei­ner­lei Pro­ble­me, wenn Brauch­tum die Wei­ter­ga­be von Le­bens­weis­heit meint, so Koch. Al­so Frie­de, Freu­de, Brauch­tums-Eier­ku­chen? Und die Kri­se des Brauch­tums?

Es war der glei­che Hei­ner Koch, der dem Brauch­tum nicht per se den Frei­fahrt­schein für al­les Gu­te und Wah­re aus­stel­len woll­te. Brauch­tum sei kein ab­so­lu­ter Wert, weil Brauch­tum eben mit al­len In­hal­ten ge­füllt wer­den kann und in der deut­schen Ver­gan­gen­heit auch miss­braucht wur­de. „Manch­mal“, so der Erz­bi­schof, „kann Brauch­tum auch sehr ge­fähr­lich sein.“Koch weiß aus ei­ge­ner, be­drü­cken­der An­schau­ung, wo­von er spricht. Als Bi­schof von Dres­den muss­te er die Ent­ste­hung der aus­län­der­feind­li­chen und rechts­ex­tre­men Pegida er­le­ben – wie die De­mons­tran­ten durch die Stra­ßen zo­gen und auch noch Weih­nachts­lie­der an­stimm­ten. Das ist die Frat­ze des Miss­brauchs von Hei­mat und Brauch­tum.

Doch auch an­de­re konn­ten sich nicht mit al­lem ein­ver­stan­den er­klä­ren, was an Lob und Froh­sinn man­chem Brauch­tum so zu­ge­dacht wird. Bru­no Schmitz bei­spiels­wei­se hat nach ei­ge­nem Be­kun­den so sehr un­ter dem tra­di­tio­nel­len Kar­ne­val ge­lit­ten, dass er vor et­li­chen Jah­ren sei­ne be­am­te­te Leh­rer­stel­le an den Na­gel häng­te, um sich ganz dem schein­bar re­spekt­lo­sen Al­ter­na­tiv­kar­ne­val der Stunk­sit­zung zu wid­men. „Wir schie­ßen manch­mal übers Ziel hin­aus“, so Schmitz, aber auch das sei wich­tig und not­wen­dig. Und der un­ge­bro­chen rie­si­ge Zu­spruch der Stunk­sit­zun­gen ge­be ih­nen da­bei recht, so Schmitz. Wer moch­te oder konn­te da­ge­gen schon et­was ein­wen­den? Es war Erz­bi­schof Koch, des­sen Er­fah­run­gen aus Dres­den ihm das dik­tier­ten: „Nicht al­les, was ge­fällt, ist er­laubt und zu­gleich auch rich­tig.“

Dass aber auch schar­fe Kri­tik am Brauch­tum ein le­bens­wich­ti­ger Teil des Brauch­tums und sei­nes Wan­dels sein könn­te, woll­te nicht je­der Zu­hö­rer ak­zep­tie­ren. Wann man denn end­lich wie­der zum The­ma zu­rück­keh­re?, hieß es da laut­stark. Et­li­chen be­hag­te Brauch­tums­kri­tik nicht. Und ei­ne Um­fra­ge am En­de, wer sich vor­stel­len kön­ne, ein­mal Schüt­zen­kö­nig und -kö­ni­gin zu sein, zeig­te ei­ne so­li­de Grund­men­ta­li­tät an die­sem Abend: Für mehr als die Hälf­te der Gäs­te war die Kro­ne als Zier­de des ei­ge­nen Kop­fes vor­stell­bar.

Das The­ma aber blieb kri­ti­sches Brauch­tum – und dar­um auch die Stunk­sit­zung und an­de­re „Über­tre­tun­gen“. Auch Jac­ques Til­ly ge­hört zur Rie­ge der Un­er­schro­cke­nen, der mit sei­nen Kar­ne­vals­wa­gen un­ter an­de­rem in Düsseldorf bei man­chem Ver­tre­ter aus Po­li­tik und Kir­che schon für Angst und Schre­cken sorg­te. Til­ly, so sag­te er beim Gip­fel, liebt vor al­lem zwei Din­ge: Kar­ne­val als ori­gi­nä­res Volks­fest und als Spiel­wie­se der Nar­ren­frei­heit. Die­se sei für ihn ei­ne der größ­ten Er­run­gen­schaf­ten des Kar­ne­vals. Und der sei nach sei­nen Re­cher­chen so­gar äl­ter als die Kir­che, die er oh­ne­hin nicht ge­ra­de schätzt. Und so freu­te er sich, dass bi­se­xu­el­le oder schwu­le Kar­ne­vals­prin­zen im Kar­ne­val nicht mehr aus ih­ren Äm­tern ge­drängt wür­den wie noch vor we­ni­gen Jah­ren. Das Brauch­tum ist tot, es le­be das Brauch­tum

Un­ge­ach­tet al­ler Un­ken­ru­fe und Ge­sell­schafts­pro­gno­sen lebt das Brauch­tum. Da­von zeug­ten an die- sem Abend vie­le Bei­spie­le. Denn im Ge­gen­satz zu an­de­ren Or­ga­ni­sa­tio­nen – wie et­wa den po­li­ti­schen Par­tei­en – ken­nen Schüt­zen­ver­ei­ne kaum Nach­wuchs­sor­gen. Zwar sind die Kon­kur­renz­an­ge­bo­te ins­be­son­de­re für jun­ge Men­schen im­mens, so Schüt­zen-Hoch­meis­ter Ema­nu­el Prinz zu Salm, doch bleibt die Zahl der Ju­gend­li­chen in den ver­gan­ge­nen Jah­ren kon­stant.

„Es steckt an, wenn wir mit Be­geis­te­rung da­bei sind und Be­geis­te­rung bei un­se­rem Tun aus

strah­len“

„Mei­ne Hei­mat ist das Rhein­land, wo ich zu­haus bin, weiß ich

noch nicht“

Hei­ner Koch

Ein über­sicht­li­ches Pa­ra­de­bei­spiel im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes ist die Fa­mi­lie von Her­mann Grö­he. Nicht nur der Ge­sund­heits­mi­nis­ter ist ak­ti­ver Schüt­ze (seit fast 34 Jah­ren), „auch al­le mei­ne vier Kin­der mar­schie­ren im Schüt­zen­zug mit, weil sie das ein­fach klas­se fin­den“. Prinz zu Salm hat ei­ne weit grö­ße­re Schüt­zen­fa­mi­lie um sich ge­schart: 250.000 ak­ti­ven Schüt­zen steht er hier­zu­lan­de vor und weiß auch, wie in­ten­siv die Ver­ei­ne im so­zia­len Um­feld agie­ren und sich in­ten­siv ak­tu­el­len Fra­gen stel­len, wie der De­bat­te um mus­li­mi­sche Kö­ni­ge auch in christ­lich ori­en­tier­ten Schüt­zen­bru­der­schaf­ten. Die sei im üb­ri­gen nicht so frisch, wie vie­le ver­mu­te­ten. Schon vor sechs Jah­ren ha­be man in Neuss ein mus­li­mi­sches Mit­glied er­mun­tert, am Kö­nigs­schie­ßen teil­zu­neh­men, so Tho­mas Ni­ckel, der Prä­si­dent der Neus­ser Bür­ger­schüt­zen ist. Ist das schon al­les Brauch­tum?

Die De­bat­te – das zeig­ten am En­de die Zu­schau­er­fra­gen – war be­un­ru­hi­gend lü­cken­haft. Be­ru­hi­gend wie­der­um war, dass der Gip­fel auch nach ei­ner Syn­oden­län­ge von drei Wo­chen vol­ler Lü­cken ge­blie­ben wä­re. Orts­bild­pfle­ge? Mar­tins­um­zü­ge? Brauch­tum und Hei­mat sind ein wei­tes Feld – und wohl dem, der für sich und aus vol­ler Über­zeu­gung sei­ne Lei­den­schaft als Brauch­tums­pfle­ge ver­steht. Wie Rolf Kö­nigs, Prä­si­dent des Bun­des­li­gis­ten Bo­rus­sia Mön­chen­glad­bach, der den Fuß­ball auch als „Ganz­jah­res­brauch­tum“ver­stan­den wis­sen will, weil „er die Men­schen bei gu­ter Lau­ne hält“. Und zum Schluss: Hei­mat ist auch et­was Per­sön­li­ches

Das auf al­le Fäl­le, und un­ab­hän­gig von Al­ter und Be­ruf. Auch dar­um gab sich Horst Tho­ren am Ran­de be­wusst un­jour­na­lis­tisch und be­schloss den Brauch­tums­gip­fel der Rhei­ni­schen Post we­der mit ei­nem Ma­ni­fest noch mit ei­nem Com­mu­ni­qué, son­dern mit ei­nem per­sön­li­chen Be­kennt­nis: „Hei­mat ist für mich … Un­ges Pengs­te in Kor­schen­broich. Das gro­ße Schüt­zen­fest ver­bin­det Le­bens­freu­de mit Hei­mat­treue, ist of­fen für al­le, führt Men­schen zu­sam­men.“

Zum Schluss nahm je­der Gast noch ein Stück Hei­mat mit nach Hau­se: ei­nen Kie­sel aus dem na­hen Rhein.

Dis­ku­tier­ten beim Brauch­tums­gip­fel (v. l.): Un­ter­neh­me­rin Chris­tia­ne Un­der­berg, der Prä­si­dent der Neus­ser Bür­ger-Schüt­zen, Tho­mas Ni­ckel, Ge­sund­heits­mi­nis­ter Her­mann Grö­he (CDU), der stell­ver­tre­ten­de Chef­re­dak­teur der Rhei­ni­schen Post, Horst Tho­ren, Künst­ler Jac­ques Til­ly, der Hoch­meis­ter der His­to­ri­schen Deut­schen Schüt­zen­bru­der­schaf­ten, Ema­nu­el Prinz zu Salm-Salm, Ka­ba­ret­tist Bru­no Schmitz, Bo­rus­sia-Prä­si­dent Rolf Kö­nigs und der Ber­li­ner Erz­bi­schof Hei­ner Koch.

FO­TOS: ANDRE­AS ENDERMANN

Auf­merk­sa­me Zu­schau­er mit un­ter­schied­li­cher Wer­tung ein­zel­ner Dis­kus­si­ons­bei­trä­ge.

Ein Stück Hei­mat für zu Hau­se: Je­der Gast be­kam ei­nen Rh­ein­kie­sel.

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