Mer­kel spricht erst­mals von „Be­gren­zung“

Rheinische Post Goch - - POLITIK - VON B. MARSCHALL UND G. MAYNTZ

Die Kanz­le­rin rückt mit ih­rer Wort­wahl in der Flücht­lings­po­li­tik von ih­rer Li­nie vor­sich­tig ab. Die Gren­zen will sie aber of­fen­hal­ten.

BERLIN So­oft Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel in den ver­gan­ge­nen Wo­chen aus deut­schen oder in­ter­na­tio­na­len Kri­sen­kon­fe­ren­zen kam, fie­len ihr zum The­ma Flücht­lin­ge vie­le Wor­te ein: „Ver­tei­lung“et­wa oder „Flucht­ur­sa­chen“. Wenn es um Auf­nah­me und Un­ter­brin­gung ging, ver­wen­de­te sie die Wor­te „ver­ein­fa­chen“, „er­leich­tern“oder „be­schleu­ni­gen“. Auch das Wort Gren­ze tauch­te auf, aber nur da­hin­ge­hend, dass an den Gren­zen kei­ne Zäu­ne ent­ste­hen und es für Asyl und Flücht­lin­ge kei­ne Ober­gren­zen ge­ben dür­fe.

Um­so mehr fällt ein Mer­kel-Satz nach dem jüngs­ten Bal­kan-Rou­ten­Gip­fel ins Ge­wicht: Ge­ra­de hat­te sie noch da­von ge­spro­chen, die Flücht­lings­si­tua­ti­on ent­lang der Bal­kan­rou­te „lin­dern“zu wol­len, als sie ge­nau­so auf mit­tel­fris­ti­ge Maß­nah­men zu spre­chen kam, „die dann auch zu ei­ner Steue­rung und Be­gren­zung füh­ren“. Das ist ge­nau die Be­griff­lich­keit, die CSU-Chef Horst See­ho­fer seit Wo­chen von der Kanz­le­rin ein­for­dert. Und es ent­spricht der In­ter­pre­ta­ti­on von In­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re (CDU), der die Tä­tig­keit der ge­sam­ten Bun­des­re­gie­rung ein­schließ­lich der Kanz­le­rin auf die For­mel brach­te: „Wir ar­bei­ten al­le dar­an, die Zahl der Flücht­lin­ge zu be­gren­zen.“

Nur – be­tont hat­te Mer­kel bis­lang das Ge­gen­teil. Et­wa im In­ter­view mit un­se­rer Re­dak­ti­on Mit­te Sep­tem­ber, als sie nicht nur her­aus­stell­te, dass das Grund­recht auf Asyl „kei­ne Ober­gren­zen“ken­ne, son­dern auch hin­zu­füg­te: „Das gilt auch für Flücht­lin­ge, die aus der Höl­le ei­nes Bür­ger­krie­ges zu uns kom­men.“Die Ge­lehr­ten strit­ten sich in der Fol­ge über die mög­li­chen Au­ßen­wir­kun­gen: Füh­len sich al­le ein­ge­la­den, den Weg nach Deutsch­land an­zu­tre­ten, wenn die Kanz­le­rin per­sön­lich kei­ne Auf­nah­meOber­gren­ze sieht? Oder ma­chen sich erst recht al­le auf den Weg, wenn neue Zah­len ge­nannt wer­den, da­mit sie ih­re Chan­cen wah­ren, noch da­bei zu sein?

Mer­kels Po­li­tik­stil ist dar­an ori­en­tiert, Her­aus­for­de­run­gen dann zu be­wäl­ti­gen, wenn sie sich stel­len. Als sie An­fang Sep­tem­ber 20.000 Flücht­lin­ge aus Un­garn her­ein­ließ, be­zog sie sich auf Men­schen, die sich vie­le Wo­chen vor­her auf den Weg ge­macht hat­ten. In der Fol­ge wur­de je­der wei­te­re Flücht­ling die­ser Ges­te zu­ge­schrie­ben, völ­lig un­ab­hän­gig da­von, ob er schon lan­ge vor­her un­ter­wegs war oder sich von „Will­kom­men“-Schil­dern in Deutsch­land oder Sel­fie-Fo­tos von Flücht­lin­gen mit Mer­kel ani­miert ge­fühlt ha­ben mag.

Mit See­ho­fers For­de­rung nach ge­ord­ne­ten Ver­hält­nis­sen kann Mer- kel am meis­ten an­fan­gen. Das ist auch ih­re Hand­lungs­wei­se. „Es geht dar­um, die Flücht­lings­si­tua­ti­on zu ord­nen“, sag­te sie nach den nächt­li­chen Ver­hand­lun­gen in Brüs­sel. Des­halb hat sie auch die Be­schäf­ti­gung mit dem The­ma ri­tua­li­siert: Je­de Wo­che er­hebt die Bun­des­re­gie­rung ei­ne neue Be­stands­auf­nah­me. Ähn­li­ches ver­ab­re­de­te sie zwi­schen Bal­kan­rou­ten-Län­dern und EUKom­mis­si­on.

Noch hilf­reich könn­te für Mer­kel wer­den, dass mitt­ler­wei­le auch bei man­chem Grü­nen die Ein­sicht reift, dass der Flücht­lings­zu­zug be­grenzt wer­den muss. „Wir Grü­ne leh­nen Tran­sit­zo­nen ab, wenn sie nur da­zu füh­ren sol­len, dass Flücht­lin­ge sehr schnell ab­ge­wie­sen wer­den, und da­mit ihr in­di­vi­du­el­les Asyl­recht be­schränkt wird“, sagt Grü­nen-Po­li­ti­ker Tho­mas Gambke. Man sei aber da­für, dass die EU-Re­geln ein­ge­hal­ten wer­den. „Wenn in ei­nem Tran­sit­be­reich, et­wa an der deutsch-ös­ter­rei­chi­schen Gren­ze, ge­nü­gend Per­so­nal vor­han­den wä­re, um sich in ab­seh­ba­rer Zeit re­gis­trie­ren zu las­sen, dann kön­nen wir auch von den Flücht­lin­gen ver­lan­gen, dass sie sich an die Re­geln hal­ten. Nur der, der re­gis­triert wird, soll­te dann die Un­ter­stüt­zung er­hal­ten, die wir ihm ge­ben wol­len.“

Die CSU bleibt auch nach Mer­kels Hin­weis auf ei­ne „Be­gren­zung“skep­tisch. „In die­ser schwie­ri­gen La­ge zäh­len nur noch Ta­ten zur Be­gren­zung des Zus­troms und nicht die Spitz­fin­dig­keit von Be­grif­fen“, mein­te CSU-Ge­ne­ral­se­kre­tär Andre­as Scheu­er.

Kei­ne Il­lu­si­on macht sich die Kanz­le­rin des­halb, dass ihr ri­si­ko­rei­cher Weg noch von viel Über­zeu­gungs­ar­beit be­glei­tet sein muss und die­se noch lan­ge dau­ern wird. So scherz­te sie ges­tern beim Bür­ger­di­alog in Nürn­berg, nach­dem ein Be­su­cher sie we­gen ih­rer Po­li­tik ge­lobt und hin­zu­ge­fügt hat­te, ein Freund von ihm se­he das ge­nau­so: „Na, dann sind wir ja schon drei.“

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