GÜN­THER OET­TIN­GER „Sig­mar Ga­b­ri­el ist auch kein Nerd“

Rheinische Post Goch - - WIRTSCHAFT - CHRIS­TO­PHER ZIEDLER FÜHR­TE DAS GE­SPRÄCH. DIE LANG­FAS­SUNG FIN­DEN SIE UN­TER: WWW.RP-ON­LI­NE.DE.

Der EU-Di­gi­tal­kom­mis­sar wehrt sich ge­gen Vor­wür­fe, zu alt fürs Amt zu sein. Er will Ju­gend­schutz-Re­geln für YouTube.

Herr Oet­tin­ger, Sie sind seit ei­nem Jahr der EU-Di­gi­tal­kom­mis­sar. Wie geht es dem Ju­bi­lar denn nun da­mit? OET­TIN­GER Die Di­gi­ta­li­sie­rung ist das ent­schei­den­de The­ma, wenn Eu­ro­pa in Zu­kunft sei­ne Wett­be­werbs­fä­hig­keit be­hal­ten und noch aus­bau­en will. Des­we­gen be­ar­bei­te ich die­ses The­ma mit vol­ler Über­zeu­gung. Aus­ge­rech­net Oet­tin­ger wird Di­gi­tal­kom­mis­sar, hieß es. Sind Sie in­zwi­schen im Amt an­ge­kom­men? OET­TIN­GER Mich hat schon ein we­nig ge­wun­dert, war­um man mir an­krei­det, dass ich kein „Di­gi­tal Na­ti­ve“bin. Wenn ich mich auf der eu­ro­päi­schen Ebe­ne um­schaue, ist kei­ner mei­ner Ge­sprächs­part­ner auf Mi­nis­ter­ebe­ne mit ei­nem Smart­pho­ne auf­ge­wach­sen. Und auch die für die di­gi­ta­le Agen­da Deutsch­lands Zu­stän­di­gen – ob nun Sig­mar Ga­b­ri­el, Tho­mas de Mai­ziè­re oder Bil­dungs­mi­nis­te­rin Jo­han­na Wan­ka – sind al­le kei­ne aus­ge­wie­se­nen Nerds. Be­glei­tet Sie die Skep­sis noch? OET­TIN­GER Klar gibt es ab und zu je­man­den, der mir ei­ne Fang­fra­ge stel­len oder mei­nen Kom­men­tar zu ei­nem neu­en Auf­satz ei­nes Netz­gu­rus wis­sen will. Aber sonst füh­le ich mich sehr wohl und spü­re ei­ne gu­te Re­so­nanz, die An­fra­ge nach Ter­mi­nen ist rie­sig. Erst am Di­ens­tag hat die EU-Kom­mis­si­on in Por­tu­gal ei­nen Di­gi­tal­kon­gress ver­an­stal­tet mit 7000 Teil­neh­mern aus al­ler Welt. Kri­ti­ker nen­nen Sie An­kün­di­gungs­welt­meis­ter. Aus Deutsch­land hört man, es müs­se was zu „ In­dus­trie 4.0“kom­men. Wann le­gen Sie los? OET­TIN­GER Die Weck­ruf-Kam­pa­gne wer­de ich si­cher fort­füh­ren. Wir müs­sen die Ent­schei­dungs­trä­ger in Po­li­tik und Wirt­schaft, aber auch in den Ge­werk­schaf­ten über­zeu­gen, die Di­gi­ta­li­sie­rung zur Prio­ri­tät zu er­klä­ren. Zum Schlag­wort „In­dus­trie 4.0“: Da geht es nicht um Ge­set- ze, son­dern in ers­ter Li­nie um Stan­dards und For­schungs­pro­jek­te zur Fa­b­rik der Zu­kunft. Und ich ha­be im April auf der Han­no­ver Mes­se da­mit be­gon­nen, die be­ste­hen­den na­tio­na­len Netz­wer­ke zu eu­ro­päi­sie­ren: Wir dis­ku­tie­ren seit­her mit­ein­an­der, wel­che eu­ro­päi­schen Stan­dards wir brau­chen und wo­für die Na­tio­nal­staa­ten zu­stän­dig sein wer­den. Wann aber kom­men Ge­set­zes­vor­schlä­ge, mit de­nen ein di­gi­ta­ler EUBin­nen­markt ge­schaf­fen wird? OET­TIN­GER Wir fan­gen im De­zem­ber an mit ei­nem ers­ten Ge­set­zes­pa­ket zum Ur­he­ber­recht, bis Herbst des nächs­ten Jah­res wer­den wir ei­ne gan­ze Fül­le wei­te­rer Ge­set­zes­vor­schlä­ge vor­ge­legt ha­ben – et­wa ei­ne über­ar­bei­te­te TV-Richt­li­nie, in der es auch dar­um geht, ob wir die Ju­gend­schutz­be­schrän­kun­gen des Fern­se­hens bei­spiels­wei­se auf YouTube über­tra­gen. Schnel­ler geht es nicht, weil so et­was gut vor­be­rei­tet sein muss. Beim Ur­he­ber­recht ha­ben Sie im­mer ge­sagt, es ge­he um die rich­ti­ge Ba­lan­ce zwi­schen den An­sprü­chen der In­ter­net­nut­zer und de­nen der Rech­te­inha­ber. Ha­ben Sie die­se Ba­lan­ce mitt­ler­wei­le ge­fun­den? OET­TIN­GER Wir tes­ten die In­stru­men­te noch. Wir wer­ten zum Bei­spiel aus, was das deut­sche Leis­tungs­schutz­recht ge­bracht hat oder wie sich der ge­schei­ter­te Ge­setz­ent­wurf in Spa­ni­en aus­ge­wirkt hät­te. Des­halb gibt es ei­nen zwei­stu­fi­gen Pro­zess – ers­te Baustei­ne im De­zem­ber, al­les wei­te­re 2016. Es ver­zö­gert sich al­so. Gilt das auch für den Breit­band­aus­bau oder Ih­re Initia­ti­ve zur di­gi­ta­len Wei­ter­bil­dung, für die Sie schon lan­ge wer­ben? OET­TIN­GER Bei den di­gi­ta­len Kom­pe­ten­zen stre­be ich ei­ne Ziel­ver­ein­ba­rung mit den Mit­glied­staa­ten an. Je­der von ih­nen soll sich ver­pflich­ten, die Zahl der Stu­di­en­plät­ze in Sa­chen IT zu er­hö­hen – ent­lang den Pro­gno­sen da­zu, was für den Ar­beits­markt 2020 und da­nach an Be­darf ab­seh­bar ist. Zu­dem tref­fe ich mich häu­fig mit Wei­ter­bil­dungs­trä­gern wie den In­dus­trie- und Han­dels­kam­mern oder den Ge­werk­schaf­ten, die sich groß­flä­chig be­reit­er­klärt ha­ben, mehr di­gi­ta­le An­ge­bo­te zu ma­chen. Und dann ist da noch der EU-In­ves­ti­ti­ons­fonds, der jetzt die Ar­beit auf­ge­nom­men hat: Mein Ziel ist, dass wir den Fonds auch für di­gi­ta­le Zwe­cke nut­zen – von der For­schung an Su­per­com­pu­tern bis zum The­ma Breit­band. Sind Sie nicht ein Kö­nig oh­ne Land? Beim Breit­band­aus­bau zum Bei­spiel steht bis zum Jahr 2020 statt der er­hoff­ten neun Mil­li­ar­den Eu­ro nur ei­ne Mil­li­ar­de zur Ver­fü­gung. OET­TIN­GER Da­mit kann man in der Flä­che tat­säch­lich we­nig ma­chen. Nur Ein­zel­pro­jek­te. Jetzt kommt es dar­auf an, ob Junckers In­ves­ti­ti­ons­plan für den Breit­band­aus­bau greift. Dann reicht das. Wenn es nicht klappt, wer­de ich bei der Über­prü­fung des mehr­jäh­ri­gen EU-Fi­nanz­rah­mens 2016 an­re­gen, noch mehr Geld für den Breit­band­aus­bau be­reit­zu­stel­len. Denn al­le sa­gen doch, dass wir den grenz­über­schrei­ten­den Netz­aus­bau brau­chen. Be­kennt­nis­se gibt es auch zur Da­ten­si­cher­heit. Was pas­siert wirk­lich? OET­TIN­GER Ge­setz­ge­be­risch sind wir auf der Ziel­ge­ra­den, die ers­te EUGe­setz­ge­bung zur Da­ten­si­cher­heit zu ver­ab­schie­den. Wir set­zen da­mit ge­wis­se Stan­dards, füh­ren Trans­pa­renz und Mel­de­pflich­ten ein, wenn Un­ter­neh­men Op­fer von Ha­ckeran­grif­fen oder In­dus­trie­spio­na­ge ge­wor­den sind. Ich hof­fe, dass wir bald zum Ab­schluss kom­men – auch wenn ei­ni­ge Mit­glied­staa­ten da­mit noch Pro­ble­me ha­ben. Sie be­trach­ten die Da­ten­si­cher­heit aus­schließ­lich als Fra­ge der in­ne­ren Si­cher­heit und da­mit als rein na­tio­nal­staat­li­che Kom­pe­tenz. Ich bin aber zu­ver­sicht­lich, dass sie am En­de doch ei­ner eu­ro­päi­schen Zu­stän­dig­keit zu­stim­men.

FOTO: DPA

EU-Kom­mis­sar Gün­ther Oet­tin­ger kämpft ge­gen Vor­ur­tei­le.

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