Geis­ter im Schlaf – wie wir Alb­träu­me los­wer­den

Rheinische Post Goch - - KULTUR -

Zu Hal­lo­ween wer­den Mons­ter, Geis­ter und He­xen le­ben­dig und wan­deln man­cher­orts durch die Stra­ßen. Vie­le Men­schen je­doch wer­den nicht nur in die­ser ei­nen Nacht von Schre­ckens­ge­spens­tern heim­ge­sucht, son­dern fah­ren re­gel­mä­ßig schweiß­ge­ba­det aus dem Schlaf hoch. Je­der zwan­zigs­te Deut­sche er­lebt sol­che Zu­stän­de – und zwar mehr­mals pro Wo­che. In vie­len Alb­träu­men stürzt der Schlä­fer aus gro­ßer Hö­he in die Tie­fe. Am zweit­häu­figs­ten kom­men Ver­fol­gungs­sze­na­ri­en und Flucht­ge­füh­le vor. Auf Platz drei lie­gen Ohn­machts­si­tua­tio­nen, et­wa sich nicht be­we­gen zu kön­nen oder in ei­ner Prü­fung zu ver­sa­gen. Beim Auf­wa­chen er­ge­ben ge­ra­de die­se schlim­men Träu­me oft noch we­ni­ger Sinn als selt­sa­me, aber gu­te Traum­bil­der – schein­bar je­den­falls. Was Alb­träu­me wirk­lich be­deu­ten „Träu­me spie­geln das wi­der, was uns wirk­lich be­schäf­tigt“, er­klärt Micha­el Sch­redl, Traum­for­scher am Zen­tral­in­sti­tut für See­li­sche Ge­sund­heit (ZI). „Al­ler­dings er­le­ben wir dann nicht ein­fach die glei­che Si­tua­ti­on wie im All­tag, son­dern im Traum wer­den die Din­ge dra­ma­ti­siert, da­mit sie deut­li­cher zu­ta­ge tre­ten.“Bei Ver­fol­gungs­träu­men bei­spiels­wei­se han­delt es sich laut dem Ex­per­ten meist um ein Ver­mei- dungs­ver­hal­ten. Das be­deu­tet, dass sich der Träu­mer im All­tag mit ei­ner Si­tua­ti­on oder Angst nicht kon­fron­tie­ren will und die­ses Mus­ter so stark ist, dass er auch nachts da­von­läuft. „Ent­spre­chend steht ein Mons­ter oder Bö­se­wicht der im Traum hin­ter ei­nem her ist, letzt­lich für ein be­stimm­tes Grund­mus­ter, das für den Träu­mer im Wach­zu­stand ei­ne Be­deu­tung hat.“Wei­te­re wich­ti­ge Grund­mus­ter sind et­wa die Prü­fungs­si­tua­ti­on oder der Sturz. „Beim Fal­len geht es für den Träu­men­den um das Ge­fühl, ohn­mäch­tig zu sein. Den Halt im Le­ben ver­lo­ren zu ha­ben und um den Glau­ben, dass das mit dem si­che­ren Tod en­det“, sagt Sch­redl. Dar­über hin­aus deu­tet ein Fall-Traum dar­auf hin, dass es im Wach­zu­stand ein Grund­ge­fühl gibt, Din­ge nicht in den Griff zu be­kom­men. Alp­träu­me ver­än­dern Doch nicht nur gibt der Traum Hin­wei­se auf die Rea­li­tät, son­dern die Rea­li­tät bie­tet auch Lö­sungs­mög­lich­kei­ten für den Traum: „In meh­re­ren Lang­zeit­stu­di­en konn­te ge­zeigt wer­den, dass sich die In­hal­te von Alb­träu­men ver­än­dern las­sen, wenn sie im Wach­zu­stand be­wusst um­ge­dacht wer­den“, sagt der Ex­per­te. Das be­deu­tet: Der Träu­mer kann der Hilf­lo­sig­keit im Schlaf ent­kom­men, in­dem er sei­ne Geis­ter im All­tags­be­wusst­sein ver­treibt: „Man muss sich sei­nen Alb­traum vor­neh­men und sich zu­nächst fra­gen, was man in der Traum­si­tua­ti­on er­lebt hat. Da­nach fragt man sich, was in die­ser Si­tua­ti­on für ei­nen hilf­reich ge­we­sen wä­re“, er­klärt Sch­redl. Wer häu­fig un­ter Ver­fol­gungs­träu­men lei­det, der könn­te sich bei­spiels­wei­se in der Vor­stel­lung Hil­fe von Freun­den ho­len oder sich ei­nen Leib­wäch­ter zur Sei­te stel­len. Je­mand, der nachts in die Tie­fe stürzt, könn­te sich tags­über be­wusst vor­stel­len, wie er flie­gen lernt oder von ei­nem Gleit­schirm­flie­ger auf­ge­fan­gen wird.

Ähn­lich wie im Schlaf soll­ten Be­trof­fe­ne da­bei ver­su­chen, sich auch am Tag mög­lichst kon­kret in die Traum­si­tua­ti­on hin­ein­zu­den­ken. Da­bei kann es hel­fen, ab­sicht­lich ein­zel­ne Ge­rü­che oder Be­rüh­run­gen auf der Haut noch ein­mal zu er­le­ben. Ist letzt­lich ei­ne bes­se­re Lö­sung ge­fun­den, soll­te das neue Traum-Skript täg­lich für ei­ni­ge Mi­nu­ten ein­ge­übt wer­den. Al­ler­dings un­be­dingt mit in­ne­rer Ru­he und Ge­duld: „Die meis­ten Grund­mus­ter, die sich in Träu­men zei­gen, wer­den schon früh im Le­ben ge­lernt, und es braucht et­was Aus­dau­er, um sie zu ver­än­dern“, sagt Sch­redl.

Wer aber ste­tig übt, der „sorgt nicht nur da­für, dass die Alb­träu­me mit der Zeit ver­schwin­den, son­dern zu­gleich wer­den in­di­rekt neue emo­tio­na­le und teil­wei­se auch prak­ti­sche Ver­hal­tens­vor­schlä­ge für die Grund­pro­ble­me im Wach­zu­stand er­lernt“. Da­mit kön­nen sich die Hor­ror­sze­na­ri­en aus der Nacht in hilf­rei­che Weg­wei­ser für das rea­le Le­ben ver­wan­deln. „Und ge­nau so ist der krea­ti­ve Pro­zess im Traum ei­gent­lich auch ge­meint“, sagt Sch­redl.

FOTO: THINKSTOCK

Alb­träu­me sind meis­tens mit dif­fu­sen, ge­spens­tisch an­mu­ten­den Bil­dern ver­bun­den, die ei­ne ge­wis­se Sug­ges­tiv­kraft aus­stra­hen.

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