Spen­den an Ta­fel rei­chen nicht mehr aus

Rheinische Post Goch - - GRENZLAND POST - VON AN­JA SETT­NIK

Im­mer mehr Asyl­be­wer­ber kom­men zur Le­bens­mit­tel­aus­ga­be und tre­ten mit den Hartz-IV-Emp­fän­gern in Wett­be­werb. Mehr Kun­den, aber kei­nes­falls mehr Spen­den – ein Pro­blem. Nie­mand wird be­vor­zugt, ver­si­chern die Eh­ren­amt­ler.

GOCH Sa­bi­ne ist seit Jah­ren Kun­din der Go­cher Ta­fel. Frü­her kam die Hartz-IV-Emp­fän­ge­rin zwei­mal in der Wo­che, in­zwi­schen ist sie nur noch diens­tags an der Rei­he. Ganz so lan­ge hält das fri­sche Ge­mü­se nicht, das sie in ih­re Ta­sche packt. Bis zum nächs­ten Di­ens­tag muss sie nun auch Sa­chen es­sen, die sie we­ni­ger mag. „Wir muss­ten die Grup­pe tei­len, weil es an­ders nicht mehr

Paul Ro­eben zu or­ga­ni­sie­ren war“, er­klärt Lothar This­sen vom Lei­tungs­team der Ta­fel. Denn die An­zahl der Hil­fe­be­dürf­ti­gen hat deut­lich zu­ge­nom­men. Im­mer mehr Asyl­be­wer­ber rei­hen sich in die Kund­schaft ein.

„Das Schlim­me ist, dass die Spen­den nicht mehr wer­den“, sagt This­sen. Die Su­per­märk­te ge­ben ab, was sie kön­nen, vor­wie­gend Pro­duk­te, die na­he am Ver­falls­da­tum sind oder op­tisch nicht mehr 1a. Aber un­term Strich ha­be sich die Men­ge im Lau­fe der Jah­re eben nicht er­höht, wäh­rend die Kun­den deut­lich mehr ge­wor­den sind. „Hät­ten wir den Groß­händ­ler Jo­mo aus Wee­ze nicht, sä­he es für un­se­re Ta­fel ziem­lich schlecht aus“, er­klärt der Eh­ren­amt­ler.

In­grid Clink kann Zah­len nen­nen: „Wir ha­ben et­wa 400 Kun­den­kar­ten aus­ge­ge­ben, ein Groß­teil der Leu­te kommt re­gel­mä­ßig. Es sind et­wa 150 Singles, ei­ni­ge Paa­re und im­mer mehr Fa­mi­li­en mit zum Teil vie­len Kin­dern. Da hän­gen dann an ei­nem Be­zugs­schein bis zu sie­ben, acht Leu­ten dran.“

Ein Eu­ro pro Ein­kauf ist von den Kun­den zu zah­len – ein eher sym­bo­li­scher Be­trag. Da­mit die Emp­fän­ger nicht das Ge­fühl ha­ben, Al­mo­sen zu be­kom­men. Die Da­men an der „Kas­se“ha­ben Lis­ten mit den Num­mern der Kun­den­kar­ten vor sich lie­gen. „Sie sol­len al­le zu be­stimm­ten Uhr­zei­ten kom­men, da­mit es nicht zu ei­nem Rie­sen­ge­drän­ge kommt“, er­klärt ei­ne der Hel­fe­rin­nen. Das klappt na­tür­lich nicht so ganz, aber das Prin­zip ent- zerrt den Zustrom zu­min­dest ein we­nig.

In­si­der sa­gen, die Scham der Kun­den sei heu­te nicht mehr so groß wie vor Jah­ren. Ta­feln gibt es in­zwi­schen in fast al­len Städ­ten, und dass es nicht sinn­voll ist, gu­te Le­bens­mit­tel weg­zu­wer­fen, se­hen heu­te auch vie­le Ver­brau­cher so, die sich Ein­käu­fe zum re­gu­lä­ren Preis leis­ten kön­nen. Auch, wenn in­zwi­schen of­fe­ner mit dem The­ma um­ge­gan­gen wird: Der Zu­gang zur Go­cher Ta­fel ist noch im­mer „hin­ten rum“. Vor­ne an der Frau­en­stra­ße ist nur der Zu­gang zum Bü­ro der „Ar­che“, die als Ver­ein Trä­ger der Ta­fel ist. Die Mit­ar­bei­ter ge­ben an Go­cher, die ih­re Be­dürf­tig­keit nach­wei­sen kön­nen, die Kun­den­kar­ten aus. Paul Ro­eben und an­de­re Eh­ren­amt­ler be­ra­ten zu­dem in Not­la­gen. „Wir müss­ten ei­gent­lich Dol­met­scher hier ha­ben, denn es kom­men im­mer mehr Men­schen zu uns, die kaum Deutsch spre­chen“, er­klärt er.

Gibt es Pro­ble­me zwi­schen den ver­schie­de­nen Grup­pen, vi­el­leicht Neid oder Ag­gres­sio­nen? Dar­auf hat This­sen ei­ne kla­re Ant­wort: „Vom Ta­fel-Team wird je­der gleich be­han­delt. Wenn hier je­mand meint, als Deut­scher müss­te er mehr be­kom­men, kriegt er den Wind von vor­ne.“Pe­tra Ro­ther und Ka­rin Brau­wers, die an die­sem Tag Di­enst ha­ben, sind froh, dass die Wa­ren­men­ge wie­der ein­mal so ge­ra­de eben aus­reicht. Gu­tes Brot von ges­tern wan­dert in zahl­rei­che Kör­be, viel Grü­nes, Wurst und Kä­se, auch Wa­schund Pfle­ge­mit­tel.

Ins­ge­samt 64 Eh­ren­amt­ler fah­ren für die Go­cher Ta­fel, sor­tie­ren, por­tio­nie­ren und ge­ben Wa­ren aus. Nicht je­der will für sei­nen selbst­lo­sen Ein­satz be­wun­dert wer­den. Ei­ne ehe­ma­li­ge Ge­schäfts­frau zum Bei­spiel be­rich­tet: „Als ich mich zur Ru­he setz­te, merk­te ich, dass ich an­fing, die Zeit zu ver­plem­pern. Ich saß mor­gens im­mer län­ger am Früh­stücks­tisch, da­bei gibt es doch so viel zu tun.“Bei der Ta­fel ha­be sie ei­ne sinn­vol­le Be­tä­ti­gung und vie­le Kon­tak­te ge­fun­den.

„Wir müss­ten ei­gent­lich Dol­met­scher

hier ha­ben“

FOTO: PRI­VAT

Lothar This­sen, Pe­tra Ro­ther und Ka­rin Brau­wers ge­hö­ren zu den 64 Hel­fern, die bei sich bei der Go­cher Ta­fel en­ga­gie­ren.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.