Ge­spens­ter in der Schloss­rui­ne

Rheinische Post Goch - - LOKALE KULTUR - VON MAT­THI­AS GRASS

In der Aus­stel­lung „Kunst.Be­wegt.08“wird das al­te Mär­chen um Schloss Moy­land wie­der le­ben­dig. Fei­ne Strich­zeich­nun­gen spie­geln die be­son­de­re Sicht des Zeich­ners Gott­fried Wiegand auf ei­ne un­heim­li­che Rui­ne wi­der.

BEDBURG-HAU-MOY­LAND Die Bal­ken hän­gen von den De­cken, in den di­cken Zie­gel­stein­mau­ern sind Lö­cher, durch die lee­ren Fens­ter­höh­len pfeift der Wind. Schloss Moy­land war Rui­ne, in den letz­ten Kriegs­ta­gen schwer be­schä­digt, dann dem Ver­fall preis­ge­ge­ben. In man­chen Räu­men kann man vom Kel­ler bis un­ters Dach gu­cken, in an­de­ren geht’s in dunk­le Höh­len. Schutt ver­sperrt den Weg. Ge­spray­te He­xen und Ge­hörn­te dro­hen von den Putz­res­ten. Klar, dass es hier Ge­spens­ter ge­ben muss. Ganz be­stimmt, wenn man um die nächs­te Ecke biegt.

Als die Schrift­stel­le­rin In­grid Ba­chér, die spä­ter noch Vor­sit­zen­de des PEN-Clubs wer­den soll­te, 1975 mit ih­ren Kin­dern durch die Rui­ne über Bal­ken und Zie­gel klet­ter­te, prä­sen­tier­te sich Moy­land ver­wun­schen. Zu­ge­wu­chert und ver­wil­dert der Park, ver­fal­len die Tür­me und Häu­ser des Schlos­ses. Das gro­ße Tor vor­ne hin­aus war mit Bret­tern ver­schla­gen. „Be­tre­ten ver­bo­ten! Ein­sturz­ge­fahr“droh­te ein gro­ßes Schild.

„Be­tre­ten ver­bo­ten! Ein­sturz­ge­fahr“heißt es auch auf dem ers­ten Bild im Buch, das In­grid Ba­chér als „il­lus­tres Kunst­mär­chen“(so spä­ter der Kunst­samm­ler Hans van der Grin­ten) über Moy­land schrieb. Jetzt ste­hen das Buch der zeit­wei­se in Goch auf dem Tho­mas­hof le­ben­den Schrift­stel­le­rin und vor al­lem die Il­lus­tra­tio­nen des Ma­lers und Zeich­ners Gott­fried Wiegand im Mit­tel­punkt ei­ner Ka­bi­nett-Aus­stel­lung in Mu­se­um Schloss Moy­land.

Das wun­der­ba­re Mär­chen­buch, das von Adri­an, dem Jun­gen, der im Kahn über den Gra­ben ins Schloss fährt, vom Fuchs und vor al­lem vom Rip­pel er­zählt, gibt’s da­zu für ge­ra­de mal drei Eu­ro im Mu­se­ums­shop. Denn als Schloss Moy­land 1997 als Mu­se­um für mo­der­ne Kunst er­öff­net wur­de, wur­de das klei­ne Büch- lein neu auf­ge­legt. Dr. Bar­ba­ra Strie­der, die Lei­te­rin der gra­fi­schen Samm­lung des Schlos­ses, hat die 23 fei­nen Strich­zeich­nun­gen, die Gott­fried Wiegand zum Text mach­te, aus dem Fun­dus des Mu­se­ums ins Licht der Aus­stel­lung „Kunst.Be­wegt.08“ge­holt.

Im Eck­turm, dort, wo das Rip­pel vor 40 Jah­ren im Ge­bälk ge­turnt ha- ben könn­te, hän­gen die Tusch­zeich­nun­gen in der Run­de. Man sol­le sich das Buch neh­men, le­sen und ent­lang der Zeich­nun­gen schrei­ten und so die Ge­schich­te vom Rip­pel noch ein­mal ganz neu er­le­ben, schlägt Strie­der vor.

In ei­ner Vi­tri­ne sind die Ori­gi­nal­aus­ga­be von 1975 zu se­hen, das ak­tu­ell noch zu ha­ben­de Buch von 1997 so­wie ei­ni­ge Blei­stift­ent­wür­fe, die der vor zehn Jah­ren ver­stor­be­ne Wiegand spon­tan aufs Pa­pier ge­wor­fen hat­te.

Ba­cher kann­te Wiegand, als sie Mit­te der 1970er Jah­re vom Tho­mas­hof aus durch das Schloss streif­te. Der Zeich­ner ge­hör­te zu den Künst­ler­freun­den von Hans und Franz-Jo­seph van der Grin­ten, die spä­ter eben die­ses Schloss aus­er­ko­ren, dort ih­re Samm­lung und vor al­lem ih­ren gro­ßen Fun­dus von Beuys-Zeich­nun­gen zu prä­sen­tie­ren. Doch 1975 hat­te noch kei­ne ei­ne Ah­nung, dass die Rui­ne der­einst für rund 30 Mil­lio­nen Eu­ro wie­der zum an­sehn­li­chen Aus­flugs­ziel wer­den soll­te. Aus­flugs­ziel war Moy­land zu die­ser Zeit für Aben­teu­er­lus­ti­ge, Rui­nen-Fans und je­ne, die hier – wie auch im­mer – fei­er­ten. Und nicht We­ni­ge hin­ter­lie­ßen ir­gend­wel­che Kra­xe­lei­en auf der Wand. Ei­ne, ein ge­hörn­tes Teu­fels-Ge­rip­pe, das dem Be­su­cher bö­se die Hand mit aus­ge­streck­tem Zei­ge- und klei­nem Fin­ger ent­ge­gen­streckt, soll Ba­cher für das Rip­pel in­spi­riert ha­ben, sagt Strie­der.

Mit ih­rem da­ma­li­gen Ver­lag ei­nig­te sie sich auf Gott­fried Wiegand als Il­lus­tra­tor. Und der schuf Bil­der, die, so Hans van der Grin­ten in ei­nem spä­te­ren Nach­wort, ih­re Wur­zeln in der deut­schen Früh­ro­man­tik nicht ver­leug­nen. Da scheint der Mond kalt durch die Mau­er­rit­ze und spie­gelt sich weiß im Was­ser, da guckt der schlaue Fuchs, der ir­gend­wie zum Rip­pel ge­hört (wir wol­len die Ge­schich­te ja nicht ver­ra­ten) mit freund­li­chen Au­gen und bu­schi­gem Schweif. Nur das Rip­pel sieht man nicht. Aber das ist ja auch ein Ge­spenst. Denn wie heißt der Ti­tel des Bu­ches: „Ge­spens­ter sieht man nicht“.

Das Buch fas­zi­niert mit sei­ner Ge­schich­te und sei­nen Zeich­nun­gen bis heu­te Er­wach­se­ne wie Kin­der, man kann es le­sen und vor al­lem vor­le­sen mit Blick auf die di­cken Fall­tü­ren und Pfos­ten und Gän­ge. Und man er­fährt, dass die­se Tü­ren und Fall­tü­ren ver­wun­schen sind - sie las­sen das Rip­pel näm­lich nicht ’raus. Weil der bö­se Ver­wal­ter es so will . . . Aus­stel­lung „Kunst.be­wegt.08“in Schloss Moy­land, Öff­nungs­zei­ten: Di­ens­tag bis Sonn­tag von 11 Uhr bis 17 Uhr.

RP-FOTO: GOTT­FRIED EVERS

Nur noch Rui­ne. Gott­fried Wie­gan­ds Blick auf Schloss Moy­land.

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