Die Af­fä­re wird kai­ser­lich

Rheinische Post Goch - - SPORT - VON RO­BERT PE­TERS

Franz Be­cken­bau­er be­teu­ert in ei­ner ers­ten Stel­lung­nah­me: Es wur­den kei­ne Stim­men ge­kauft.

DÜSSELDORF Vor acht Ta­gen hat er mit sei­nem Golf­part­ner te­le­fo­niert. Das kommt vor. Und es stört Franz Be­cken­bau­er na­tür­lich nicht, dass sein Golf­part­ner ein wich­ti­ger Mei­nungs­ma­cher im Fuß­ball­ge­schäft ist. Im Ge­gen­teil. Al­f­red Drax­ler, heu­te Chef­re­dak­teur der „Spor­tBild“, da­vor lan­ge Jah­re an der Spit­ze der „Bild­zei­tung“, mar­schier­te nach dem Te­le­fo­nat in die Dop­pel­pass-Talk­show von „Sport 1“und er­klär­te, „der Franz“ha­be ihm „glaub­haft“ver­si­chert, dass es kei­ne Be­ste­chung bei der WM-Ver­ga­be 2006 ge­ge­ben ha­be. Da­mit muss­te dann doch wohl al­les gut sein.

Ist es aber nicht. Denn nie­mand konn­te bis­her die ge­heim­nis­vol­len Vor­gän­ge um ei­ne Über­wei­sung von 6,7 Mil­lio­nen Eu­ro auf ein Fi­faKon­to auf­klä­ren. Ges­tern mach­te Franz Be­cken­bau­er sei­nen ers­ten Ver­such, nach­dem DFB-Prä­si­dent Wolf­gang Niers­bach ver­gan­ge­ne Wo­che ge­schei­tert war. Der da­ma­li­ge Chef des Be­wer­bungs- und Or­ga­ni­sa­ti­ons­ko­mi­tees der WM er­klär­te schrift­lich: „Es wur­den kei­ne Stim­men ge­kauft. Um ei­nen Fi­nan­zie­rungs­zu­schuss der Fi­fa zu er­hal­ten, wur­de auf ei­nen Vor­schlag der FifaFi­nanz­kom­mis­si­on ein­ge­gan­gen, den die Be­tei­lig­ten aus heu­ti­ger Sicht hät­ten zu­rück­wei­sen sol­len. Für die­sen Feh­ler tra­ge ich als Prä­si­dent des da­ma­li­gen Or­ga­ni­sa­ti­ons­ko­mi­tees die Ver­ant­wor­tung.“

Be­cken­bau­er wie­der­hol­te da­mit die Ver­si­on, die er sei­nem Freund Niers­bach nach ei­nem Tref­fen in Salz­burg mit auf den Rück­weg zur DFB-Zen­tra­le nach Frank­furt ge­ge­ben hat­te. Sie geht so: Die Fi­fa ha­be 2002 vom DFB 6,7 Mil­lio­nen Eu­ro ver­langt, da­mit der spä­ter in den Ge­nuss ei­nes Zu­schus­ses für die WM-Or­ga­ni­sa­ti­on in Hö­he von 170 Mil­lio­nen Eu­ro kom­men kön­ne. Weil das OK kei­ne ei­ge­nen Mit­tel ge­habt ha­be, sei das Geld vom ehe­ma­li­gen Adi­das-Chef Ro­bert-Lou­is Drey­fus vor­ge­streckt wor­den. Mehr als die­sen „Feh­ler“will Be­cken­bau­er al­ler­dings nicht preis­ge­ben.

Er ha­be den Vor­gang der Un­ter­su­chungs­kom­mis­si­on des DFB ge­schil­dert, wer­de sich dar­über hin­aus „nicht wei­ter äu­ßern, um die wei­te­ren Be­fra­gun­gen nicht zu be­ein­träch­ti­gen“. Ei­nen klei­nen Tritt in Rich­tung des ehe­ma­li­gen DFBPrä­si­den­ten Theo Zwan­zi­ger er­laub­te er sich den­noch. Oh­ne den Na­men zu nen­nen, be­ton­te Be­cken­bau­er, dass er „das Ver­hal­ten an­de­rer Be­tei­lig­ter teil­wei­se un­er­träg­lich“fin­de.

Trotz­dem ist die Af­fä­re um die 6,7 Mil­lio­nen Eu­ro beim Fuß­bal­lkai­ser an­ge­kom­men. Franz Be­cken­bau­er rückt in den Mit­tel­punkt. Dort fühlt half da­bei, die WM für Deutsch­land zu si­chern – for­der­te da­für 2009 Hil­fe bei der Be­wer­bung Ka­tars für die WM 2022 Mar­ke­ting­fir­ma In­ter­na­tio­nal Sport and Lei­su­re: bis zum Kon­kurs 2001 Mar­ke­ting­part­ner der Fi­fa und Schmier­geld­schalt­stel­le

Her­bert Hai­ner Chef von Adi­das seit 2001; Auf­sichts­rat des FC Bay­ern;Ku­ra­to­ri­ums­mit­glied der Deut­schen Fuß­ball Li­ga er sich ei­gent­lich wohl, denn er war im­mer ein öf­fent­li­cher Mensch. Der bes­te deut­sche Fuß­bal­ler al­ler Zei­ten, Welt­meis­ter als Spie­ler und als Trai­ner, Fuß­ball-Di­plo­mat, dem die Le­gen­de zu­schreibt, al­lein das Som­mer­mär­chen nach Deutsch­land ge­holt zu ha­ben, der Funk­tio­när mit dem höchs­ten Charme-Fak­tor und ei­ner, dem al­les ver­zie­hen wird. Be­cken­bau­er hat sei­ne Mei­nun­gen zwi­schen Früh­stück und Mit­tag­es­sen ge­än­dert, er sag­te heu­te dies, mor­gen das Ge­gen­teil. Aber es hielt ihm nie­mand vor. Schrul­lig fan­den es die meis­ten, lie­bens­wür­dig, „der Franz“halt.

Des­halb spielt der DFB in der WM-Af­fä­re den Ball nach Salz­burg zum Franz. Die Hoff­nung der Funk­tio­nä­re: Er ist am ehes­ten die Fi­gur, an dem Vor­wür­fe ab­per­len wür­den wie an ei­ner be­schich­te­ten Pfan­ne das Was­ser. Es gibt Bei­spie­le da­für. Bis­lang ist ihm al­len­falls am Ran­de vor­ge­hal­ten wor­den, dass er sich nach der Wahl Russ­lands zum WMAus­rich­ter 2018, an der er als Mit­glied des Fi­fa-Exe­ku­tiv­ko­mi­tees 2010 be­tei­ligt war, vom rus­si­schen Staats­kon­zern Gaz­prom zum Sport­bot­schaf­ter er­nen­nen ließ. Es wird nur re­gis­triert, dass er nach ei­nem Be­such beim WM-Aus­rich­ter Ka­tar (2022) er­klär­te, er ha­be „auf den Bau­stel­len kei­nen ein­zi­gen Skla­ven ge­se­hen“. An­schlie­ßend hat er die­se Be­mer­kung char­mant zu­recht­ge­lä­chelt. Und sei­ne Fans sa­gen: So ist er nun mal.

Aber wie ist er denn? Auf je­den Fall nicht nur nett und mei­nungs­freu­dig. Er ist auch ge­schäfts­tüch­tig und po­li­tisch nicht so min­der­be­mit­telt, wie es vie­len er­schei­nen mag, die sei­ne Wort­bei­trä­ge be­lie­big fin­den. Der Ge­schäfts­mann Be­cken­bau­er be­trat mit dem Fuß­bal­ler Be­cken­bau­er in den 60er Jah­ren die gro­ße Büh­ne. Das gro­ße Geld roll­te,

Wolf­gang Niers­bach Me­dien­chef des Be­wer­bungs­ko­mi­tees; heu­te DFB-Prä­si­dent und Fi­fa-Ex­ko-Mit­glied ge­mein­sa­mes In­ter­es­se, die WM nach Deutsch­lan­deutsch­land zu ho­len TV-Rech­te-In­ha­ber

für die WM 2006

Ge­schäfts­part­ner r

Leo Kirch

2002 be­stä­tigt:igt: Adi­das steigt mit ei­nem An­teil von 10 % beim

FC Bay­er­nay­ern München ein.

ver­mu­tet: Lou­is-Drey­fus leiht den WM-Be­wer­bungs­ko­mi­tee 6,7 Mio. Eu­ro, Be­cken­bau­er soll ei­nen Schuld­schein

un­ter­schrie­ben ha­ben als sich der Münch­ner Ma­na­ger Ro­bert Schwan um die Ge­schäf­te des Li­be­ros küm­mer­te. Wäh­rend sei­ne Kol­le­gen in den kur­zen Ho­sen ju­bel­ten, wenn sie im Jahr auf 100.000 Eu­ro Ge­halt ka­men, war der Ober­Bay­er Ein­kom­mens-Mil­lio­när. Es gilt als si­cher, dass er 1977 nicht we­gen der Wol­ken­krat­zer von den Bay­ern zu Cos­mos New York floh. Die Steu­er­fahn­dung war hin­ter ihm her.

Jah­re spä­ter kehr­te er viel rei­cher zu­rück und be­teu­er­te: „Ich ha­be in Deutsch­land al­le mei­ne Steu­er­schul­den be­zahlt, ich krie­ge so­gar et­was zu­rück.“Den Le­bens­mit­tel­punkt ver­leg­te er vor­sichts­hal­ber zu­nächst in die Schweiz, spä­ter nach Ös­ter­reich. In der Schweiz ließ er ei­ne „Ver­mö­gens­bil­den­de Ge­sell­schaft“ins Han­dels­re­gis­ter ein­tra­gen, die Fir­ma soll­te den Na­men Be­cken­bau­er wirt­schaft­lich nut­zen.

Das funk­tio­nier­te präch­tig. Ei­ne Wer­be­fi­gur blieb Be­cken­bau­er auch

Franz Be­cken­bau­er Lei­ter des Be­wer­bungs­ko­mi­tees, an­schlie­ßend Prä­si­dent

des WM-Or­ga­ni­sa­ti­ons­ko­mi­tees (OK); Prä­si­dent des FC Bay­ern München von 1994 - 2009; Sport­bot­schaf­ter

des rus­si­schen Staats­kon­zerns Gaz­prom nach der Fuß­ball-Lauf­bahn. Und mit sei­nem Ver­trau­ten Fe­dor Rad­mann zog und zieht der Welt­meis­ter an vie­len Strip­pen. Er wur­de das Ge­sicht der WM-Be­wer­bung, weil er ein gro­ßer Fuß­bal­ler war und weil er im Fuß­ball-Di­plo­ma­ten­zir­kus die rich­ti­gen Um­gangs­for­men mit­brach­te. Ob da­zu heim­li­che Zah­lun­gen, ver­schlei­er­te Rech­nun­gen oder al­lein män­ner­bün­di­sche Kum­pa­nei „Stimmst du für mich, stimm ich für dich“ge­hö­ren, wird nicht ver­ra­ten. Da­bei könn­te Be­cken­bau­er viel er­zäh­len. Über die Be­zie­hun­gen des Or­ga­ni­sa­ti­ons­ko­mi­tees und des FC Bay­ern zum ver­stor­be­nen Adi­da­sChef Drey­fus, der hin­ter der Mil­lio­nen­zah­lung ste­cken soll. Über die Ver­mark­tungs­fir­ma ISL, die bis zum Kon­kurs 2001 Mar­ke­ting­part­ner der Fi­fa war. Über Leo Kirch und sein Me­di­en­im­pe­ri­um, das die TV-Rech­te der WM 2006 be­saß. Und na­tür­lich über die Macht der „Bild­zei- tung“. Die hat­te er früh be­grif­fen. Als Spie­ler schloss er be­reits ei­nen Nicht­an­griffs­pakt mit dem Blatt. Be­cken­bau­er lie­fer­te mal ei­ne ex­klu­si­ve Nach­richt, spä­ter ei­ne re­gel­mä­ßi­ge Kolumne. Als Ge­gen­leis­tung schon­te ihn das Blatt oder hob ihn noch mehr als al­le an­de­ren in den Fuß­ball-Him­mel.

Be­cken­bau­er ver­dankt sei­ne Po­si­ti­on im Welt­fuß­ball die­sem Netz­werk. Er ist mäch­ti­ger, als er er­scheint. Selbst Niers­bach muss das er­fah­ren. Den ließ er zu­nächst im Re­gen ste­hen. Da­für ver­brei­te­te sein Golf­part­ner Drax­ler noch vor Niers­bachs schon be­rühm­ter Pres­se­kon­fe­renz Be­cken­bau­ers Sicht der Din­ge. Auch dass er die­se Wo­che mit den Er­mitt­lern re­den wer­de, hat er na­tür­lich sei­nen Kum­pels bei der „Bild“er­zählt. Es hört sich an wie ein Akt kai­ser­li­cher Gna­de. Und das sagt auch et­was über Be­cken­bau­ers Selbst­bild.

FO­TOS: DPA (4), IMAGO (3), LAIF, L. CHAPERON, REU­TERS | QU­EL­LE: SPIE­GEL | GRAFIK: C. SCHNETTLER

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.