Kreuz­feu­er

Rheinische Post Goch - - UNTERHALTUNG -

Rich­ten Sie de­nen lie­ber gar nichts aus, sonst kriegt das Fi­nanz­amt ei­nen An­ruf von mir.“Ga­ran­tier­te ge­gen­sei­ti­ge Ver­nich­tung – ge­nau dar­um ging es bei ato­ma­rer Ab­schre­ckung.

„Und was ist mit mei­nen Fo­tos?“, frag­te Ju­lie, in Alex’ Ge­gen­wart mu­ti­ger ge­wor­den.

„Die be­wei­sen gar nichts“, mein­te der. „Sie be­le­gen nur, dass du in dem Post­fach-Shop warst, nicht, dass du je­man­den er­presst hät­test.“

„Die doch nicht“, sag­te Ju­lie ge­reizt. „Die Fo­tos, die er ges­tern von mir ge­macht hat.“

„Was für Fo­tos?“, woll­te Alex von mir wis­sen.

Herr­je, dach­te ich, das konn­te ganz schön hei­kel wer­den. Wie wür­de es Alex fin­den, dass ich sei­ne nack­te Ge­lieb­te in recht ein­deu­ti­ger Po­se fest­ge­hal­ten hat­te? Ju­lie je­den­falls ge­lang­te of­fen­bar zu dem Schluss, dass Alex die Fo­tos noch nicht ge­se­hen hat­te und dass es weit­aus bes­ser für sie war, wenn er sie auch jetzt nicht zu Ge­sicht be­kam.

„Äh“, ru­der­te sie rasch zu­rück. „So wich­tig sind die auch wie­der nicht.“

„Aber was ist denn drauf?“, frag­te Alex, im­mer noch an mich ge­wandt.

Soll­te ich es ihm sa­gen? Ihm vor Au­gen füh­ren, was für ei­ne Frau sie war? Oder konn­ten mir die Fo­tos noch als Druck­mit­tel ge­gen Ju­lie die­nen?

„Es sind nur ein paar Schnapp­schüs­se von ges­tern Nach­mit­tag, vorm Haus der Yor­kes.“

„Las­sen Sie mal se­hen“, sag­te er streit­lus­tig.

Ich dach­te an die Ka­me­ra drau­ßen in mei­nem Ruck­sack.

„Geht nicht“, log ich. „Ich hab die Ka­me­ra nicht da­bei.“

„Aber wie­so ha­ben Sie Ju­lie denn vor ih­rem Haus ge­knipst?“, woll­te er wis­sen.

Ich über­leg­te schnell. „Um fest­zu­hal­ten, wie sie re­agiert, wenn ich ihr die Bil­der aus New­bury zei­ge. Bei die­ser Ge­le­gen­heit ha­be ich ihr auch ver­bo­ten, sich wäh­rend der nächs­ten sechs­und­drei­ßig St­un­den bei Ih­nen zu mel­den.“

Ju­lie sah er­leich­tert aus, und Alex schien mit der Ant­wort zu­frie­den zu sein, wenn auch ein biss­chen ver­wirrt. „Was pas­siert denn jetzt?“Es war ei­ne gu­te Fra­ge. Ich dach­te dar­an, Ju­lie nach dem ,an­de­ren klei­nen Schwin­del’ von War­ren und Gar­ra­way zu fra­gen – dem Steu­er­be­trug –, über­leg­te aber, dass ich von ihr vi­el­leicht mehr er­fuhr, wenn Alex nicht da­bei war, zu­mal wenn ich mein Foto-Druck­mit­tel ein­setz­te.

„Na, ich weiß nicht, was Sie bei­de vor­ha­ben“, sag­te ich im Auf­ste­hen, „aber ich fahr nach Hau­se und schla­fe.“Und le­se Alex’ E-Mails, dach­te ich.

Ich nahm mei­nen „In­su­lin“-Beu­tel vom Trep­pen­ge­län­der, warf mir den Ruck­sack über die Schul­ter und ließ die zwei Tur­tel­tau­ben in der Kü­che al­lein. Ich zog die Haus­tür hin­ter mir zu, ging aber nicht die Stra­ße hin­un­ter, son­dern zum Kü­chen­fens­ter an der Rück­sei­te des Hau­ses.

Die Ja­lou­sie dort hat­te ich ex­tra nicht ganz run­ter­ge­las­sen, und jetzt drück­te ich die Na­se ans Fens­ter und schau­te hin­ein.

Alex und Ju­lie wa­ren wirk­lich nicht be­son­ders dis­kret. Ich nahm mei­ne Ka­me­ra aus dem Ruck­sack, ver­ge­wis­ser­te mich, dass der Blitz aus­ge­schal­tet war, und schoss durch die Schei­be gut zwan­zig Bil­der von ih­nen, wie sie sich küss­ten, wie er die Hän­de un­ter ih­ren Man­tel schob und ihr Nacht­hemd hoch­zog. Ob­wohl Ju­lie mit dem Rü­cken zum Fens­ter stand, war ziem­lich of­fen­sicht­lich, wo Alex die Fin­ger hat­te, und der acht­zehn­fa­che Zoom mei­ner Lei­ca-Lin­se hielt al­les fest.

Schließ­lich zer­schnitt Ju­lie die Plas­tik­fes­seln an Alex’ Fü­ßen, und sie gin­gen Hand in Hand aus der Kü­che, ver­mut­lich hin­auf ins Schlaf­zim­mer. Um mehr zu se­hen, hät­te ich schon am Fall­rohr hoch­klet­tern müs­sen, aber das war nicht un­be­dingt nö­tig und we­gen mei­ner Pro­the­se auch viel zu be­schwer­lich.

Trotz­dem kehr­te ich noch nicht zu Ians Wa­gen zu­rück. Ich ging wie­der am Haus vor­bei und in die Bush Clo­se hin­ein, bis ich zum wei­ßen BMW der Yor­kes kam. Er stand ein Stück die Stra­ße run­ter, et­was au­ßer­halb des Licht­krei­ses der Stra­ßen­la­ter­ne vor Num­mer zwölf. Ich pro­bier­te, ob die Tür auf­ging, aber da sie ab­ge­schlos­sen war, setz­te ich mich auf den Geh­steig, lehn­te mich ge­gen die Bei­fah­rer­tür und war­te­te.

War­ten und nach­den­ken schie­nen im Mo­ment zu mei­nen Haupt­be­schäf­ti­gun­gen zu ge­hö­ren.

Alex Reece be­kam nach den fünf Ta­gen Gi­bral­tar of­fen­sicht­lich mehr als den üb­li­chen Bo­nus, und ich fürch­te­te schon, Ju­lie blie­be die gan­ze Nacht bei ihm, doch et­wa ei­ne St­un­de nach­dem ich ge­gan­gen war, sah ich sie im Licht der ein­sa­men Stra­ßen­la­ter­ne auf mich zu­kom­men.

Ich zog mich am Tür­griff hoch, blieb aber un­ter Fens­ter­hö­he ge­duckt, da­mit Ju­lie mich im Nä­her­kom­men nicht sah. Als sie noch knapp zehn Me­ter ent­fernt war, ent­rie­gel­te sie über die Fern­be­die­nung die Tü­ren, und das Stand­licht und das In­nen­licht leuch­te­ten kurz auf. Als sie die Fah­rer­tür öff­ne­te, um ein­zu­stei­gen, tat ich das Glei­che auf der Bei­fah­rer­sei­te, und wir ka­men im sel­ben Mo­ment ne­ben­ein­an­der zu sit­zen, als die Tü­ren zu­schlu­gen.

Er­schro­cken woll­te sie gleich wie­der aus­stei­gen, doch ich hielt ih­re Hand am Lenk­rad fest.

„Nichts da“, kom­man­dier­te ich. „Fah­ren Sie ein­fach.“„Wo­hin denn?“, frag­te sie. „Egal“, sag­te ich mit Nach­druck. „Los jetzt. Zu­erst mal raus aus der Stra­ße.“

Ju­lie ließ den Wa­gen an und setz­te in ei­ner Ein­fahrt zu­rück, um zu wen­den. Ganz fahr­prü­fungs­taug­lich war das Ma­nö­ver nicht, und auf dem Ra­sen von Haus Num­mer acht wür­den am Mor­gen ver­mut­lich BMW-Rei­fen­spu­ren zu se­hen sein, aber we­nigs­tens ramm­te sie nichts, und ich war ja schließ­lich kein Prü­fer.

Sie bog auf die Wa­ter La­ne und dann rechts ab nach New­bury, nach Hau­se. Ein paar hun­dert Me­ter fuh­ren wir schwei­gend. „Okay“, sag­te ich. „Stopp.“Sie hielt am Stra­ßen­rand. „Was wol­len Sie?“, frag­te sie ziem­lich ver­zagt.

„Noch ein biss­chen Hil­fe“, er­wi­der­te ich.

„Kön­nen Sie uns nicht in Ru­he las­sen?“

„War­um soll­te ich?“, rief ich. „Mei­ne Mut­ter hat Ih­nen in den ver­gan­ge­nen sie­ben Mo­na­ten über sech­zig­tau­send Pfund hin­ge­blät­tert, und ich fin­de, da­für darf ich von Ih­nen schon ein biss­chen was ver­lan­gen.“

„Aber Alex hat Ih­nen doch ge­sagt, dass Sie’s nicht zu­rück­be­kom­men kön­nen“, er­wi­der­te sie. „Wir ha­ben’s aus­ge­ge­ben.“„Wo­für?“, frag­te ich.

(Fort­set­zung folgt)

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