15 St­un­den Deutsch pro Wo­che

Rheinische Post Goch - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON OLI­VER BURWIG UND CHRIS­TI­AN SCHWERDTFEGER

In der Sei­ten­ein­stei­gerklas­se am Düs­sel­dor­fer Gör­res-Gym­na­si­um ler­nen 22 Kin­der aus Fa­mi­li­en mit Flücht­lings- oder Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund Deutsch. Das soll die Schü­ler auf re­gu­lä­re Klas­sen vor­be­rei­ten, be­wirkt aber noch weit mehr.

DÜSSELDORF Wenn Me­la­nie Haas ih­rer Klas­se ei­ne Fra­ge stellt, ist ein Arm im­mer oben: Mu­ham­med mel­det sich frei­wil­lig in Übun­gen, will sei­ne Haus­auf­ga­ben vor­le­sen und zei­gen, dass er Deutsch kann. Der 14-Jäh­ri­ge kam An­fang des Jah­res mit sei­nen El­tern aus Gam­bia, spielt Fuß­ball im Stadt­teil­ver­ein SV Oberbilk und hat ei­nen Wunsch, der un­ter sei­nen Al­ters­ge­nos­sen sel­ten ist: „Ich hät­te ger­ne mehr Un­ter­richt.“

Lan­des­weit ste­hen die Schu­len vor ei­ner enor­men Her­aus­for­de­rung: Al­lein in die­sem Jahr müs­sen in NRW nach Schät­zun­gen des Schul­mi­nis­te­ri­ums mehr als 40.000 Flücht­lings­kin­der zu­sätz­lich in den Schul­all­tag neu in­te­griert wer­den. Denn für al­le in Deutsch­land Schutz­su­chen­den un­ter 16 Jah­ren gilt die all­ge­mei­ne Schul­pflicht, egal

Re­gi­ne Schwarz­hoff ob ih­re Asyl­an­trä­ge an­er­kannt oder ab­ge­lehnt wor­den sind. Ihr Sta­tus spie­le erst ein­mal kei­ne Rol­le, so ei­ne Mi­nis­te­ri­ums­spre­che­rin. Und die meis­ten Kin­der sol­len spä­tes­tens nach drei Mo­na­ten am Un­ter­richt teil­neh­men. Ob sie in re­gu­lä­re Klas­sen ge­hen, hängt in der Re­gel von ih­ren Deutsch­kennt­nis­sen ab. In den meis­ten Fäl­len kom­men sie für die ers­ten Mo­na­te in Vor­be­rei­tungs­klas­sen und er­hal­ten spe­zi­el­len För­der­un­ter­richt – so wie am Gör­res-Gym­na­si­um in Düsseldorf.

Seit Fe­bru­ar ler­nen in der „in­ter­na­tio­na­len Klas­se“von Haas Schü­ler aus Kri­sen­re­gio­nen und Län­dern wie Grie­chen­land und Chi­na bis zu zwei Jah­re lang in­ten­siv Deutsch. Ei­nen Mo­nat vor ih­rer Ein­schu­lung zo­gen Leo­nard (12) und Leo­no­ra (13) aus dem Ko­so­vo nach Düsseldorf, die Li­bye­rin Ma­ram kam im Au­gust ver­gan­ge­nen Jah­res. Oh­ne zu wis­sen, ob er ein Auf­ent­halts­recht be­kom­men wür­de, er­zähl­te ihr Va­ter der 13-Jäh­ri­gen zu­nächst von ei­nem „Ur­laub“. Doch Ma­ram ver­steht, dass ih­re Fa­mi­lie aus dem vom Bür­ger­krieg zer­rüt­te­ten Land ge­flo­hen ist.

An der Ta­fel ste­hen zwei Wor­te: „Der Da­tiv“. Die Schü­ler le­sen ih­re Haus­auf­ga­ben in man­nig­fal­ti­gen Ak­zen­ten vor, schnell wird klar: die deut­schen Ar­ti­kel und Per­so­nal­pro­no­men ha­ben es in sich. Haas ist ge­dul­dig, be­rich­tigt, wo nö­tig, lässt die Klas­se le­sen und hat am En­de der Übungs­run­de ei­ne Über­ra­schung pa­rat: Mit Ste­tho­skop und Pil­len­fla­schen spie­len die Schü­ler ei­nen Arzt­be­such nach, bei dem sie den Da­tiv gleich mit üben. Das kommt an, Mu­ham­med mel­det sich be­geis­tert als Pa­ti­ent.

Ne­ben Deutsch- gibt Haas den 22 Sei­ten­ein­stei­gern zwi­schen zehn und 14 Jah­ren auch Kunst- und Sport­un­ter­richt. Von der Be­zirks­re­gie­rung sind zehn bis zwölf St­un­den Deutsch­un­ter­richt pro Wo­che an­ge­dacht, ge­naue­re Vor­schrif­ten gibt es we­der zum Un­ter­richts­in­halt noch zur Re­ge­lung an­de­rer Un­ter­richts­fä­cher. Haas glaubt, dass ers­te Schü­ler schon zu Be­ginn des kom- men­den Jah­res in re­gu­lä­re Klas­sen ge­hen kön­nen. Ei­ni­ge – dar­un­ter auch Mu­ham­med – be­su­chen be­reits jetzt den nor­ma­len Eng­lisch­un­ter­richt. „Je frü­her sie in­te­griert wer­den, des­to bes­ser“, sagt die Leh­re­rin. Mit­schü­ler aus äl­te­ren Jahr­gän­gen fun­gier­ten in den ers­ten Wo­chen als „Sprach­pa­ten“und hal­fen bei der Ein­ge­wöh­nung: „Sie gel­ten nicht als Son­der­klas­se. Die Schü­ler sind un­ter­ein­an­der sehr of­fen“, be­tont Haas.

Nicht an al­len Schu­len funk­tio­niert die In­te­gra­ti­on so gut. Es feh­le un­ter an­de­rem an Leh­rern, kri­ti­sie­ren Ex­per­ten. Auch könn­ten nicht un­be­grenzt Flücht­lin­ge auf die Klas- sen ver­teilt wer­den. Das stö­re den nor­ma­len Un­ter­richt. Der Phi­lo­lo­gen­ver­band NRW for­dert des­halb ei­ne Flücht­lings­quo­te für Schul­klas­sen. Das se­hen vie­le El­tern ge­nau­so. „Es kön­nen nicht un­be­grenzt Flücht­lings­kin­der in die Klas­sen ge­steckt wer­den“, sagt die Vor­sit­zen­de des El­tern­ver­eins, Re­gi­ne Schwarz­hoff. Sie for­dert mehr An­stren­gun­gen des Lan­des: „Es müs­sen vie­le neue Leh­rer ein­ge­stellt wer­den, die nur da­für da sind, den Flücht­lings­kin­dern Deutsch bei­zu­brin­gen. Man könn­te pen­sio­nier­te Leh­rer zu­rück­ho­len.“Auch Lehr­amts­stu­den­ten sei­en da­für denk­bar, sagt sie. Ähn­li­ches will auch Mi­nis­ter­prä­si- den­tin Han­ne­lo­re Kraft (SPD), die im Au­gust mit­teil­te, dass 150 Be­am­te aus dem Krei­se des In­nen­mi­nis­te­ri­ums re­ak­ti­viert wer­den sol­len.

Die bil­dungs­po­li­ti­sche Spre­che­rin der FDP-Land­tags­frak­ti­on, Yvon­ne Ge­bau­er, for­dert, dass die Flücht­lings­kin­der noch schnel­ler Deutsch ler­nen müss­ten als bis­her. „Um ih­nen ei­ne ge­lin­gen­de In­te­gra­ti­on zu er­mög­li­chen, muss die För­de­rung der deut­schen Spra­che so früh wie mög­lich an­set­zen“, sagt sie. Ge­bau­er un­ter­stützt die For­de­rung des Phi­lo­lo­gen­ver­ban­des. „Es muss si­cher­ge­stellt sein, dass in Re­gel­klas­sen ein aus­ge­wo­ge­nes Ver­hält­nis zwi­schen Flücht­lings- und an­de­ren Kin­dern be­steht“, be­tont sie.

Die „in­ter­na­tio­na­le Klas­se“ist bis­her die ein­zi­ge ih­rer Art am Gör­res-Gym­na­si­um – und das bleibt laut Schul­lei­te­rin An­to­ni­et­ta Zeo­li auch vor­erst so: „Wir sind aus­ge­las­tet.“Von der Stadt er­hielt die Schu­le nach ei­ner Prü­fung ei­ne neue Stel­le zu­ge­si­chert, die Haas aus­füllt. Die Stadt­ver­wal­tung sei es auch, die ent­schei­det, ob wei­te­re ähn­li­che Klas­sen fol­gen sol­len. Die Sei­ten­ein­stei­ger ha­ben an der Schu­le kein ei­ge­nes Klas­sen­zim­mer, der Un­ter­richt fin­det in ei­nem Kurs­raum statt. Den­noch se­he das Gym­na­si­um auch sei­ne Ver­ant­wor­tung: „Es nützt nichts, auf das Ge­setz zu po­chen. Wir ha­ben frei­wil­lig mehr als die üb­li­che Zahl von 19 bis 20 Schü­lern auf­ge­nom­men.“Rund 60 Sei­ten­ein­stei­ger­klas­sen und Deut­schFör­der­grup­pen star­te­ten in Düsseldorf in das Schul­jahr 2015/16.

Für den Mo­er­ser Flücht­lings­be­auf­trag­ten Amar Az­zoug be­steht die größ­te Her­aus­for­de­rung nicht in der In­te­gra­ti­on der Kin­der in den Schul­all­tag: „Viel schwie­ri­ger ist es, die vie­len Ju­gend­li­chen ab 16 Jah­ren, die den weit­aus grö­ße­ren An­teil al­ler Flücht­lin­ge aus­ma­chen, in den Ar­beits­markt zu brin­gen“, sagt er. Sie sei­en nicht schul­pflich­tig, und man könn­te ih­nen nicht vor­schrei­ben, was sie zu tun und zu las­sen ha­ben. Des­halb ar­bei­tet Az­zoug eng mit Be­rufs­schu­len zu­sam­men. Da­bei hat er vor al­lem ei­nes ge­lernt: „Es bringt nichts, ju­gend­li­che Flücht­lin­ge ein­fach in Schul­klas­sen zu ste­cken. Sie müs­sen das auch wol­len“, sagt Az­zoug.

Die Sei­ten­ein­stei­ger am Düs­sel­dor­fer Gör­res-Gym­na­si­um wol­len. „Sie wa­ren von An­fang an hoch­mo­ti­viert“, sagt Haas. Über die Ver­gan­gen­heit wol­len die meis­ten zwar „ei­gent­lich nichts er­zäh­len“, durch ih­ren Fleiß und En­ga­ge­ment im Un­ter­richt wer­de aber klar, dass die Schü­ler „nach vor­ne schau­en“möch­ten – auch, wenn sie sich bald von ih­ren Klas­sen­ka­me­ra­den tren­nen müs­sen.

„Es müs­sen neue Leh­rer ein­ge­stellt wer­den, die Flücht­lings­kin­dern Deutsch bei­brin­gen“

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