Kreuz­feu­er

Rheinische Post Goch - - UNTERHALTUNG -

Sie sah zu mir rü­ber. „Wie, wo­für?“„Wo­für ha­ben Sie das Geld mei­ner Mut­ter aus­ge­ge­ben?“„Heißt das, Sie wis­sen es nicht?“„Wo­her soll­te ich?“Sie lach­te. „Co­ke na­tür­lich. Wun­der­schö­nes Co­ke in rau­hen Men­gen.“

Ich nahm nicht an, dass sie von Co­ca-Co­la sprach.

„Und Cham­pa­gner. Nur vom Feins­ten, ver­steht sich. Kis­ten­wei­se le­cke­ren Dom.“Sie lach­te wie­der.

Mir däm­mer­te, dass sie in der St­un­de, die sie bei Alex war, ei­nem von bei­den zu­ge­spro­chen ha­ben muss­te. Nicht aus blo­ßer Angst war sie auf den Ra­sen ge­fah­ren. Da sie kei­ne Fah­ne hat­te, tipp­te ich aufs Koks.

„Weiß Ewen, dass Sie Ko­ka­in neh­men?“, frag­te ich.

„Witz­bold“, sag­te sie. „Ewen wür­de ei­ne Li­ne nicht mal er­ken­nen, wenn sie sich ihm um die Na­se wi­ckelt. Was nicht vier Hu­fe und ei­ne Mäh­ne hat, in­ter­es­siert ihn kein Stück. Ich glaub, der wür­de lie­ber sei­ne Pfer­de bum­sen als mich.“

„Aha. Dann er­klä­ren Sie mir doch mal, wie Jack­son War­rens und Pe­ter Gar­ra­ways klei­ner Steu­er­be­trug läuft.“„Was?“Ich wie­der­hol­te mei­ne Auf­for­de­rung.

„Die Mehr­wert­steu­er­ma­sche, mei­nen Sie?“„Ja“, sag­te ich ge­spannt. Sie zö­ger­te ein we­nig, setz­te aber schließ­lich zu ei­ner Er­klä­rung an. „Wuss­ten Sie, dass Pfer­de­be­sit­zer die Mehr­wert­steu­er auf Trai­nings­ge­büh­ren er­stat­tet be­kom­men?“

„Mei­ne Mut­ter hat so was mal er­wähnt“, ant­wor­te­te ich.

„Und auf ih­re an­de­ren Un­kos­ten auch, so weit sie un­ter ,Be­triebs­aus­ga­ben’ fal­len, wie Trans­port­kos­ten, Te­le­fon­ge­büh­ren und Tier­arzt­ho­no­ra­re. So­gar die Mehr­wert­steu­er auf den Kauf­preis ih­rer Pfer­de be­kom­men sie zu­rück.“

Die Mehr­wert­steu­er be­trug fast zwan­zig Pro­zent. Das war ei­ne Men­ge Wech­sel­geld für teu­res Pfer­def leisch.

„Und wor­in be­steht der Schwin­del?“, frag­te ich.

„Wie kom­men Sie dar­auf, dass ich Ih­nen das ver­ra­te?“, mein­te sie und sah mich groß an.

„Sie wis­sen es al­so?“, hak­te ich nach. „Mög­lich“, sag­te sie ar­ro­gant. „Ich wür­de die Bil­der schen? . . .“

Selbst in ih­rem be­d­röhn­ten Zu­stand wuss­te sie, dass die Bil­der der Schlüs­sel wa­ren. „Wie soll ich Ih­nen trau­en?“„Ich bin Of­fi­zier der bri­ti­schen Ar­mee“, mein­te ich groß­spu­rig. „Mein Wort gilt.“„Ver­spro­chen?“, sag­te sie. „Ver­spro­chen“, ant­wor­te­te ich förm­lich und hob die rech­te Hand. Wie­der so ein Ver­spre­chen, an das ich mich hal­ten wür­de oder auch nicht.

Sie über­leg­te noch ein we­nig, ehe sie fort­fuhr.

„Gar­ra­way lebt in Gi­bral­tar und ist im Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reich nicht für die Mehr­wert­steu­er an­ge­mel­det. Er könn­te zwar da­für op­tie­ren, um die Rück­er­stat­tung in An­spruch zu neh­men, aber er will ab­so­lut nichts mit dem Fi­nanz­amt hier zu tun ha­ben, weil er ein Steu­er­flücht­ling ist. Er lebt nur auf Gi­bral­tar, um kei­ne Steu­ern zah­len zu müs­sen. Ihm ge­fällt’s da kein biss­chen.“

„Und?“, er­mun­ter­te ich sie zum Wei­ter­re­den.

„Und of­fi­zi­ell ge­hö­ren Pe­ter Gar-

lö- ra­ways Pfer­de al­le­samt Jack­son War­ren. Jack­son zahlt die Trai­nings­ge­büh­ren und al­le an­de­ren Rech­nun­gen; er kauft die Pfer­de so­gar für Gar­ra­way und lässt sich die Mehr­wert­steu­er er­stat­ten. Das läuft über ei­ne Fir­ma na­mens Bud­sam Ltd.“

„Und wo ist da der Schwin­del?“, frag­te ich das zwei­te Mal in die­ser Nacht. „Wenn Jack­son sie kauft und die Ge­büh­ren be­zahlt, dann ist er der Be­sit­zer, nicht Gar­ra­way.“

„Ja“, er­wi­der­te sie, „aber Pe­ter Gar­ra­way er­stat­tet Jack­son sämt­li­che Kos­ten.“

„Er­scheint das nicht in Jack­sons Bü­chern oder in de­nen der Fir­ma?“

„Nein.“Sie lä­chel­te. „Das ist der Trick da­bei. Pe­ter über­weist Jack­son das Geld auf ein Kon­to in Gi­bral­tar, das Jack­son beim Fi­nanz­amt nicht an­gibt. Alex fin­det das sehr raf­fi­niert, weil Jack­son sein Geld so ins Aus­land kriegt, oh­ne je­mals et­was von ei­ner bri­ti­schen Bank über­wei­sen zu müs­sen, denn sonst wä­re er ge­setz­lich ver­pflich­tet, das an­zu­ge­ben.“

„Wie vie­le Pfer­de be­sitzt Pe­ter Gar­ra­way auf die­se Art?“

„Je­de Men­ge. Zehn oder zwölf hat er bei uns und noch zig bei an­de­ren Trai­nern.“

„Fi­nan­zie­ren die sich denn nicht durch ih­re Preis­gel­der?“

„Aber nein“, sag­te sie. „Die meis­ten Pfer­de ge­win­nen längst nicht so viel, wie ihr Un­ter­halt kos­tet, Sprin­ger schon gar nicht. Das steht in kei­nem Ver­hält­nis. Es sei denn, man rech­net die Wett­ge­win­ne da­zu, und die be­hält Gar­ra­way.“

„Und war­um lässt sich Pe­ter Gar­ra­way nicht mehr­wert­steu­er­hal­ber im Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reich als Be­sit­zer ein­tra­gen?“

„Wie ge­sagt, er ist pa­ra­no­id, was die bri­ti­schen Steu­er­be­hör­den an- geht. Die ver­su­chen schon ewig, ihn we­gen Hin­ter­zie­hung dran­zu­krie­gen. Er zählt die Ta­ge ab, die er hier ver­bringt, und er und sei­ne Frau flie­gen so­gar in ge­trenn­ten Flug­zeu­gen, da­mit sie bei ei­nem Ab­sturz nicht bei­de um­kom­men und sei­ne Fa­mi­lie hier für die Erb­schafts­steu­er ran­ge­zo­gen wird. Er lässt sich auf kei­nen Fall ein­tra­gen. Alex fin­det das dumm. Er hat ih­nen ge­sagt, dass da­mit das Mehr­wert­steu­er­pro­blem oh­ne Ri­si­ko ge­löst wä­re, aber Gar­ra­way stellt sich taub.“Ich sperr­te die Oh­ren auf. Hat­te nicht Ar­chi­me­des mal ge­sagt, mit dem rich­ti­gen He­bel wür­de er die Welt aus den An­geln he­ben?

Ich lach­te mir ins Fäust­chen, wäh­rend ich Ju­lie zu­hör­te. Vi­el­leicht hat­te ich jetzt den rich­ti­gen He­bel, um das Geld mei­ner Mut­ter un­ter dem Fel­sen von Gi­bral­tar her­vor­zu­ho­len.

Ich muss­te mir nur noch über­le­gen, bei wem ich ihn an­setz­te und wann.

Den Rest der Nacht ver­brach­te ich da­mit, im Bü­ro mei­ner Mut­ter die Da­tei­en und E-Mails von Alex auf mei­nem Lap­top her­un­ter­zu­la­den, den ich ans In­ter­net an­ge­schlos­sen hat­te.

Mit Ians Schlüs­sel war ich durch die Kü­che ins Haus ge­kom­men. Die Hun­de hat­ten sich an ih­rem nächt­li­chen Be­su­cher nicht ge­stört, son­dern nur kurz mei­ne Hand be­schnüf­felt und sich, zu­frie­den, dass ich Freund, nicht Feind war, wie­der schla­fen ge­legt.

Ich be­gnüg­te mich mit dem Licht des Com­pu­ter­bild­schirms und hin­ter­ließ al­les ge­nau so, wie ich es vor­ge­fun­den hat­te.

(Fort­set­zung folgt)

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