Sel­fies mit To­des­fol­ge

Rheinische Post Goch - - PANORAMA - VON LAU­RA SCHAMEITAT UND CAROLIN SKIBA

Der Trend, sich selbst zu fo­to­gra­fie­ren, for­der­te be­reits ei­ni­ge To­te. Ge­ra­de Ju­gend­li­che ris­kie­ren viel.

DÜSSELDORF Es soll­te bloß ei­ne Er­in­ne­rung an ei­nen lus­ti­gen Abend wer­den. Die Ge­le­gen­heit, ein ein­zig­ar­ti­ges Foto zu schie­ßen. Doch die bei­den Freun­de (21 und 20 Jah­re alt) un­ter­schätz­ten die Ge­fahr, als sie in der Nacht zu Sonn­tag auf ei­nen ab­ge­stell­ten Zug am Schorn­dor­fer Bahn­hof stie­gen, um ein be­son­de­res Fo­tos zu ma­chen. Vor den Au­gen ih­rer Be­kann­ten (18), die von un­ten das Foto schie­ßen soll­te, er­lit­ten die bei­den ei­nen 15.000-Volt-Strom­schlag. Der­zeit kämp­fen sie in ei­ner Kli­nik um ihr Le­ben.

Es ist nicht der ers­te Fall, in dem sich Men­schen in Le­bens­ge­fahr be-

Ei­ne Va­ri­an­te des Trends: Freun­din­nen, die sich für ein Foto auf

Bahn­glei­se be­ge­ben

ge­ben, um ein au­ßer­ge­wöhn­li­ches Foto zu schie­ßen. Meis­tens han­delt es sich da­bei um Sel­fies – Selbst­por­träts, die aus der ei­ge­nen Hand mit dem Han­dy oder der Di­gi­tal­ka­me­ra ge­schos­sen wer­den. Ein Trend, der schon lan­ge in den so­zia­len Netz­wer­ken im In­ter­net zu be­ob­ach­ten ist. Im­mer ex­tre­mer, un­ge­wöhn­li­cher und schril­ler müs­sen die Fo­tos sein, um mög­lichst vie­le Men­schen zu be­ein­dru­cken. Mit Nar­ziss­mus ha­be das der ame­ri­ka­ni­schen Me­di­en­psy­cho­lo­gin Pa­me­la Rut­ledge zu­fol­ge je­doch nichts zu tun. Viel­mehr sei die Jagd nach An­er­ken­nung et­was ganz Nor­ma­les, je­der Mensch wol­le an­er­kannt wer­den. Selbst­bild­nis­se ha­be es schließ­lich schon in der An­ti­ke ge­ge­ben.

Doch in Zei­ten so­zia­ler Netz­wer­ke ver­brei­ten sich die­se Selbst­bild­nis­se ra­send schnell, ani­mie­ren da­zu, es den Freun­den gleich­zu­tun, oder sie, wenn mög­lich, noch zu über­tref­fen. Ein Trend, den auch zahl­rei­che Pro­mi­nen­te mit­ma­chen. Vie­le nut­zen die Selbst­bild­nis­se, um ih­ren Fans ei­nen Ein­blick in ihr Le­ben zu ge­ben, in­dem sie sie in so­zia­len Netz­wer­ken on­li­ne stel­len.

Im Fall der ehe­ma­li­gen Miss Ös­ter­reich, die bei ei­nem Sturz am Berg­isel in Inns­bruck ums Le­ben kam, wur­de eben­falls spe­ku­liert, ob ihr Tod durch ein Sel­fie ver­ur­sacht wur­de. Mitt­ler­wei­le ha­ben die Er­mitt­ler die­se Ver­mu­tung aber weit­ge­hend wie­der ver­wor­fen. Das Mo­del, das nach dem Sturz noch sei­nen Bru­der an­rief, hät­te das Han­dy ver­mut­lich nicht mehr in der Hand ge­hal­ten, hät­te es die­ses vor dem Sturz be­nutzt. Ver­mut­lich ha­be sie es mit letz­ter Kraft aus der Ta­sche ge­zo­gen. Ab­we­gig ist die Ver­mu­tung al­ler­dings nicht. Das zeigt der Fall aus Por­tu­gal, wo ein Pär­chen vor den Au­gen sei­ner Kin­der von ei­ner Klip­pe in den Tod stürz­te, wäh­rend es da­bei war, das per­fek­te Ur­laubs­fo­to zu schie­ßen. Die El­tern wa­ren hin­ter ei­ne Ab­sper­rung ge­klet­tert.

Meist sind es aber jun­ge Leu­te, die für das per­fek­te Selbst­bild ho­he Ri­si­ken ein­ge­hen. So ist zum Bei­spiel der Trend be­liebt, auf be­son­ders ho­he Ge­bäu­de zu stei­gen, wie den 820 Me­ter ho­hen Wol­ken­krat­zer Burj Kha­li­fa in Du­bai. Für das „Sel­fie mit Aus­sicht“gilt: je hö­her und ge­fähr­li­cher, des­to bes­ser.

Ei­ne Va­ri­an­te des Trends, die auch die Po­li­zei bun­des­weit be­schäf­tigt, sind Sel­fies auf Bahn­glei­sen – be­son­ders bei Mäd­chen im Te­enager­al­ter be­liebt. Da­bei stel­len sich zwei Freun­din­nen rechts und links ne­ben die Glei­se, die Hän­de sind über dem Gleis in­ein­an­der ge­legt. „Die Mäd­chen spie­len mit der Ro­man­tik der Glei­se. Das Schie­nen­paar, das bis zum Ho­ri­zont geht, ist Sym­bol für die ewig wäh­ren­de Freund­schaft“, sagt Mar­tin Voigt, der an der Uni­ver­si­tät München zum The­ma „Mäd­chen­freund­schaf­ten in so­zia­len Netz­wer­ken“forscht. Auch die Sui­zid­kom­po­nen­te spie­le bei den Bil­der durch­aus ei­ne Rol­le. „Sie wol­len zei­gen, dass sie der bes- ten Freun­din über­all­hin fol­gen wür­den“, sagt Voigt.

Im bes­ten Fal­le ma­chen sich die Ju­gend­li­chen mit ih­rem Fo­to­shoo­ting auf den Glei­sen nur straf­bar – Straf­tat­be­stand ist die „Ge­fähr­dung des Bahn­ver­kehrs“–, im schlimms­ten Fall je­doch wer­den sie vom Zug er­fasst. So ge­sche­hen bei­spiels­wei­se vor zwei Jah­ren im west­fä­li­schen Lü­nen. Dort ka­men zwei Mäd­chen (14 und 15 Jah­re) ums Le­ben.

Die Po­li­zei ist an­ge­sichts die­ses Phä­no­mens oft hilf­los. Zu sel­ten ge­lingt es, die Ju­gend­li­chen auf fri­scher Tat zu er­tap­pen und durch ei­ne Ver­war­nung oder ei­ne Anzeige ein Ex­em­pel zu sta­tu­ie­ren. So hilft nur die Pro­phy­la­xe. „Ge­schul­te Kol­le­gen be­su­chen Schu­len und er­läu­tern die Ge­fah­ren“, sagt Ar­min Rog­gan, Spre­cher der Bun­des­po­li­zei­in­spek­ti­on Düsseldorf.

FOTO: VI­TA­LIY RASKALOV

Le­bens­mü­de? Ein rus­si­scher Sel­fie­jä­ger scheut kein Ri­si­ko und ver­schafft sich für sei­ne Fo­tos Zu­tritt zu ho­hen Ge­bäu­den wie hier in Hong­kong. Die Auf­nah­me ist zur­zeit im Düs­sel­dor­fer NRW-Fo­rum in der Aus­stel­lung „Ego Up­date“zu se­hen (bis 17. Ja­nu­ar 2016).

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