Mann in Flam­men nach Phos­phor­fund

Rheinische Post Goch - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON CHRIS­TOPH KLEINAU

Was ein 77-Jäh­ri­ger am Rhein­ufer für ei­nen Kie­sel hielt, war in Wahr­heit ein Kampf­mit­tel­rest aus dem Zwei­ten Welt­krieg. Der Phos­phor ent­zün­de­te sich in der Ho­sen­ta­sche des Man­nes. Er er­litt schwe­re Ver­bren­nun­gen an Hand und Hüf­te.

NEUSS Man­fred K. (77) und sei­ne Frau In­grid (73) nen­nen sich ger­ne „ar­chäo­lo­gi­sche Schrott­samm­ler“. Wo im­mer sie et­was fin­den, was un­ge­wöhn­lich, in­ter­es­sant oder ein­fach nur hübsch aus­sieht, neh­men sie es mit. Den tisch­ten­nis­ball-gro­ßen Klum­pen aber, der dem 77-Jäh­ri­gen am Di­ens­tag­abend bern­stein­far­ben aus dem Kies­bett des Rheins bei Neuss-Ue­des­heim ent­ge­gen­blin­zel­te, hät­te er bes­ser lie­gen ge­las­sen. Denn der Kie­sel war rei­ner Phos­phor, der sich auf dem Nach­hau­se­weg des Rent­ners in des­sen Ho­sen­ta­sche in ei­ner 1300 Grad hei­ßen Stich­flam­me selbst ent­zün­de­te. Für al­le Be­hör­den ein skur­ri­ler Ein­zel­fall, für Man­fred K. ei­ne Ka­ta­stro­phe. Er wur­de mit schwe­ren Ver­bren­nun­gen an Hand und Hüf­te in ei­ne Köl­ner Spe­zi­al­kli­nik ge­flo­gen, wo er mor­gen noch ein­mal ope­riert wer­den soll.

Auch 70 Jah­re nach dem En­de des Zwei­ten Welt­kriegs gibt der Rhein Stück für Stück preis, was in sei­nen Flu­ten an Waf­fen und Mu­ni­ti­on ver­senkt wor­den war. Vor al­lem, wenn er Nied­rig­was­ser führt. Das ist ak­tu­ell so. Dass wei­ßer Phos­phor, der in feuch­tem Zu­stand tat­säch­lich an Bern­stein er­in­nert, in lo­ser Form ge­fun­den wur­de, ha­ben Ste­fa­nie Klock­haus von der Be­zirks­re­gie­rung, die auch für den Kampf­mit­tel­räum­dienst spricht, und Ra­mon van der Maat von der Was­ser­schutz­po­li­zei Duis­burg noch nicht ge­hört. „An der Nord- oder Ost­see gibt es das häu­fi­ger, bei uns sind die klas­si­schen Fun­de die Re­gel“, sagt Klock­haus und zählt auf: Split­ter, Zün­der, Gra­na­ten, Blind­gän­ger.

„Man muss im­mer und über­all mit Kampf­mit­teln rech­nen“, sagt Klock­haus, die nur da­vor war­nen kann, Waf­fen­tei­le oder der­glei­chen als Sou­ve­nir mit­neh­men oder selbst bei den Be­hör­den ab­ge­ben zu wol­len. Vor­aus­set­zung: Man muss sol­che Din­ge auch er­ken­nen und ih­re Bri­sanz ein­schät­zen kön­nen. Man­fred K. konn­te das nicht. „Für ihn Bern­stein (links) sieht häu­fig dem hoch­ent­zünd­li­chen wei­ßen Phos­phor (hier in ei­ner La­bor­si­tua­ti­on) sehr ähn­lich. war das ein harm­los aus­se­hen­der Kie­sel­stein“, sagt sei­ne Frau.

Wo der Ue­des­hei­mer den Phos­phor-Klum­pen ge­nau fand, kann er nicht sa­gen. Das mach­te ei­ne ge­ziel­te Su­che der Be­hör­den nach mög­li­chen wei­te­ren Kampf­mit­tel­res­ten ges­tern aus­sichts­los. „Min­des­tens drei Ki­lo­me­ter hat er ihn in sei­ner Jog­ging­ho­se durch die Ge­gend ge­schleppt“, sagt sei­ne Frau. Dann stieg K. in sein Au­to und fuhr das kur­ze Stück nach Hau­se. Kei­ne 50 Me­ter vor der Tür sei­nes Ein­fa­mi­li­en­hau­ses an der Ue­des­hei­mer Fran­zis­kus­stra­ße ent­zün­de­te sich der Phos­phor in ei­ner ein­zi­gen Ex­plo­si­on. Ei­ne Stich­flam­me schoss bis un­ter den Fahr­zeug­him­mel sei­nes VWTou­ran, zu­gleich hör­te man ei­nen lau­ten Knall. Sei­ne Nach­barn Stef­fen Gräb­ner und Frank Rei­chel wa­ren als Ers­te vor Ort und hal­fen, den bren­nen­den Fah­rer­sitz des Wa­gens, mit dem K. in sei­ner Pa­nik noch ge­gen par­ken­de Fahr­zeu­ge ge­prallt war, zu lö­schen.

Wei­ßer Phos­phor zei­ge un­ter Was­ser kei­ne Re­ak­ti­on, er­klärt Flo­ri­an Kort­hau­er von der Feu­er­wehr Neuss die Selbst­ent­zün­dung. Kommt je­doch tro­cke­ner Phos­phor mit Sau­er­stoff in Be­rüh­rung, reicht ei­ne Tem­pe­ra­tur von 30 Grad, um den Stoff zu zün­den. Die­se Tem­pe­ra­tur war in der Ho­sen­ta­sche schnell er­reicht.

Die Feu­er­wehr half Man­fred K. aus den ver­brann­ten und kon­ta­mi­nier­ten Klei­dungs­stü­cken, die vom Am Rhein hat­te der 77-Jäh­ri­ge ei­nen ver­meint­li­chen St­ein ge­fun­den und mit­ge­nom­men. In sei­ner Ho­se ent­zün­de­te sich der Phos­phor in ei­ner 1300 Grad hei­ßen Stich­flam­me. Kampf­mit­tel­be­sei­ti­gungs­dienst si­cher­ge­stellt wur­den. Zur fach­ge­rech­ten Ent­sor­gung und zur Un­ter­su­chung, wie Ste­fa­nie Klock­haus er­klärt. Von dem Phos­phor selbst konn­te je­doch nicht ein­mal mehr ein klei­ner Rest ge­fun­den wer­den. Die Be­hör­de kann da­her nicht mit hun­dert­pro­zen­ti­ger Si­cher­heit sa­gen, wo­her die­ser leicht-ent­flamm­ba­re Klum­pen stammt, geht aber mit sehr ho­her Wahr­schein­lich­keit da­von aus, dass es sich bei ihm um ei­nen Kampf­mit­tel­rest aus dem Zwei­ten Welt­krieg han­delt. Dass es durch das Ver­ros­ten von Bom­ben künf­tig häu­fi­ger zu sol­chen Fun­den und Un­fäl­len kom­men könn­te, sei aber nicht zu er­war­ten, er­gänzt Klock­haus.

Man­fred K. wur­de mit ei­nem Kran­ken­wa­gen zum Rhein­ufer ge­bracht, wo er un­ter den Bli­cken vie­ler neu­gie­ri­ger Zu­schau­er von ei­nem Ret­tungs­hub­schrau­ber über­nom­men wur­de. Die Po­li­zei wird die ge­naue Brand­ur­sa­che klä­ren, aber kei­ne wei­te­ren Er­mitt­lun­gen an­stel­len, wie Po­li­zei­spre­che­rin Da­nie­la Däs­sel er­klärt. Denn Hin­wei­se auf ei­ne Straf­tat lä­gen kei­ne vor.

Bei dem Fund kom­men Er­in­ne­run­gen an den Su­per­som­mer 2003 auf. Da­mals stö­ber­te „Spar­ky“, der Hund des pen­sio­nier­ten Neus­ser Post­bo­ten Micha­el Dös, zwi­schen dem sonst über­flu­te­ten Schot­ter und Ge­röll mehr als 50 St­ab­brand­und Phos­phor-Bom­ben auf. „Da liegt noch mehr“, sagt Dös.

FO­TOS: BOTHE, SVENS WELT, WITSCH | GRAFIK: RADOWSKI

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