Ga­b­ri­el kommt aus der De­ckung

Rheinische Post Goch - - POLITIK - VON JAN DREBES, BIR­GIT MARSCHALL UND GRE­GOR MAYNTZ

Der SPD-Vor­sit­zen­de kün­digt sei­ne Be­reit­schaft zur Kanz­ler­kan­di­da­tur an – wäh­rend die Uni­on wei­ter An­hän­ger ver­liert.

BERLIN Sig­mar Ga­b­ri­el be­fand sich schon hoch über den Wol­ken auf dem Weg zu Wla­di­mir Pu­tin nach Mos­kau, als ges­tern ei­ne Nach­richt die Run­de mach­te, die nicht nur für Ga­b­ri­els ei­ge­ne po­li­ti­sche Zu­kunft weg­wei­send ist. „Na­tür­lich will ich Bun­des­kanz­ler wer­den, wenn die SPD mich auf­stel­len will. Das ist doch gar kei­ne Fra­ge“, sag­te Ga­b­ri­el dem Ma­ga­zin „Stern“.

Nun ist es al­so raus. Ein Zu­rück gibt es für Ga­b­ri­el jetzt nicht mehr. Ob Sät­ze aus dem Zu­sam­men­hang ge­ris­sen wur­den, ob sie nur ein PRUn­fall wa­ren und er sei­ne Kanz­ler­kan­di­da­tur nicht wirk­lich hat­te an­kün­di­gen wol­len – oder ob er doch aus Kal­kül han­del­te, bleibt da­hin­ge­stellt. Ga­b­ri­el wird der Kanz­ler­kan­di­dat der SPD für die Bun­des­tags­wahl 2017 sein – vor­aus­ge­setzt, es gibt kei­ne Ge­gen­kan­di­da­ten. Wenn doch, müss­te Ga­b­ri­el ei­ne Mit­glie­der­be­fra­gung ge­win­nen.

Tra­di­tio­nell hat der SPD-Vor­sit­zen­de oh­ne­hin das ers­te Zu­griffs­recht auf die Kanz­ler­kan­di­da­tur. Den­noch wur­de bis ges­tern spe­ku­liert, ob Ga­b­ri­el wirk­lich zu­grei­fen wür­de – oder ob er die Kan­di­da­tur nicht doch je­mand an­ders über­lässt, der bei der Wahl grö­ße­re Chan­cen hät­te. Die Be­liebt­heits­wer­te Ga­b­ri­els sind seit Jah­ren nied­rig, die von Au­ßen­mi­nis­ter Frank-Wal­ter St­ein­mei­er da­ge­gen hoch.

Im Som­mer wur­de bei den So­zi­al­de­mo­kra­ten de­bat­tiert, ob über die Kan­di­da­ten­fra­ge nicht in ei­ner Ur- wahl der Par­tei­mit­glie­der ab­ge­stimmt wer­den soll­te. Ga­b­ri­el selbst hat­te sich da­für of­fen ge­zeigt – al­ler­dings erst in ei­ner Re­ak­ti­on auf ei­ne Dis­kus­si­on, die der schles­wig-hol­stei­ni­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Tors­ten Al­big (SPD) aus­ge­löst hat­te.

Al­big hat­te En­de Ju­li an­ge­sichts der ho­hen Po­pu­la­ri­tät der Bun­des­kanz­le­rin ei­nen Sieg sei­ner Par­tei bei der Bun­des­tags­wahl of­fen in­fra­ge ge­stellt: Es sei schwer, ge­gen die­se Kanz­le­rin zu ge­win­nen, ei­ne blo­ße Re­gie­rungs­be­tei­li­gung kön­ne da­her auch Wahl­ziel für sei­ne Par­tei sein. Al­big stell­te auch in­fra­ge, ob die Be­zeich­nung Kanz­ler­kan­di­dat für die SPD über­haupt noch pas­se.

Jetzt be­ginnt sich das Blatt für die SPD je­doch zu wen­den. An­ge­la Mer­kel ist an­ge­schla­gen, die Um­fra­ge­wer­te der Uni­on sin­ken der­zeit ra­pi­de. In der Flücht­lings­kri­se wen­den sich vie­le in den Uni­ons­par­tei­en, vor al­lem in der CSU, vom Kurs der Kanz­le­rin ab, die für ein of­fe­nes und hu­ma­ni­tä­res Deutsch­land steht. In der ges­tern ver­öf­fent­lich­ten Um­fra­ge des Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tuts For­sa sack­te die Uni­on um zwei Pro­zent­punk­te auf 36 Pro­zent ab, ih­ren schlech­tes­ten Wert bei For­sa seit drei Jah­ren. Da­von pro­fi­tiert nicht die rechts­po­pu­lis­ti­sche AfD, de­ren Zu­stim­mungs­wert bei For­sa um ei­nen Punkt auf sechs Pro­zent sinkt. Die FDP wie­der­um leg­te um zwei Punk­te zu und lan­det jetzt bei sechs Pro­zent. Die SPD ver­harrt bei 24 Pro­zent, die Grü­nen bei elf Pro­zent. Die Link­s­par­tei ver­liert ei­nen Punkt auf neun Pro­zent.

Für SPD-Vi­ze Ralf Steg­ner kommt die Äu­ße­rung Ga­b­ri­els da­her zur rich­ti­gen Zeit. „Die­se An­kün­di­gung von Sig­mar Ga­b­ri­el passt gut in ei­ne Zeit, in der gro­ße Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit in der Uni­on herrscht“, sag­te Steg­ner. „Ges­tern noch galt Mer­kel als un­schlag­bar, heu­te ist das schon nicht mehr so.“Die SPD zei­ge Ver­läss­lich­keit und Selbst­be­wusst­sein. „Ich fin­de gut, dass CDU und SPD in den Umfragen be­gin­nen, sich an­zu­nä­hern“, füg­te er hin­zu. „Na­tür­lich ist Ga­b­ri­el der rich­ti­ge Kan­di­dat. Ein Par­tei­vor­sit­zen­der, der nicht Kanz­ler wer­den will, wä­re an der fal­schen Stel­le“, sag­te Steg­ner.

Es sind aber noch zwei Jah­re bis zur Bun­des­tags­wahl, in der Po­li­tik ei­ne un­end­lich lan­ge Zeit. Für vie­le in der SPD kommt die Äu­ße­rung Ga­b­ri­els, die wie ei­ne An­kün­di­gung in­ter­pre­tiert wird, auch wenn sie es nicht sein soll­te, viel zu früh. Ge­schick­ter wä­re es ge­we­sen, ge­nüss­lich ab­zu­war­ten, wie sich die Uni­on in der Flücht­lings­kri­se zer­legt, und dann erst aus der De­ckung zu kom­men, ist aus der SPD zu hö­ren. Ent­spre­chend rar wa­ren ges­tern die Re­ak­tio­nen der Par­tei­freun­de – au­ßer Steg­ner woll­te sich ges­tern nie­mand aus der Füh­rungs­rie­ge der SPD zu der Nach­richt äu­ßern.

„Na­tür­lich will ich Bun­des­kanz­ler wer­den, wenn die SPD mich

auf­stel­len will“

Sig­mar Ga­b­ri­el

SPD-Par­tei­vor­sit­zen­der

Vie­le hal­ten Ga­b­ri­el sei­ne Sprung­haf­tig­keit vor. Erst un­längst wie­der über­rasch­te er die Par­tei, als er sich für ei­ne Mann-Frau-Dop­pel­spit­ze aus­sprach, die in der SPD bis­her noch gar nicht Kon­sens ge­wor­den ist. Zu­vor schon hat­te Ga­b­ri­el sei­ner Par­tei viel zu­ge­mu­tet, weil er sich bei der Vor­rats­da­ten­spei­che­rung auf For­de­run­gen der Uni­on ein­ge­las­sen und so Jus­tiz­mi­nis­ter Hei­ko Maas (SPD) brüs­kiert hat­te.

Nun steht den So­zi­al­de­mo­kra­ten am Sonn­tag wo­mög­lich ei­ne wei­te­re klei­ne Kehrt­wen­de ih­res Chefs be­vor. Beim Tref­fen mit Mer­kel und CSUChef Horst See­ho­fer dürf­te sich Ga­b­ri­el auf ei­ne sof­te Ver­si­on der Tran­sit­zo­nen an deut­schen Gren­zen ein­las­sen. Für vie­le in der SPD wä­re das ein Un­ding. Aber ei­nen Kanz­ler­kan­di­da­ten dür­fen sie nicht an­grei­fen.

GRAFIK: MAR­TIN FERL, FOTO: SPD

Ein fik­ti­ves Wahl­pla­kat für den Kanz­ler­kan­di­da­ten Sig­mar Ga­b­ri­el. Wir ha­ben es ei­nem Wil­ly-Brandt-Pla­kat von 1972 nach­emp­fun­den.

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