Der dritt­wich­tigs­te Mann in den USA

Rheinische Post Goch - - POLITIK - VON FRANK HERR­MANN

Paul Ryan wird Spre­cher des US-Re­prä­sen­tan­ten­hau­ses – al­ler­dings nur un­ter zwei Be­din­gun­gen.

WA­SHING­TON Es ist der un­dank­bars­te Pos­ten, den Wa­shing­ton zur­zeit zu ver­ge­ben hat: Spre­cher des Re­prä­sen­tan­ten­hau­ses. Zwar be­deu­tet er, nach dem Prä­si­den­ten und des­sen Vi­ze, Platz drei in der pro­to­kol­la­ri­schen Rang­fol­ge der USA. Vor al­lem aber denkt man da­bei an ei­nen Schleu­der­sitz, scheint es doch so, als hät­ten es die Quäl­geis­ter der Tea Par­ty nur dar­auf an­ge­legt, den Spea­ker an den Rand der Ver­zweif­lung zu trei­ben, auch wenn er der ei­ge­nen Par­tei an­ge­hört.

Kein Wun­der, dass Paul Ryan ei­ne Rei­he von Be­din­gun­gen stell­te, be­vor er sich über­re­den ließ, für das Amt zu kan­di­die­ren. Ers­tens: mehr Zeit fürs Pri­va­te. Der Va­ter drei­er her­an­wach­sen­der Kin­der möch­te die Wo­che­n­en­den nicht in Wa­shing­ton ver­brin­gen, son­dern in Ja­nes­vil­le, Wis­con­sin, wo sei­ne Fa­mi­lie lebt. Zwei­tens muss­te ihm die Tea-Par­ty-Frak­ti­on ver­spre­chen, dass sie ihm nicht in den Rü­cken fällt, da­mit ihm ei­ne Zit­ter­par­tie bei der fäl­li­gen Ab­stim­mung er­spart blei­ben wür­de. Zwar han­delt es sich bei be­sag­ter Grup­pe nur um rund 40 Ab­ge­ord­ne­te, doch oh­ne de­ren Stim­men kom­men die Re­pu­bli­ka­ner auf kei­ne Mehr­heit, so dass die Ab­ge­ord­ne­ten de fac­to über ein Ve­to ver­fü­gen. Den schei­den­den Spea­ker, John Bo­eh­ner, lie­ßen sie ge­gen die Wand fah­ren, weil ih­nen sei­ne prag­ma­ti­sche Art nicht pass­te. Mit Ryan ak­zep­tie­ren sie nun ei­nen Kan­di­da­ten, mit dem sie sich halb­wegs iden­ti­fi­zie­ren kön­nen.

Als die Tea-Par­ty-Wel­le roll­te, wur­de auch der heu­te 45-Jäh­ri­ge in die ers­te Rei­he der Po­li­tik ge­spült, ob­wohl er sel­ber nie ein Tea-Par­ty- Mann war. Auch Ryan pro­fi­tier­te von der Wut, die die Fi­nanz­kri­se, mil­li­ar­den­schwe­re Ret­tungs­pa­ke­te und Re­kord­schul­den­ber­ge an der re­pu­bli­ka­ni­schen Ba­sis aus­ge­löst hat­ten.

Ryan steht für ei­nen strik­ten Spar­kurs, ge­kop­pelt mit weit­ge­hen­den Steu­er­sen­kun­gen. Er will die staat­li­che Ren­te prak­tisch teil­pri­va­ti­sie­ren und die Kos­ten für Me­dica­re, die steu­er­fi­nan­zier­te Ge­sund­heits­für­sor­ge für Se­nio­ren, auf nied­ri­gem Ni­veau ein­frie­ren. Bei­des mit dem Ar­gu­ment, dass sich ei­ne al­tern­de Ge­sell­schaft So­zi­al­pro­gram­me, wie sie un­ter güns­ti­ge­ren de­mo­gra­fi­schen Ver­hält­nis­sen auf­ge­legt wur­den, so nicht mehr leis­ten kön­ne. Am Col­le­ge be­gann er Ayn Rand zu le­sen, ei­ne Schrift­stel­le­rin, die ra­di- ka­lem In­di­vi­dua­lis­mus das Wort re­det und de­ren Wer­ke er längst zur Pflicht­lek­tü­re für sei­ne Prak­ti­kan­ten er­klär­te. Als er 2011 im Na­men sei­ner Par­tei auf Oba­mas Re­de zur La­ge der Na­ti­on ant­wor­te­te, cha­rak­te­ri­sier­te er die Ge­sund­heits­re­form des Prä­si­den­ten in gro­tes­ker Zu­spit­zung als Teil ei­ner Agen­da, „die un­ser so­zia­les Netz in ei­ne Hän­ge­mat­te ver­wan­delt, die ge­sun­de Men­schen in den Schlaf von Selbst­ge­fäl­lig­keit und Ab­hän­gig­keit wiegt“. Im Jahr dar­auf kan­di­dier­te er fürs Amt des Vi­ze­prä­si­den­ten.

Bis­wei­len kann Ryan aber auch fle­xi­bler sein. Vor zwei Jah­ren et­wa half er, ei­nen Shut­down ab­zu­wen­den, ei­ne Still­le­gung gan­zer Re­gie­rungs­be­hör­den, in­dem er sich mit füh­ren­den De­mo­kra­ten auf ei­nen Bud­get­kom­pro­miss ei­nig­te. Dass er sich ir­gend­wann, vi­el­leicht schon 2020, ums Oval Of­fice be­wer­ben wird, gilt als si­cher. Die Fra­ge ist, wie vie­le Ner­ven ihn der Job des Spea­kers bis da­hin ge­kos­tet ha­ben wird.

FOTO: DPA

Paul Ryan (45)

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