VW-Ak­ti­en le­gen trotz Quar­tals­ver­lust zu

Rheinische Post Goch - - WIRTSCHAFT - VON MICHA­EL BRAUN

Der neue Kon­zern­chef legt ei­nen Fünf-Punk­te-Plan vor. Das Ziel, größ­ter Au­to­bau­er der Welt zu wer­den, fehlt dar­in.

FRANK­FURT/M. Die neu­es­ten Quar­tals­zah­len bei Volks­wa­gen wa­ren so mies wie er­war­tet. Die gu­te Nach­richt: Sie wa­ren nicht schlech­ter. Das muss aber nicht so blei­ben. Der neue VW-Chef Mat­thi­as Müller leg­te ges­tern ei­nen Fünf-Punk­te-Plan vor: hel­fen, auf­klä­ren, de­zen­tra­li­sie­ren, of­fe­ner wer­den und mehr Elek­tro­an­trie­be – das mün­det in sei­ne „Stra­te­gie 2025“.

Auf fast 110 Eu­ro um rund vier Pro­zent stie­gen die Vor­zugs­ak­ti­en von VW ges­tern zum Ta­ges­hoch. Die Bör­se war er­leich­tert, dass die Quar­tals­bi­lanz bei VW nicht schlim­mer als er­war­tet war: „Die Kat­ze ist jetzt aus dem Sack“, sag­te Ro­bert Hal­ver, Markt­stra­te­ge der Baa­der Bank. Aber wer die Zah­len ge­nau­er an­schaue, stel­le fest: „Die ope­ra­ti­ve Sub­stanz ist nach wie vor vor­han­den beim Volks­wa­genkon­zern.“

We­gen des Skan­dals ru­fen die Wolfs­bur­ger elf Mil­lio­nen Au­tos welt­weit in die Werk­stät­ten zu­rück – das kos­tet. VW hat da­für die an­ge­kün­dig­ten Rück­stel­lun­gen von 6,5 Mil­li­ar­den Eu­ro auf 6,7 Mil­li­ar­den Eu­ro an­ge­ho­ben.

Wer sich je­doch weit­ge­hen­de De­tails zu dem Skan­dal ge­wünscht hat­te, wur­de ent­täuscht. Im Be­gleit­text zur Quar­tals­bi­lanz wur­de erst ein­mal aus­führ­lich die Herbst­bi­lanz dar­ge­stellt, al­so die Mo­na­te von Ja­nu­ar bis Sep­tem­ber. Da kam beim ope­ra­ti­ven Er­geb­nis noch ei­ne schwar­ze Zahl her­aus. Im drit­ten Quar­tal al­lei­ne aber hat sich das lau­fen­de Er­geb­nis nach den mil­li­ar­den­schwe­ren Rück­stel­lun­gen deut­lich ver­schlech­tert. Zum ers­ten Mal seit gut 20 Jah­ren wies VW ei­nen Quar­tals­ver­lust aus, und das gleich def­tig: knapp 3,5 Mil­li­ar­den Eu­ro. Vor ei­nem Jahr wa­ren es noch 3,2 Mil­li­ar­den Eu­ro ope­ra­ti­ver Ge­winn. Der Ver­gleich des ope­ra­ti­ven Er­geb­nis­ses „vor Son­der­ein­flüs­sen“fiel deut­lich gnä­di­ger aus: Der sank im drit­ten Quar­tal nur um 0,7 Pro­zent auf 3,2 Mil­li­ar­den Eu­ro.

Der neue Chef Mat­thi­as Müller stell­te das Zah­len­werk ges­tern per­sön­lich vor. Denn es ging in ers­ter Li­nie nicht um die Zah­len, son­dern dar­um, Flag­ge zu zei­gen. Müller sag­te, VW wol­le Ver­trau­en zu­rück­ge­win­nen bei In­ves­to­ren, Kun­den, Händ­lern, Po­li­ti­kern und der ge­sam­ten Öf­fent­lich­keit.

Bis­her scheint das zu ge­lin­gen. Zwar wur­den in den ers­ten neun Mo­na­ten welt­weit 7,4 Mil­lio­nen Fahr­zeu­ge aus­ge­lie­fert, 1,5 Pro­zent we­ni­ger als 2014. Das lag aber vor al­lem an sin­ken­den Ver­kaufs­zah­len in Schwel­len­län­dern wie Bra­si­li­en, Russ­land und Chi­na.

Müller lis­te­te in fünf Punk­ten sei­ne Prio­ri­tä­ten auf: ers­tens den Kun­den durch die Rück­ru­fe hel­fen. Zwei­tens die Wahr­heit her­aus­fin­den und die Schul­di­gen be­stra­fen. VW brau­che drit­tens ei­ne neue de­zen­tra­le Struk­tur und vier­tens ei­ne Kul­tur, in der Of­fen­heit zäh­le. Und fünf­tens ent­wick­le er eben die „Stra­te­gie 2025“. Das Ziel, größ­ter Au­to­bau­er der Welt zu wer­den, kommt dar­in nicht mehr vor. Sein Vor­gän­ger Mar­tin Win­ter­korn hat­te das zwi­schen­zeit­lich er­reicht mit sei­ner „Stra­te­gie 2018“. Müller sag­te da­zu: „Dem wur­de vie­les un­ter­ge­ord­net, vor al­lem die Um­satz­ren­di­te.“Müller setzt auch ver­mehrt auf Elek­tro­an­trie­be.

Un­ter­des­sen hat sich Ex­per­ten in Brüs­sel auf ei­nen Rah­men für neue Au­to-Ab­gas­tests in Eu­ro­pa ge­ei­nigt. Die Wer­te, die bei rea­lis­ti­sche­ren Stra­ßen­tests ge­mes­sen wer­den, dür­fen für Die­sel­fahr­zeu­ge da­bei künf­tig um die Hälf­te hö­her sein als im La­bor. Da­mit wer­den die Re­geln stren­ger als bis­her, aber we­ni­ger scharf als von der EU-Kom­mis­si­on ur­sprüng­lich ge­plant. Nach An­sicht von Ex­per­ten wä­re Be­trug bei den Ab­gas­wer­ten wie bei VW in Stra­ßen­tests schwie­ri­ger mach­bar als im La­bor.

Die Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de der Grü­nen im Eu­ro­pa­par­la­ment, Re­bec­ca Harms, sprach von ei­ner „zy­ni­schen Ent­schei­dung“: „Eu­ro­päi­sche Au­to­mo­bil­her­stel­ler wer­den für ih­re Dreis­tig­keit be­lohnt, kei­ne An­stren­gun­gen zu un­ter­neh­men, die eu­ro­päi­schen Re­geln ein­zu­hal­ten und ih­re Fahr­zeu­ge zu ver­bes­sern“, teil­te sie mit. Die Frak­ti­on wol­le recht­li­che Schrit­te prü­fen, er­klär­te ihr Kol­le­ge Mar­tin Häus­ling. Mit dem Vo­tum der Ex­per­ten ist die Ent­schei­dung im Prin­zip ge­fal­len, das Eu­ro­pa­par­la­ment und die EU-Staa­ten ha­ben aber noch Prüf­rech­te.

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