Der Un­ter­neh­mer und die Tän­ze­rin

Rheinische Post Goch - - KULTUR - VON THO­MAS HAG

Ei­ne Bio­gra­fie er­zählt das Le­ben von Fried­rich Baur und sei­ner Schwes­ter.

DÜSSELDORF Ein Satz fällt auf: Da rät der Ver­sand­un­ter­neh­mer Fried­rich Baur aus dem ober­frän­ki­schen Burg­kunst­adt 1965 sei­nen Kun­den im Ka­ta­log, beim Kauf dar­auf zu ach­ten, sich fi­nan­zi­ell nicht zu über­neh­men. „Be­stel­len Sie nur, was Sie wirk­lich be­zah­len kön­nen, und neh­men Sie da­bei Be­dacht auf et­wai­ge Lohn­aus­fäl­le durch Kurz­ar­beit, Krank­heit und an­de­re Um­stän­de.“Man merkt es schon: Wir sind hier in ei­ner an­de­ren Zeit, die von glo­ba­len Un­ter­neh­men wie Ama­zon war noch lan­ge nicht ge­kom­men. Der Ger­ma­nist und Kul­tur­wis­sen­schaft­ler Ralf Ge­org Cza­pra hat ei­ne Bio­gra­fie des Ver­sand­händ­lers Fried­rich Baur ge­schrie­ben, oder bes­ser ge­sagt, ei­ne Dop­pel­bio­gra­fie, denn auch Baurs Schwes­ter Kla­ra rückt hier in das Au­ge des Le­sers.

Denn als der Bru­der sei­ne ers­ten Ar­ti­kel noch per Mo­tor­rad ver­trieb, er han­del­te mit Schu­hen, re­üs­sier­te sei­ne Schwes­ter als Tän­ze­rin auf den Büh­nen in Berlin oder Pa­ris. Sie tanz­te und po­sier­te nackt und nann­te sich als Künst­le­rin Clai­re Bau­roff, der fran­zö­sisch-rus­si­sche Na­me ver­sprach in­ter­na­tio­na­les Flair. In der Tat, zwei un­glei­che Ge­schwis­ter al­so, wie der Ti­tel die­ser Bio­gra­fie es sagt, und zwei Le­bens­ge­schich­ten, die ei­ne Viel­zahl von Aspek­ten ver­ei­ni­gen. Es ist ei­ne Ge­schich­te des Un­ter­neh­mer­tums, aber auch ei­ne der Kul­tur von Tanz und Fo­to­gra­fie. Und sie ist na­tür­lich auch ei­ner der po­li­ti­schen Er­eig­nis­se, die das Le­ben der bei­den präg­ten. Fried­rich Baur (1890-1965) und Clai­re Bau­roff (1895-1984) ha­ben auf ih­re un­ter­schied­li­chen Wei­sen das 20. Jahr­hun­dert er­lebt und auch ge­prägt. Als Fried­rich 1925 ei­nen Ver­sand­han­del für Schu­he grün­de­te, schweb­te ihm ein Schuh für „je­der­mann“vor, prak­ti­sche, halt­ba­re und er­schwing­li­che Fuß­be­klei­dung. Baurs Schwes­ter hin­ge­gen ver­zich­te­te zu­min­dest be­ruf­lich auf das Tra­gen von Schu­hen – und auch sons­ti­ger Klei­dung. Die be­rühm­ten Bil­der, die die Fo­to­gra­fin Tru­de Fleisch­mann von ihr mach­te, zei­gen ei­ne schlan­ke, fast kna­ben­haft wir­ken­de Frau, wie sie dem Ide­al der Zeit ent­sprach. Es wa­ren die „Gol­de­nen Zwan­zi­ger“.

Die Kon­tak­te zum Bru­der blie­ben spär­lich, und wäh­rend der zu ei­nem hoch­ge­ach­te­ten Un­ter­neh­mer auf­stieg, der ei­ne Stif­tung grün­de­te, So­zi­al­woh­nun­gen und Kin­der­hei­me bau­te, ver­ebb­te Clai­res Kar­rie­re. Als sie 1984 starb, wuss­te kaum je­mand, dass sie ei­ne ge­fei­er­te Büh­nen­per­sön­lich­keit ge­we­sen war, die ei­ne Freund­schaft mit dem Schrift­stel­ler Her­mann Broch ver­band. Ca­pras Ver­dienst ist es, bei­der Le­ben in den Fo­kus zu rü­cken, sei­ne Bio­gra­fie ist span­nend und le­sens­wert. In­fo Ralf Ge­org Cza­pra: Die un­glei­chen Ge­schwis­ter, Pi­per, 423 S., 28 Eu­ro.

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