Spa­zier­gän­ger lie­ben Fried­hö­fe

Rheinische Post Goch - - GESELLSCHAFT - VON LESLIE BROOK

Vie­le Städ­te ar­bei­ten an ei­nem neu­en Image der Fried­hö­fe. Sie sol­len für die Le­ben­den at­trak­ti­ver wer­den. Fried­hof­ca­fés er­öff­nen wie­der, und es gibt Füh­run­gen zu be­son­de­ren Grä­bern.

SIEG­BURG In ei­ner Ge­sell­schaft, die den Tod mög­lichst zu ver­drän­gen sucht, fällt Sieg­burg mit sei­nem Fried­hof­s­ca­fé auf. Dort sa­gen die Leu­te: „Ich ge­he ins Ca­fé T.O.D.“– für Frem­de mu­tet das merk­wür­dig an. Doch die Initia­to­ren ha­ben sich be­wusst für den pro­vo­ka­ti­ven Na­men ent­schie­den, als sie vor rund zwei Jah­ren das Ca­fé am Nord­fried­hof er­öff­ne­ten. „Wir möch­ten das Ta­bu vom Tod neh­men und ihn im Le­ben wie­der all­täg­lich ma­chen“, er­klärt die Lei­te­rin des Stan­des­am­tes und der Fried­hofs­ver­wal­tung, Andrea Müller, die gleich­zei­tig ers­te Vor­sit­zen­de des Trä­ger­ver­eins ist. Ei­ni­ge ta­ten sich an­fangs schwer mit dem Na­men, ak­zep­tier­ten dann aber sei­ne Be­deu­tung „Ta­bu Of­fen Dis­ku­tie­ren“und ver­tei­di­gen ihn heu­te selbst. Das Ca­fé sei ein Er­folg, heißt es bei der Stadt Sieg­burg.

Fried­hof­s­ca­fés sind im Kom­men. In Berlin hat das „Schmau­set in Frie­den“er­öff­net, am Münch­ner Ost­fried­hof ent­steht bis En­de 2017 in ei­nem um­ge­bau­ten Kre­ma­to­ri­um Gas­tro­no­mie. Die­se Lo­ka­le wol­len aber nicht die Art von Gast­stät­ten sein, die Fa­mi­li­en nach der Bei­set­zung mit ge­deck­tem Ap­fel­ku­chen ver­sor­gen, son­dern ein stän­di­ger Ort der Be­geg­nung, der Ein­kehr und der Ge­sprä­che. Nicht nur für Hin­ter­blie­be­ne, die an Al­ler­hei­li­gen oder am To­ten­sonn­tag die Grä­ber pfle­gen, son­dern auch für Aus­flüg­ler nach ei­nem Spa­zier­gang oder ei­ner Be­sich­ti­gung des Fried­hofs.

32.000 Fried­hö­fe gibt es laut der Ver­brau­cher­initia­ti­ve Be­stat­tungs­kul­tur „Ae­ter­ni­tas“in Deutsch­land – und in vie­len Städ­ten be­mü­hen sich die Ver­wal­tun­gen dar­um, die Oa­sen der Ru­he of­fe­ner zu gestal­ten. In­zwi­schen ist es vie­ler­orts kein Ta­bu mehr, dort zum Bei­spiel Thea­ter- oder Ki­no­vor­stel­lun­gen zu or­ga­ni­sie­ren. Ei­ni­ge An­ge­bo­te rich­ten sich spe­zi­ell an Kin­der, wie et­wa Fle­der­m­aus­füh­run­gen. Vor al­lem aber sol­len Fried­hö­fe An­lauf­stel­le für Er­ho­lungs­su­chen­de sein, der Fried­hof möch­te auch Le­ben­den et­was ge­ben: „Wir be­ob­ach­ten, dass heu­te wie­der vie­le Men­schen ger­ne auf Fried­hö­fe ge­hen, die At­mo­sphä­re dort ist be­son­ders, und es gibt viel zu ent­de­cken“, sagt In­ge Gotz­mann, Ge­schäfts­füh­re­rin des Bun­des Hei­mat und Um­welt in Deutsch­land. Durch star­re Re­geln hät­ten Fried­hö­fe in der Ver­gan­gen­heit an At­trak­ti­vi­tät ver­lo­ren, nun wer­de am Image ge­ar­bei­tet. Fried­hö­fe sol­len zu at­trak­ti­ven Or­ten wer­den. Denn durch die zu­neh­men­de Sä­ku­la­ri­sie­rung un­ter­hal­ten nicht mehr so vie­le Men­schen Grä­ber, Fried­hö­fe wer­den mehr und mehr zu grü­nen Oa­sen. „Auf Fried­hö­fen kann man die Na­tur er­le­ben und Stil­le ge­nie­ßen, sie sind aber auch kul­tur­his­to­risch in­ter­es­sant.“Ei­ne Initia­ti­ve von Fried­hofs­ver­bän­den will er­rei­chen, dass die Fried­hofs­kul­tur in die Unesco-Lis­te des im­ma­te­ri­el­len Kul­tur­er­bes auf­ge­nom­men wird. Fried­hö­fe sei­en iden­ti­täts­stif­tend, heißt es in dem An­trag.

Wer in Pa­ris Ur­laub macht, be­sucht meist auch den „Pè­re Lachai­se“, wer in Berlin zu Be­such ist, plant ei­nen Ab­ste­cher zum Jü­di­schen Fried­hof in Weis­sen­see ein. Dort be­fin­det sich der flä­chen­größ­te er­hal­te­ne jü­di­sche Fried­hof Eu­ro­pas mit fast 116.000 Gr­ab­stel­len.

Fried­hö­fe als Se­hens­wür­dig­kei­ten zu be­trach­ten – das soll­te nicht nur für die Fe­ri­en gel­ten, son­dern auch im All­tag. „Kein Fried­hof ist wie der an­de­re“, sagt Alexander Hel­bach von „Ae­ter­ni­tas“. Je­der ha­be sei­nen Reiz. So zeich­net sich bei­spiels­wei­se der Haupt­fried­hof Bocholt durch sei­ne geo­me­tri­sche Gar­ten­kunst aus, auf dem Al­ten Fried­hof in Bonn – üb­ri­gens die zweit­größ­te Grün­an­la­ge der Bon­ner In­nen­stadt – gibt es vie­le be­rühm­te Gr­ab­stät­ten, dar­un­ter die von Ro­bert und Cla­ra Schu- mann so­wie von Beet­ho­vens Mut­ter. Ver­schie­de­ne Füh­run­gen la­den zur Er­kun­dung der Mu­si­ker­grä­ber, aber auch zu bri­ti­schen Gr­ab­stät­ten oder zu den Grä­bern von Pro­fes­so­ren ein. „An­hand der rund 2800 Denk­mä­ler lässt sich die Bon­ner Ge­schich­te aus vie­len Blick­win­keln be­schrei­ben“, er­klärt die Ge­schäfts­füh­re­rin des Ver­eins, Eri­ka Zan­der. Auch der Köl­ner Me­la­ten­fried­hof ist ei­nen Be­such wert: Dort fin­den sich die Grä­ber der Fa­mi­lie Mil­lo­witsch, auch die Schrift­stel­le­rin Irm­gard Keun und der Ko­mi­ker Dirk Bach sind dort be­stat­tet. Eben­falls se­hens­wert ist der Jü­di­sche Fried­hof in der Nä­he von Xan­ten.

In Zu­kunft dürf­ten sich wei­te­re Ver­an­stal­tun­gen und Fried­hof­s­ca­fés eta­blie­ren – nicht nur in Städ­ten, auch auf dem Land, meint Hel­bach. Im Sieg­bur­ger Fried­hof­s­ca­fé wer­den in­zwi­schen auch Ausstellungen prä­sen­tiert. „Das Ca­fé ist für al­le ge­dacht“, sagt Wal­ter Kühn, der sich dort eh­ren­amt­lich en­ga­giert. „Wer re­den will, der kommt. Wer selbst­ge­ba­cke­nen Ku­chen möch­te, der kommt, und wer ein­fach ein­keh­ren möch­te, der ist auch will­kom­men.“

FOTO: IMAGO

Der al­te Fried­hof in Bonn ist die zweit­größ­te Grün­an­la­ge der Stadt und be­steht seit 300 Jah­ren. Gleich­zei­tig ist er kul­tur­his­to­risch in­ter­es­sant, denn dort ha­ben ei­ni­ge be­rühm­te Mu­si­ker ih­re letz­te Ru­he­stät­te ge­fun­den.

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