Kreuz­feu­er

Rheinische Post Goch - - UNTERHALTUNG -

War­um ich es im­mer noch für nö­tig hielt, mei­ne An­we­sen­heit vor mei­ner Mut­ter zu ver­ber­gen, wuss­te ich selbst nicht, aber vor al­lem woll­te ich ihr im Au­gen­blick nicht er­klä­ren, was pas­siert war.

Au­ßer­dem war es für mich vi­el­leicht auch si­che­rer, wenn sie nicht wuss­te, wo ich war.

Nach­dem ich mich von Ju­lie zu Ians Wa­gen hat­te zu­rück­brin­gen las­sen, war ich da­mit lang­sam die Zu­fahrt von Greysto­ne Sta­bles hin­auf­ge­fah­ren. Mei­ne bei­den höl­zer­nen Wach­pos­ten wa­ren ka­putt. Ir­gend­je­mand war oben am Stall­hof ge­we­sen; je­mand, der jetzt wuss­te, dass ich nicht tot war; je­mand, der vi­el­leicht noch mal ver­su­chen wür­de, mich um­zu­brin­gen. Aber da­zu muss­te er mich erst mal fin­den.

Ich schlief wie im­mer schlecht, und Ian ließ mich wei­terd­ö­sen, als er Mon­tag früh um halb sie­ben zur Stall­zeit ging.

Bei sei­ner Rück­kehr ge­gen Mit­tag hat­te ich sämt­li­che her­un­ter­ge­la­de­nen In­for­ma­tio­nen von Alex auf mei­nem Lap­top ge­le­sen. Das meis­te war un­in­ter­es­sant, aber es fan­den sich auch ei­ni­ge Kost­bar­kei­ten und drei um die Wet­te fun­keln­de Dia­man­ten.

Vi­el­leicht brauch­te ich mei­nen He­bel gar nicht ein­zu­set­zen.

Ei­ner der Dia­man­ten war, dass Alex, wie sich her­aus­stell­te, nicht nur der Buch­hal­ter der Rock Bank Ltd. war, son­dern ei­ne Un­ter­schrifts­voll­macht für das Bank­kon­to der Fir­ma be­saß und dass ich oben­drein im Be­sitz al­ler Pass­wör­ter und Be­nut­zer­na­men war, die man brauch­te, um on­li­ne auf das Kon­to zu­zu­grei­fen.

Heu­te Nacht, wenn ich vom Bü­ro mei­ner Mut­ter aus ins In­ter­net konn­te, wür­de ich ver­su­chen, an das Kon­to her­an­zu­kom­men.

Das an­de­re wa­ren zwei E-Mails über mich, die Jack­son War­ren an Alex Reece ge­schickt hat­te, ei­ne noch am Abend des Es­sens bei Isa­bel­la, dann noch ei­ne nach Sci­en­ti­fics „ver­se­hent­li­chem“Sieg bei dem Ren­nen in New­bury. Die ers­te war im Zorn ge­schrie­ben, die zwei­te als War­nung ge­dacht, aber ich konn­te nur stau­nen, wie leicht man­che Leu­te es mit der E-Mail-Si­cher­heit nah­men.

Beim Mi­li­tär wur­den al­le aus­ge­hen­den Nach­rich­ten ver­schlüs­selt, da­mit der Feind sie nicht le­sen konn­te. Und Han­dys durf­ten in Af­gha­nis­tan gar nicht be­nutzt wer­den für den Fall, dass die Ta­li­ban mit­hör­ten und so an In­for­ma­tio­nen ge­lang­ten, die sie tak­tisch nut­zen konn­ten oder auch nur, um die Moral der Trup­pe zu un­ter­gra­ben.

Wenn ihr Spröss­ling nicht vom Han­dy aus Hel­mand an­rief, konn­ten die El­tern auch kei­nen Fol­ge­an­ruf er­hal­ten, dies­mal von ei­nem eng­lisch­spre­chen­den Mann der Ta­li­ban, der ih­nen mit­teil­te, dass ihr Sohn am nächs­ten Mor­gen ab­ge­knallt und in ei­ner Holz­kis­te nach Hau­se ge­schickt wür­de. Auch das war vor­ge­kom­men. Und hier ließ ein ver­meint­lich ver­nünf­ti­ger Mensch wie Jack­son War­ren un­ver­schlüs­sel­te E-Mails los, die je­der le­sen konn­te. Die zu­min­dest ich le­sen konn­te.

Ver­dammt noch mal, wie kom­men Sie da­zu, vor Tho­mas For­syth so of­fen zu re­den?, hat­te Jack­son ge­schrie­ben, kurz nach­dem er an dem Abend hin­aus­ge­stürmt war. Sei­ne Mut­ter ge­hört zu de­nen, die schwer in un­se­re klei­ne Ab­zo­cke in­ves­tiert ha­ben. Hal­ten Sie ver­dammt noch mal den Mund – ver­stan­den?

Ich sah leb­haft vor mir, wie Jack­son da­mals aus der Kü­che ge­rauscht war. Ihm war ganz si­cher zum Brül­len zu­mu­te.

Die zwei­te Mail war et­was zu­rück­hal­ten­der, aber nicht we­ni­ger di­rekt, und Jack­son hat­te sie um sieb­zehn Uhr am Nach­mit­tag des Ren­nens ver­schickt. Er muss­te sie gleich nach sei­ner Rück­kehr aus New­bury ge­schrie­ben ha­ben.

Tho­mas For­syth hat mir heu­te Nach­mit­tag ge­sagt, dass er sich mit Ih­nen in Ver­bin­dung set­zen will. Ich ge­den­ke da­für zu sor­gen, dass er das nicht kann. Soll­te er je­doch an Sie her­an­tre­ten, ehe ich mei­ne Vor­keh­run­gen ge­trof­fen ha­be, sind Sie hier­mit auf­ge­for­dert, NICHT mit ihm zu spre­chen oder sonst wie zu kom­mu­ni­zie­ren. Das ist von al­ler­größ­ter Wich­tig­keit, ge­ra­de auch an­ge­sichts des für kom­men­de Wo­che ge­plan­ten Ab­schlus­ses.

Ich wuss­te nur zu gut, wel­che Vor­keh­run­gen Jack­son dann ge­trof­fen hat­te, um mich an ei­nem Ge­spräch mit Alex zu hin­dern – mei­ne Schul­tern schmerz­ten jetzt noch da­von. Aber um wel­chen Ab­schluss war es ge­gan­gen? Vi­el­leicht klär­te sich das al­les auf, wenn ich mir nach­her das Bank­kon­to der Fir­ma an­sah.

„Was ma­chen die Pfer­de?“, frag­te ich Ian, als er sich auf das brau­ne So­fa fal­len ließ und den Fern­se­her an­schal­te­te.

„De­nen geht’s gut“, sag­te er mit ei­nem ge­wal­ti­gen Seuf­zer.

„Und wo brennt’s?“, frag­te ich. „Soll ich ver­schwin­den?“

„Wie Sie möch­ten“, ant­wor­te­te er schein­bar un­in­ter­es­siert, wäh­rend er sich durch die Ka­nä­le zapp­te.

„Schwe­rer Tag im Bü­ro?“, frag­te ich. „Das kön­nen Sie laut sa­gen.“Ich schwieg. Wenn er woll­te, wür­de er es mir schon er­zäh­len. Er woll­te. „Als ich die Stel­le hier über­nom­men ha­be, dach­te ich, es läuft mehr auf As­sis­tenz­trai­ner raus als bloß auf Fut­ter­meis­ter. Mrs. Kau­ri hat so was an­ge­deu­tet. Sie sag­te näm­lich, sie hat kei­nen rich­ti­gen As­sis­ten­ten, da dach­te ich, der Fut­ter­meis­ter ist für sie wich­ti­ger als für an­de­re Trai­ner.“

Er hielt in­ne, vi­el­leicht weil ihm ein­fiel, dass ich Mrs. Kau­ris Sohn war. „Und?“, half ich nach. „Und gar nichts“, fuhr er fort. Er schal­te­te den Fern­se­her aus und dreh­te sich zu mir um. „Ich ha­be mich bloß ge­irrt. Sie hat ein­fach des­halb kei­nen As­sis­ten­ten, weil sie nichts de­le­gie­ren kann. Im Ge­gen­teil, sie be­han­delt mich ge­nau­so wie die Jungspun­de, die frisch von der Schu­le kom­men. Sie gibt den Leu­ten An­wei­sun­gen, die ei­gent­lich ich ge­ben soll­te und die oft ge­nau dem wi­der­spre­chen, was ich ih­nen ge­sagt ha­be. Ich ha­be das Ge­fühl, mei­ne Au­to­ri­tät wird un­ter­gra­ben, und kom­me mir un­nütz vor.“

Da­von kann ich ein Lied sin­gen, dach­te ich.

Konn­te ich zu­min­dest, bis ich da­heim aus­ge­zo­gen und zur Ar­mee ge­gan­gen war. Mir schien, Ian war schon auf der Su­che nach et­was an­de­rem. Ein Jam­mer. Ich hat­te ihn bei der Ar­beit mit den Pfer­den er­lebt, und wie er die jun­gen be­ru­hig­te und den al­ten zeig­te, wo es lang­ging, das war un­ver­kenn­bar gut. Au­ßer­dem hing er an ih­nen, und er woll­te, dass sie sieg­ten. Wenn Ian Nor­land ging, wä­re das ein trau­ri­ger Tag für Kau­ri Hou­se Sta­bles.

„Ha­ben Sie sich schon um­ge­hört?“, frag­te ich.

(Fort­set­zung folgt)

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.