Un­se­re Stadt soll lang­sa­mer wer­den

Rheinische Post Goch - - STIMME DES WESTENS - VON JAN DREBES

Rad­we­ge, mehr Tem­po 30, we­ni­ger Pkw, we­ni­ger Re­geln ge­gen Kin­der­lärm: Ein neu­er Plan aus dem Bun­des­um­welt­mi­nis­te­ri­um zeigt, wel­che Vi­sio­nen Res­sort­che­fin Bar­ba­ra Hend­ricks (SPD) für die Kom­mu­nen hat.

BERLIN Um es vor­weg zu sa­gen: Nicht al­les, was in dem elf­sei­ti­gen Pa­pier des Bun­des­um­welt­mi­nis­te­ri­ums steht, dürf­te auf Zu­stim­mung in der Bun­des­re­gie­rung sto­ßen. Im Ge­gen­teil: Vie­les dürf­te neue Dis­kus­sio­nen dar­über los­tre­ten, wie ur­ba­ne Ge­bie­te in Deutsch­land in Zu­kunft aus­se­hen sol­len und wie nicht. In dem Pro­gramm, das un­se­rer Re­dak­ti­on vor­ab vor­liegt, stellt Res­sort­che­fin Bar­ba­ra Hend­ricks ( SPD) ih­re Vi­sio­nen vor. Beim heu­ti­gen Ab­schluss der Mi­nis­ter­kon­fe­renz von Bund und Län­dern in Dres­den will die Mi­nis­te­rin es prä­sen­tie­ren.

Aus dem Pa­pier des Mi­nis­te­ri­ums

In den Städ­ten zei­ge sich „die gan­ze kul­tu­rel­le Viel­falt un­se­res Lan­des“, heißt es in Hend­ricks’ Pa­pier. Doch nicht zu­letzt we­gen der Men­schen, die vor Krieg und Ge­walt nach Deutsch­land flie­hen, brau­che es mehr Wohn­raum. Die Städ­te müss­ten „in je­der Hin­sicht durch­mischt sein“, schreibt das Bau­res­sort. Nun be­ste­he Ge­le­gen­heit, das „Leit­bild der kom­pak­ten, in­te­grier­ten und um­welt­freund­li­chen Stadt schritt­wei­se in die Rea­li­tät um­zu­set­zen“. Wir ha­ben uns die ein­zel­nen Vor­schlä­ge, die zu die­sem Ziel füh­ren sol­len, an­ge­schaut. Mehr Wohn­raum er­mög­li­chen Neu­en und be­zahl­ba­ren Wohn­raum zu schaf­fen, ist laut Pa­pier die größ­te Her­aus­for­de­rung für wach­sen­de Städ­te. Ne­ben den be­reits be­schlos­se­nen Maß­nah­men zur Er­hö­hung des Wohn­gel­des und der För­de­rung des so­zia­len Woh­nungs­baus sei man im Ge­spräch mit Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le (CDU) und den Län­dern über wei­te­re steu­er­li­che An­rei­ze für den Woh­nungs­bau.

Zu­dem will Bar­ba­ra Hend­ricks ei­nen neu­en Bau­ge­biet­s­typ schaf­fen. Mit der ge­plan­ten Ka­te­go­rie „ur­ba­nes Ge­biet“ soll das bis­her nur ein­ge­schränkt er­laub­te Ne­ben­ein­an­der von Woh­nen und Ge­wer­be recht­lich er­leich­tert wer­den. Geht es nach Hend­ricks, könn­ten Kom­mu­nen künf­tig „in be­son­de­ren ur­ba­nen La­gen“ei­ne dich­te­re Be­bau­ung ge­neh­mi­gen, als es bis­her in Misch­ge­bie­ten mög­lich ist. Für die Wohn­raum­nut­zung in sol­chen Ge­bie­ten soll zu­dem der Lärm­schutz­stan­dard zu­guns­ten des Ge­wer­bes ge­senkt wer­den.

Die Ver­dich­tung der Städ­te soll auch den Flä­chen­ver­brauch ein­däm­men. Wäh­rend der letz­ten 60 Jah­re hat sich die Sied­lungs- und Ver­kehrs­flä­che nach An­ga­ben des Um­welt­bun­des­am­tes in Deutsch­land mehr als ver­dop­pelt. Im Jahr 2012 wur­de täg­lich ei­ne Flä­che von 74 Hekt­ar neu aus­ge­wie­sen – meist zu­las­ten der Land­wirt­schaft. Das ent­spricht et­wa der Grö­ße von 113 Fuß­ball­fel­dern. Kin­der­lärm auch am Sonn­tag­mit­tag Be­reits 2011 hat der Bun­des­tag ein Ge­setz be­schlos­sen, wo­nach Kin­der­lärm, der von Ki­tas und Spiel­plät­zen kommt, recht­lich pri­vi­le­giert ist. Kla­gen ge­gen lau­te Kin­der­stim­men sind da­mit na­he­zu aus­ge­schlos­sen. Jetzt will Hend­ricks das Ge­setz auf Sport­stät­ten aus­wei­ten.

Sport sei die größ­te Bür­ger­be­we­gung Deutsch­lands, heißt es in ih­rem Pa­pier. Da­für brau­che es aber die rich­ti­gen Rah­men­be­din­gun­gen. Kon­kret heißt das: Der Ver­eins­sport von Kin­dern soll nach Hend­ricks’ Plä­nen künf­tig nicht mehr un­ter das vom Bund ge­ge­be­ne Im­mis­si­ons­schutz­recht fal­len. Lärm­schutz vor Ge­richt ein­zu­kla­gen, wür­de dann er­neut deut­lich schwie­ri­ger. „Ver­eins­sport von Kin­dern soll in den Ru­he­zei­ten, et­wa an Sonn- und Fei­er­ta­gen zwi­schen 13 und 15 Uhr, un­ein­ge­schränkt statt­fin­den kön­nen“, heißt es im Pa­pier. Kin­der­lärm ge­hö­re zum Le­ben und sei kein Lärm, der nach dem Im­mis­si­ons­schutz­recht be­ur­teilt wer­den soll­te, schreibt das Mi­nis­te­ri­um.

Zum Teil wür­den Sport­stät­ten durch Be­schwer­den der An­woh­ner vor al­lem in den Ru­he­zei­ten oder durch her­an­rü­cken­de Wohn­be­bau­ung mas­si­ve Nut­zungs­be­schrän­kun­gen bis hin zur Ge­fähr­dung des wei­te­ren Be­triebs der An- la­gen dro­hen. Es brau­che mehr Fle­xi­bi­li­tät für die zu­stän­di­gen Be­hör­den. Au­ßer­dem soll es ei­nen „Alt­an­la­gen­bo­nus“für Sport­hal­len und -plät­ze ge­ben, die vor 1991 ge­neh­migt wur­den. In An­leh­nung an ei­nen Leit­fa­den aus Nord­rhein-West­fa­len soll bun­des­weit ge­währ­leis­tet wer­den, dass in sol­chen Sport­stät­ten der Be­trieb trotz leich­ter Über­schrei­tun­gen der Lärm­schutz­wer­te auf­recht­er­hal­ten wer­den kann. Mehr Tem­po-30-Zo­nen Der drit­te ent­schei­den­de Punkt in dem Pa­pier be­trifft die Um­ge­stal­tung des ur­ba­nen Stra­ßen­ver­kehrs. Laut Kraft­fahrt­bun­des­amt gibt es mehr als 40 Mil­lio­nen Pkw in Deutsch­land. Hend­ricks will ih­nen nun die do­mi­nan­te Rol­le in den Städ­ten neh­men. So un­ter­stützt ihr Haus laut Pa­pier die For­de­rung der Ver­kehrs­mi­nis­ter­kon­fe­renz, es Kom­mu­nen künf­tig leich­ter zu ma­chen, Tem­po-30-Zo­nen ein­zu­rich­ten. Man sei aber nicht für den ra­di­ka­len An­satz, näm­lich flä­chen­de­ckend Tem­po 30 vor­zu­schrei­ben.

Elek­tro­fahr­zeu­ge will Hend­ricks we­gen ih­rer Vor­tei­le für Um­welt und Lärm­schutz nicht nur mit steu­er­li­chen Ab­schrei­bun­gen für ge­werb­lich ge­nutz­te Au­tos för­dern, sie spricht sich in dem Pa­pier er­neut für Quo­ten und Kauf­prä­mi­en aus. Letz­te­res hat­ten Ver­kehrs­mi­nis­ter Alexander Do­brindt (CSU) und Kas­sen­wart Schäu­b­le aber be­reits mit deut­li­cher Skep­sis kom­men­tiert.

Zu­sätz­lich will Hend­ricks den Bau von Rad­we­gen in den Kom­mu­nen brei­ter för­dern. So sol­len Mit­tel nicht nur wie bis­her aus der Städ­te­bau­för­de­rung flie­ßen, son­dern auch und „in grö­ße­rem Um­fang“aus der Na­tio­na­len Kli­ma­schutz­in­itia­ti­ve. Aus dem 2008 ge­grün­de­ten Topf wur­den bis 2014 knapp 20.000 Pro­jek­te für rund 550 Mil­lio­nen Eu­ro ge­för­dert. Doch da­mit nicht ge­nug: Hend­ricks wünscht sich au­ßer­dem, dass der Bund für den Aus- und Neu­bau über­re­gio­na­ler Rad­we­ge mehr fi­nan­zi­el­le Ver­ant­wor­tung über­nimmt. Zah­len nennt sie im Pa­pier nicht, Fi­nanz­mi­nis­ter Schäu­b­le dürf­te aber auch das be­reits jetzt schon sehr kri­tisch se­hen.

„Leit­bild der kom­pak­ten, in­te­grier­ten und um­welt

freund­li­chen Stadt“

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