SEK-Skan­dal wird zur Gro­tes­ke

Rheinische Post Goch - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON THO­MAS REISENER

Der Kampf um die Deu­tungs­ho­heit über ein bi­zar­res Ri­tu­al

DÜSSELDORF Vier Mo­na­te nach dem ers­ten Me­dien­be­richt über das bi­zar­re Auf­nah­me­ri­tu­al bei ei­nem Köl­ner Spe­zi­al-Ein­satz­kom­man­do (SEK) strei­ten Po­li­ti­ker, Mi­nis­te­ri­al­be­am­te, Po­li­zei­funk­tio­nä­re und An­wäl­te noch im­mer um die Deu­tungs­ho­heit. Seit der – in­zwi­schen zwei­ten – De­bat­te ges­tern im In­nen­aus­schuss ist klar: Um die Sa­che geht es kaum noch. Die Fak­ten Die Staats­an­walt­schaft hat ge­gen zehn SEK-Be­am­te er­mit­telt. Und hält fest: Zwei SEK-An­wär­ter muss­ten „auf dem Bo­den vor ei­nem sit­zen­den Kom­man­do­mit­glied knie­end ein aus ei­ner Tsa­tsi­ki-Ko­nob­lauch-Chi­li-Mi­schung her­ge­stell­tes Eis es­sen, wel­ches ekel­er­re­gend schmeck­te und das sich zwi­schen den Ober­schen­keln ei­nes der Kom­man­do­mit­glie­der be­fand“. Ei­ner von ih­nen über­gab sich da­bei. Die Staats­an­walt­schaft lis­tet wei­te­re Ri­tu­al-De­mü­ti­gun­gen auf. Un­ter an­de­rem wur­de den An­wär­tern „nach­ein­an­der ei­ne das ge­sam­te Ge­sicht be­de­cken­de Tau­cher­mas­ke über­ge­zo­gen und durch ei­nen Luft­schlauch Al­ko­hol ein­ge­füllt“. Sie wa­ren teil­wei­se mit Hand­schel­len ge­fes­selt. Das Ver­fah­ren wird ein­ge­stellt, weil die An­wär­ter frei­wil­lig mit­mach­ten. Trotz­dem ver­fügt Po­li­zei­prä­si­dent Wolf­gang Al­bers die Auf­lö­sung des SEK. Dis­zi­pli­na­risch lässt er wei­ter er­mit­teln. Die Ba­ga­tel­li­sie­rer Die Po­li­zei­ge­werk­schaf­ten hal­ten das Vor­ge­hen von Al­bers für ei­ne Vor­ver­ur­tei­lung. Er dür­fe das SEK nicht auf­lö­sen, weil das Er­geb­nis der dis­zi­pli­na­ri­schen Er­mitt­lun­gen noch nicht vor­lie­ge. Hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand re­la­ti­vie­ren sie das Ri­tu­al als Teil ei­ner üb­li­chen Pra­xis. Mot­to: Har­te Jungs spie­len eben an­de­re Spie­le. Ähn­lich ar­gu­men­tie­ren die Per­so­nal­rä­te im Köl­ner Po­li­zei­prä­si­di­um, die der Auf­lö­sung des SEK ih­re Zu­stim­mung ver­wei­gern – mit noch un­kla­ren Fol­gen für die Rechts­kraft der SEK-Auf­lö­sung. Die Re­gie­rungs­par­tei­en im Land­tag wol­len gar nicht mehr über das The­ma spre­chen, bis die Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren ab­ge­schlos­sen sind. Das kann in­klu­si­ve Ge­gen­kla­gen der SEK-An­wäl­te Jah­re dau­ern. Im Kern fußt die Ar­gu­men­ta­ti­on der Ba­ga­tel­li­sie­rer auf der Ein­stel­lung der staats­an­walt­schaft­li­chen Er­mitt­lun­gen. Die Skan­da­li­sie­rer In­nen­mi­nis­ter Ralf Jä­ger (SPD) hin­ge­gen deckt das har­te Vor­ge­hen von Al­bers: „Das von der Staats­an­walt­schaft fest­ge­stell­te Ver­hal­ten ist los­ge­löst von der straf­recht­li­chen Re­le­vanz ei­ne Fra­ge von Moral und An­stand und be­am­ten­recht­lich in kei­ner Wei­se ak­zep­ta­bel.“Ei­ne teil­wei­se über­trie­be­ne Darstel­lung des Ri­tu­als vor dem In­nen­aus­schuss muss­te das Mi­nis­te­ri­um wie­der zu­rück­neh­men. Die CDU for­dert den Rück­tritt des SPD-na­hen Po­li­zei­funk­tio­närs Al­bers. Zwi­schen­zeit­lich hat­te sie ihm auch man­geln­des Auf­klä­rungs­in­ter­es­se vor­ge­wor­fen, jetzt mo­niert sie des­sen an­geb­lich über­trie­be­ne Re­ak­ti­on. Die Fol­gen Wahr­schein­lich wird es der­ar­ti­ge Auf­nah­me­ri­tua­le bei der NRW-Po­li­zei nicht wie­der ge­ben – da­für hat der Fall zu ho­he Wel­len ge­schla­gen. Das In­nen­mi­nis­te­ri­um hat au­ßer­dem neue Kri­te­ri­en für die Aus­wahl der Füh­rungs­be­am­ten bei den Spe­zi­al­ein­hei­ten des Lan­des an­ge­kün­digt. Die Be­am­ten des auf­ge­lös­ten SEK will Al­bers – je nach ih­rer Be­tei­li­gung am Ri­tu­al – ent­we­der in an­de­re SEK oder in den Strei­fen­dienst ver­set­zen.

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