Ein Hau­fen Pro­ble­me

Rheinische Post Goch - - POLITIK - VON BIR­GIT MARSCHALL, GRE­GOR MAYNTZ UND EVA QUADBECK

Die Flücht­lings­kri­se ver­schärft sich. Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel bit­tet die Spit­zen von CSU und SPD des­halb zum Drei­er-Gip­fel.

BERLIN Wenn An­ge­la Mer­kel und Horst See­ho­fer mor­gen un­ter vier Au­gen den für Sonn­tag an­be­raum­ten Drei­er-Gip­fel mit Sig­mar Ga­b­ri­el vor­be­rei­ten, liegt das In­kraft­tre­ten ei­nes di­cken Ge­set­zes­pa­kets mit Asyl­ver­schär­fun­gen, Ver­fah­rens­ver­ein­fa­chun­gen und Flucht­ab­schre­ckung ge­ra­de mal ei­ne Wo­che zu­rück. Das Kanz­ler­amt mahnt des­halb zu Ge­duld: Die Maß­nah­men müss­ten erst mal wir­ken kön­nen. Doch die Re­ak­ti­on aus München folgt um­ge­hend via Twit­ter: „Das Ein­zi­ge, was wir in die­ser chao­ti­schen Si­tua­ti­on nicht ha­ben, ist Zeit und Ge­duld“, warnt Ge­ne­ral­se­kre­tär Andre­as Scheu­er.

Die CSU spricht von Not­la­gen, ver­langt von den drei Par­tei­chefs an der Spit­ze der gro­ßen Ko­ali­ti­on schnel­le Ent­schei­dun­gen und er­höht den Druck. Ne­ben der For­de­rung nach Tran­sit­zo­nen an den deut­schen Gren­zen, Stopp des Flücht­lings­zu­stroms und ge­ne­rel­ler Be­gren­zung der Mi­gra­ti­on lie­gen des­halb auch baye­ri­sche Dro­hun­gen auf dem Tisch: ein Ul­ti­ma­tum, bis Sonn­tag zu ei­ner Um­kehr der Bun­des­po­li­tik zu kom­men, die un­re­gis­trier­te Wei­ter­lei­tung al­ler Flücht­lin­ge durch Bay­ern hin­durch in an­de­re Bun­des­län­der, ei­ne Verfassungsklage ge­gen den Bund und (nicht de­men­tiert) gar der Bruch der Ko­ali­ti­on. „Die Droh­ge­bär­den sind ein Hil­fe­schrei“, sagt CSU-Eu­ro­pa­po­li­ti­ker Man­fred We­ber, der in drei Wo­chen See­ho­fers Vi­ze an der Par­tei­spit­ze wer­den soll.

Sie ar­bei­te­ten ja schon mit vol­ler Kraft, be­to­nen CDU- und SPD-Mi­nis­ter. Die Kanz­le­rin eil­te von den neu­en Ab­spra­chen zwi­schen den Län­dern bis nach Chi­na, um ei­ne Lö­sung für Sy­ri­en, Af­gha­nis­tan, Pa­kis­tan und Mehr­hei­ten für Uno-Re­so­lu­tio­nen zu fin­den, um da­mit Haupt­flucht­grün­de aus der Welt zu schaf­fen. Auch der Vi­ze­kanz­ler jet- tet in den Na­hen Os­ten, dann nach Mos­kau, um auch dort Über­zeu­gungs­ar­beit zu leis­ten.

Doch See­ho­fer sieht vor al­lem, wel­che Aus­wir­kun­gen Be­mü­hun­gen und Be­schlüs­se auf die Wirk­lich­keit in Bay­ern ha­ben: kei­ne. Täg­lich kom­men Tau­sen­de. Die gan­ze Dra­ma­tik zei­gen zwei Zah­len: An dem Tag, an dem der In­nen­mi­nis­ter vor­rech­net, dass in die­sem Jahr be­reits 11.000 Per­so­nen ab­ge­scho­ben wur­den, ver­weist sei­ne Bun­des­po­li­zei dar­auf, dass sie an ei­nem ein­zi­gen Tag 11.154 il­le­gal ein­ge­reis­te Mi­gran­ten ge­fasst ha­be.

Ein blo­ßes Mehr vom Bis­he­ri­gen kommt kaum in­fra­ge. Die Po­li­zis­ten füh­len sich in­zwi­schen am En­de ih- rer Kraft, die Kom­mu­nen äch­zen, und Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen ver­lan­gen vom Staat, die frei­wil­li­gen Hel­fer zu ent­las­ten. Täg­lich wird der Berg an Pro­ble­men grö­ßer.

„Un­se­re Er­war­tung an Berlin ist, sich nicht in­tern zu zer­strei­ten, son­dern hand­lungs­fä­hig zu blei­ben“, sag­te EU-Kom­mis­sar Gün­ther Oet­tin­ger un­se­rer Re­dak­ti­on. In vie­len Län­dern ge­wön­nen Rechts­po­pu­lis­ten an Zu­stim­mung. Die deut­sche Bun­des­re­gie­rung sei hier ein „wich­ti­ger Hort der Sta­bi­li­tät“. Ei­ne wei­te­re Zu­spit­zung der ko­ali­ti­ons­in­ter­nen Ver­wer­fun­gen sei „we­nig hilf­reich“.

Und Brüs­sel will mehr Geld. Für die Flücht­lings­po­li­tik brau­che die 2012 droh­te See­ho­fer beim Eu­ro mit Ko­ali­ti­ons­bruch, wenn es Zu­ge­ständ­nis­se an At­hen ge­be. EU 2016 acht bis zehn Mil­li­ar­den Eu­ro, da­von müs­se Deutsch­land mehr als ein Fünf­tel, al­so zwei Mil­li­ar­den, bei­steu­ern, er­klär­te Oet­tin­ger. Die Mit­tel reich­ten längst nicht mehr aus, um bei dras­tisch ge­stie­ge­nen Flücht­lings­zah­len für aus­rei­chend Ob­dach, Nah­rung, Klei­dung, In­fra­struk­tur und Si­cher­heit zu sor­gen. Eu­ro­pa müs­se zu­dem die Ver­wal­tungs­kraft ha­ben, um 10.000 Flücht­lin­ge pro Tag re­gis­trie­ren zu kön­nen. Des­we­gen sei­en Hots­pots, die man auch Tran­sit­zo­nen nen­nen kön­ne, rich­tig. „Sie muss es dort ge­ben, wo der Er­stein­tritt in die EU statt­fin­det, not­falls aber auch an der deutsch-ös­ter­rei­chi­schen Gren­ze“, be­ton­te Oet­tin­ger.

Kla­re Er­war­tun­gen hat auch Grü­nen-Che­fin Si­mo­ne Pe­ter: „Tat­kraft statt Angst­ma­che­rei“. Die Ko­ali­ti­on sol­le sich auf ei­nen ge­mein­sa­men Kurs ver­stän­di­gen, der die Un­ter­brin­gung und Teil­ha­be von Flücht­lin­gen ins Zen­trum stel­le, „statt auf Ab­wehr und Ab­schre­ckung zu set­zen“, be­ton­te Pe­ter. Soll­te al­so die Ko­ali­ti­on plat­zen und ei­ne Bünd­nis-Al­ter­na­ti­ve ge­for­dert wer­den, dürf­ten sich Uni­on und Grü­ne schon mal nicht ei­nig sein.

FO­TOS: IMAGO (3), THINKSTOCK | MON­TA­GE: FERL

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