Der Not­arzt der Deut­schen Bank

Rheinische Post Goch - - WIRTSCHAFT - VON MA­XI­MI­LI­AN PLÜCK UND GE­ORG WIN­TERS

Deutsch­lands größ­tes Geld­haus rutscht im drit­ten Quar­tal tief in die ro­ten Zah­len. Der neue Kon­zern­chef John Cryan ver­kün­det ei­nen ri­go­ro­sen Spar­kurs, dem 9000 Voll­zeit­stel­len zum Op­fer fal­len. 200 Fi­lia­len wer­den ge­schlos­sen.

FRANK­FURT John Cryan hat sei­nen ers­ten Lern­pro­zess als Chef der Deut­schen Bank durch­lau­fen. Die Hor­ror­bot­schaf­ten, die er ges­tern ver­kün­den muss­te, woll­te der Bri­te der Öf­fent­lich­keit ur­sprüng­lich in ei­ner Te­le­fon­kon­fe­renz ver­mit­teln. Dann ließ er sich da­von über­zeu­gen, dass ei­ne Prä­sen­ta­ti­on Au­ge in Au­ge wich­tig sei, und so wur­de aus der Te­le­fon- ei­ne Pres­se­kon­fe­renz.

Die kör­per­li­che Prä­senz des neu­en Spit­zen­ma­na­gers ist ein Si­gnal, dass sich die Deut­sche Bank ih­ren Pro­ble­men stellt. Von de­nen hat sie wahr­lich ge­nug. Sechs Mil­li­ar­den Eu­ro Ver­lust im drit­ten Quar­tal sind ein Tief­schlag, und sie ver­lie­ren auch nicht da­durch an Dra­ma­tik, dass das al­les schon vor Wo­chen in Aus­sicht ge­stellt wor­den ist, dass es auch mit an­ge­kün­dig­ten Ab­schrei­bun­gen im Pri­vat­kun­den­ge­schäft und im In­vest­ment­ban­king zu tun hat und wie­der mal mit den un­se­lig häu­fi­gen recht­li­chen Strei­tig­kei­ten, die bei der Deut­schen Bank fast Ta­ges­ge­schäft ge­wor­den sind.

John Cryan sieht sich als Sa­nie­rer ei­ner Bank, die auf dem fal­schen Weg ist. So­zu­sa­gen als Not­arzt bei ei­nem Pa­ti­en­ten, der zwar nicht mit dem To­de ringt, bei dem aber klar ist, dass sich der Le­bens­wan­del än­dern muss. Schlan­ke­re Pro­zes­se, kür­ze­re Ent­schei­dungs­we­ge, ef­fi­zi­en­te­re Ar­beits­wei­se – das ist die Me­di­zin, die Cryan ver­ord­net hat. Die Bank müs­se ein­fa­cher wer­den, hat er ges­tern ge­sagt. Dar­um fällt zum Bei­spiel das Group Exe­cu­ti­ve Com­mit­tee, das einst als er­wei­ter­ter Füh­rungs­stab galt, als „Vor­stand un­ter dem Vor­stand“weg.

Was Cryan nicht än­dert, ist die Ziel­vor­ga­be bei der Ei­gen­ka­pi­tal­ren­di­te. Es bleibt bei zehn Pro­zent, aber die will der neue Chef En­de 2018 dann auch er­reicht se­hen. Von zwölf Pro­zent wie frü­her ist in­des nicht mehr die Re­de. Da­für ver­langt der Bri­te ei­ne har­te Kern­ka­pi­tal­quo­te von 12,5 Pro­zent, „da­mit wir nicht mehr den Er­war­tun­gen von Re­gu­la­to­ren und den Märk­ten hin­ter­her­lau­fen“. Zu­letzt lag die Bank bei 11,5 Pro­zent. Mehr Kern­ka­pi­tal schafft man auch da­durch, dass man schrumpft. Fast ein Vier­tel der bi­lan­zi­el­len Ri­si­ken soll bis 2020 ver­schwin­den. Das Ziel sind et­was mehr als 300 Mil­li­ar­den Eu­ro. Auf dem Weg da­hin wer­den die Post­bank und die Be­tei­li­gung an der chi­ne­si­schen Hua Xia ver­kauft.

Was den klei­nen Pri­vat­kun­den an­geht: Et­wa 200 Fi­lia­len sol­len weg­fal­len von 723, die die Bank der­zeit bun­des­weit be­treibt. Da­von lie­gen 205 in NRW. Al­ler­dings sind die Plä­ne noch nicht kon­kre­ti­siert. Die Ar­beit­neh­mer müs­sen auf kla­re An­sa­gen des Vor­stan­des noch war­ten. „Das Ma­nage­ment ist bei sei­nen Aus­füh­run­gen über­ra­schend va­ge ge­blie­ben. Wo die 200 be­trof­fe­nen Fi­lia­len ge­nau lie­gen wer­den, wis­sen wir nicht. Es gibt le­dig­lich die Aus­sa­ge, dass man sich nicht aus der Flä­che zu­rück­zie­hen wol­le und sich auf die Bal­lungs­räu­me fo­kus­sie­ren wol­le“, sag­te Frank Wolf, Ver­di-Lan­des­fach­be­reichs­lei­ter Ber­linBran­den­burg, auf An­fra­ge un­se­rer Re­dak­ti­on. Nächs­te Wo­che sei ei­ne Be­triebs­rä­te­kon­fe­renz an­ge­setzt,

John Cryan bei der ein ge­nau­er Fahr­plan fest­ge­legt wer­de.

An­geb­lich will die Deut­sche Bank 2017 schon wie­der sie­ben, 2018 gar zehn Mil­li­ar­den Eu­ro ver­die­nen. „Aber gro­ße Zie­le hat sie schon öf­ter ge­habt“, heißt es in Bran­chen­krei­sen. Dar­über ist sich auch Cryan im Kla­ren: „In den ver­gan­ge­nen zwei Jahr­zehn­ten sind zahl­rei­che Stra­te­gi­en und Zie­le ver­kün­det wor­den, aber sel­ten wur­den sie kon­se­quent rea­li­siert.“Das sieht auch Klaus Nie­ding von der Ak­tio­närs­schüt­zer­ver­ei­ni­gung DSW so: „Es gab in der Ver­gan­gen­heit vie­le Stra­te­gi­en, aber kei­nen ro­ten Fa­den und kei­ne Kon­ti­nui­tät.“Die In­vest­ment­ban­ker hät­ten dem Kon­zern zwar ho­he Er­trä­ge ein­ge­bracht, sei­en aber auch für ei­nen Groß­teil der Mil­li­ar­den­las­ten ver­ant­wort­lich, die die Deut­sche Bank jetzt tra­gen müs­se. Das sieht der Ho­hen­hei­mer Bank­pro­fes­sor Hans-Pe­ter Burg­hof ähn­lich: „Die ha­ben die In­vest­ment­ban­ker viel zu lan­ge ma­chen las­sen.“

Wie schnell schafft die Deut­sche Bank die Wen­de? Burg­hof glaubt an ei­ne nach­hal­ti­ge Trend­um­kehr nur über fünf bis zehn Jah­re: „So lan­ge dau­ert es, bis die not­wen­di­ge Re­pu­ta­ti­on wie­der auf­ge­baut ist und die Kun­den sa­gen: Das ist die Bank, mit der wir welt­weit er­folg­reich sein kön­nen. Cryan muss Ver­trau­en schaf­fen, auch bei Re­gu­lie­rern und öf­fent­li­chen Stel­len.“Aber der Ma­na­ger ha­be ei­nen Bo­den ge­schaf­fen, von dem man ar­bei­ten kön­ne. Und er ist sei­nem Vor­gän­ger Ans­hu Jain ei­nen Schritt vor­aus, weil er sich der deut­schen Spra­che be­dient – je­den­falls in Tei­len. „That is un­ser Kern­ge­schäft“, hat er ges­tern ge­sagt. Und: „Mo­ti­va­ti­on und Moral is ab­so­lu­te­ly Kern­auf­ga­be des Vor­stands.“Da­für muss man wirk­lich kein Eng­lisch kön­nen.

„Mo­ti­va­ti­on und Moral is ab­so­lu­te­ly Kern­auf­ga­be des Vor­stands“

Deut­sche-Bank-Chef

FOTO: GET­TY

Pres­se- statt Te­le­fon­kon­fe­renz: Den Stel­len­ab­bau ver­kün­de­te Deut­sche-Bank­Chef John Cryan vom Po­di­um aus.

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