Wenn der Blut­zu­cker au­ßer Kon­trol­le ge­rät: Die Stoff­wech­sel­stö­rung Dia­be­tes ist längst zur Volks­krank­heit ge­wor­den. Mit viel Dis­zi­plin kön­nen Be­trof­fe­ne die Er­kran­kung in den Griff krie­gen. Sie kann den All­tag aber ziem­lich durch­ein­an­der­wir­beln.

Rheinische Post Goch - - EXTRA WELTDIABETESTAG - VON SA­BI­NE MEU­TER UND ISA­BEL­LE DE BOR­TO­LI

Es ist ei­ne Dia­gno­se, die den All­tag ei­nes Men­schen ent­schei­dend ver­än­dert. Da­bei kann Dia­be­tes mel­li­tus in vie­len Fäl­len ver­hin­dert oder zu­min­dest hin­aus­zö­gert wer­den. Mehr als sechs Mil­lio­nen Men­schen in Deutsch­land lei­den nach An­ga­ben der Deut­schen Dia­be­tes Ge­sell­schaft un­ter der Stoff­wech­sel­stö­rung, die längst zur Volks­krank­heit ge­wor­den ist. Ex­per­ten ge­hen zu­dem von ei­ner ho­hen Dun­kel­zif­fer an Er­krank­ten aus. Un­be­han­delt kann Dia­be­tes et­wa Blut­ge­fä­ße und Or­ga­ne wie die Nie­ren, das Herz oder die Au­gen schä­di­gen. Im schlimms­ten Fall führt dies et­wa zur Er­blin­dung bis hin zum Nie­ren­ver­sa­gen. Was ist Dia­be­tes mel­li­tus ge­nau? Zu­cker ist der Ener­gie­lie­fe­rant für die Kör­per­zel­len. Das in der Bauch­spei­chel­drü­se pro­du­zier­te Hor­mon In­su­lin sorgt da­für, dass die Zel­len für den Zu­cker auf­nah­me­be­reit sind und trans­por­tiert ihn ins In­ne­re. Bei Dia­be­tes sind die Zu­cker­wer­te im Blut zu hoch – da­her auch die um­gangs­sprach­li­che Be­zeich­nung „Zu­cker­krank­heit“. Der Stoff­wech­sel ist ge­stört, er­läu­tert Prof. Dirk Müller-Wie­land, Vi­ze­prä­si­dent der Deut­schen Dia­be­tes Ge­sell­schaft. Die Bauch­spei­chel­drü­se pro­du­ziert zu we­nig oder kein In­su­lin mehr. Wie un­ter­schei­den sich Typ 1 und Typ 2? Der Kör­per pro­du­ziert bei Typ 1 qua­si null In­su­lin. „Häu­fig er­kran­ken Be­trof­fe­ne schon als Kind oder Ju­gend­li­cher“, sagt Fe­lix Gund- ling, Ober­arzt am Kli­ni­kum München-Bo­gen­hau­sen. Aus­lö­ser ist ei­ne Stö­rung des kör­per­ei­ge­nen Im­mun­sys­tems.

Bei Typ 2 tra­gen Über­ge­wicht und Be­we­gungs­man­gel da­zu bei, dass das In­su­lin in den Zell­mem­bra­nen nicht voll zur Wir­kung kommt. Der Zu­cker er­reicht die Zel­len nicht, so dass die Blut­zu­cker­wer­te er­höht sind. „Der al­ler­größ­te Teil der Pa­ti­en­ten mit Dia­be­tes lei­det am Typ 2“, sagt Mül­lerWie­land. Wie macht sich Dia­be­tes be­merk­bar? An­zei­chen für Typ 1 sind oft star­ker Harn­drang und per­ma­nen­tes Durst­ge­fühl. „Be­trof­fe­ne kla­gen auch häu­fig dar­über, dass sie stän­dig mü­de und ab­ge­schla­gen sind“, er­klärt Apo­the­ker Wer­ner Heu­king. Typ 2 bleibt in vie­len Fäl­len jah­re­lang un­be­merkt. „Er­höh­te Blut­zu­cker­wer­te ma­chen kei­ne Schmer­zen“, sagt Müller-Wie­land. Wel­che The­ra­pi­en brau­chen Be­trof­fe­ne? Beim Typ 1 müs­sen sich Be­trof­fe­ne re­gel­mä­ßig selbst In­su­lin sprit­zen. „Mehr­mals täg­lich muss au­ßer­dem der Blut­zu­cker be­stimmt wer­den“, er­läu­tert Müller-Wie­land. Pa­ti­en­ten vom Typ 1 müs­sen au­ßer­dem bei der Er­näh­rung ex­akt ih­re Bro­tein­hei­ten be­rech­nen und so ih­ren In­su­lin­be­darf steu­ern. Bei Typ2-Dia­be­ti­kern wird zu­nächst über meh­re­re Mo­na­te mit Ge­wichts­re­duk­ti­on, kör­per­li­cher Be­we­gung und ei­ner grund­le­gen­den Er­näh­rungs­um­stel­lung ver­sucht, den Blut­zu­cker zu re­gu­lie­ren. Wenn das nicht ge­lingt, be­kommt der Pa­ti­ent zu­sätz­lich Me­di­ka­men­te und ge­ge­be­nen­falls auch In­su­lin ver­schrie­ben. Gibt es für Dia­be­ti­ker Schu­lun­gen? Ja. So­ge­nann­te Dia­be­ti­ker­kur­se bie­ten nie­der­ge­las­se­ne Ärz­te, aber auch Schwer­punkt­pra­xen oder Dia­be­tesAm­bu­lan­zen in Kran­ken­häu­sern an. Bei den Schu­lun­gen geht es um The­men wie aus­ge­wo­ge­ne Er­näh­rung, Blut­zu­cker­mes­sen oder den rich­ti­gen Um­gang mit In­su­lin­pens. Kann man et­was tun, da­mit man nicht an Dia­be­tes er­krankt? Wer Über­ge­wicht ver­mei­det und re­gel­mä­ßig Sport treibt, kann das Ri­si­ko min­dern, an Typ-2-Dia­be­tes zu er­kran­ken. „Beim Typ 1 kann vor­beu­gend nichts ge­tan wer- den“, er­klärt Gund­ling. Wich­tig ist, Vor­sor­ge­un­ter­su­chun­gen wahr­zu­neh­men und Blut­zu­cker­wer­te kon­trol­lie­ren zu las­sen. „Je frü­her Dia­be­tes dia­gnos­ti­ziert wird, des­to bes­ser für die Ge­sund­heit des Be­trof­fe­nen“, be­tont Müller-Wie­land. Wel­che Fol­ge­er­kran­kun­gen dro­hen? Ei­ne Un­ter­zu­cke­rung (Hy­po­gly­kämie) zu ver­hin­dern und Blut­zu­cker­wer­te mög­lichst im Norm­be­reich zu hal­ten, ist das Ziel der Dia­be­tes­the­ra­pie. Wird das lang­fris­tig nicht er­reicht, so dro­hen dia­be­ti­sche Fol­ge­er­kran­kun­gen. Auch akut er­höh­te Blut­zu­cker­wer­te (Hy­per­gly­kämi­en) zäh­len zu den aku­ten Kom­pli­ka­tio­nen. Mög­li­che Pro­ble­me bei lang­fris­ti­ger Hy­per­gly­kämie sind: Au­gen­er­kran­kun­gen durch ge­schä­dig­te Blut­ge­fä­ße oder Ödem­bil­dung, Nie­ren­er­kran­kun­gen bis hin zu töd­li­chem Nie­ren­ver­sa­gen, Dia­be- ti­sche Ner­ven­er­kran­kun­gen, die sich ne­ga­tiv auf Herz­funk­ti­on, Ver­dau­ung, Se­xu­al­le­ben und Schmerz­wahr­neh­mung aus­wir­ken kön­nen, Dia­be­ti­sches Fuß-Syn­drom, das bis hin zu Am­pu­ta­tio­nen füh­ren kann, Herz-Kreis­lauf-Er­kran­kun­gen bis zum Myo­kard­in­farkt und Schlag­an­fall.

Hy­po­gly­kämi­en als wich­tigs­te und häu­figs­te aku­te Kom­pli­ka­tio­nen kön­nen in ver­schie­de­nen Schwe­re­gra­den auf­tre­ten und zu Sym­pto­men wie Schweiß­aus­brü­chen, Übel­keit und Schwin­del füh­ren. Be­son­ders aus­ge­präg­te Hy­po­gly­kämi­en kön­nen ei­ne Be­wusst­lo­sig­keit oder so­gar den Tod zur Fol­ge ha­ben. Hen­ning Man­kells Kom­mis­sar Wal­lan­der lei­det an der Tri­as Dia­be­tes, De­pres­si­on und De­menz – ist das rea­lis­tisch? In der Tat ist das Zu­sam­men­tref­fen von Dia­be­tes und De­pres­si­on über­pro­por­tio­nal häu­fig. Ein un­ge­sun­der Le­bens­stil, er­höh­te Stress­hor­mo­ne und Ent­zün­dungs­fak­to­ren tra­gen da­zu bei, dass Dia­be­te­s­pa­ti­en­ten häu­fi­ger de­pres­siv wer­den und de­pres­si­ve Men­schen häu­fi­ger an Dia­be­tes er­kran­ken. Men­schen mit Dia­be­tes so­wie ih­re An­ge­hö­ri­gen sind psy­chisch hoch be­las­tet, wie die welt­weit durch­ge­führ­te Dawn 2-Stu­die an über 15.000 Be­frag­ten zeigt. Be­hand­ler ha­ben meist nicht das nö­ti­ge Trai­ning er­hal­ten, um psy­cho­so­zia­le Be­las­tun­gen zu er­ken­nen oder gar zu be­han­deln. Ein ein­fa­ches De­pres­si­ons-Scree­ning durch den Haus­arzt, ei­ne qua­li­fi­zier­te Ein­stel­lung und Schu­lung durch den Dia­be­to­lo­gen so­wie neue Co­ping-Schu­lun­gen sol­len hel­fen, psy­chi­sche Be­las­tun­gen bei Men­schen mit Dia­be­tes zu er­ken­nen und De­pres­sio­nen vor­zu­beu­gen.

In ei­ner Pi­lot­stu­die der Kli­nik für Psy­cho­so­ma­tik des LVR und der Dia­be­tes-Schwer­punkt­pra­xis Dr. Jo­lan­da Schot­ten­feld-Naor in Düsseldorf wer­den Pa­ti­en­ten mit Dia­be­tes und see­li­scher Be­las­tung in der Pra­xis Be­ra­tungs­ge­sprä­che an­ge­bo­ten, die ih­nen bei der Be­wäl­ti­gung ih­rer Er­kran­kung hel­fen und den Be­darf an ei­ner Psy­cho­the­ra­pie klä­ren sol­len.

Das Ri­si­ko ei­ner De­menz ist bei Men­schen mit Dia­be­tes um den Fak­tor 2-4 (vas­ku­lä­re De­menz) er­höht. Ei­ne gu­te und sta­bi­le Stoff­wech­sel­ein­stel­lung, ins­be­son­de­re das Ver­mei­den von Hy­po­gly­kämi­en, so­wie ei­ne ge­sun­de und ak­ti­ve Le­bens­wei­se – et­wa oh­ne Zi­ga­ret­ten­kon­sum – und kön­nen die­ses Ri­si­ko sen­ken.

FOTO: DPA

Der ehe­ma­li­ge Ge­wicht­he­ber und Olym­pia­sie­ger Mat­thi­as St­ei­ner ist seit sei­nem 18. Le­bens­jahr Typ 1-Dia­be­ti­ker: „Be­we­gung be­zie­hungs­wei­se Sport sind das Wich­tigs­te für ei­nen Dia­be­ti­ker, dann kann man ein re­la­tiv nor­ma­les Le­ben füh­ren. Wenn ich aus­rei­chend Sport trei­be, kann ich mich an­nä­hernd nor­mal er­näh­ren. Wich­tig sind zu­dem die re­gel­mä­ßi­ge Kon­trol­le beim Arzt und ei­ne aus­ge­wo­ge­ne Er­näh­rung“, sagt St­ei­ner im Ge­spräch mit der Deut­schen Dia­be­tes Hil­fe auf www.dia­be­tesde.org.

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