Mis­si­on Lu­ther

Rheinische Post Goch - - KULTUR - VON FRANK VOLL­MER

Das Re­for­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um 2017 steht vor der Tür, die Ver­mark­tungs­ma­schi­ne läuft heiß. Lu­ther ist über­all. Was aber das Ge­den­ken jen­seits der Fes­ti­vi­tä­ten be­deu­tet – da bleibt die Kir­che va­ge. Die Ant­wor­ten könn­ten un­an­ge­nehm sein.

WIT­TEN­BERG Fünf vor zwölf! Mor­gen in zwei Jah­ren, am 31. Ok­to­ber 2017, jährt sich zum 500. Mal die Ver­öf­fent­li­chung der 95 The­sen ge­gen den Ablass­han­del durch Mar­tin Lu­ther. End­spurt auf dem Weg zum Re­for­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um. Nur nicht in Wit­ten­berg, da sind sie schon fünf Mi­nu­ten wei­ter. Seit Mo­na­ten zeigt die Turm­uhr der Stadt­kir­che St. Ma­ri­en am Markt Punkt zwölf, die Zei­ger ste­hen wie fest­ge­na­gelt. Die Uhr wird ge­ne­ral­über­holt.

Im „Lu­ther­land“, wie sich das Kern­ge­biet der Re­for­ma­ti­on zwi­schen El­be, Harz und Thü­rin­ger Wald gern nennt, ist man schon ganz im 2017er-Mo­dus. Hier hat es so­zu­sa­gen schon zwölf ge­schla­gen. Die Schloss­kir­che, an de­ren Tür Lu­ther sei­ne The­sen ge­na­gelt ha­ben soll, ist noch Bau­stel­le, aber an­sons­ten lu­thert es hef­tig – nicht nur in Wit­ten­berg. Sa­nie­run­gen wer­den ab­ge­schlos­sen, die ers­ten Ausstellungen an his­to­ri­scher Stät­te wie dem Tor­gau­er Schloss schlie­ßen be­reits wie­der. Vor al­lem läuft die Ver­mark­tungs­ma­schi­ne heiß. Es gibt Lu­ther­bier, Lu­ther­brot, Lu­ther­wein, ei­nen Lu­ther­wan­der­weg, Lu­ther­lut­scher, Lu­ther-Kar­ten­spie­le, Lu­ther­so­cken, ein Lu­ther-Ora­to­ri­um, Lu­ther grüßt an der Au­to­bahn und als Play­mo­bil-Fi­gur.

Das ist we­ni­ger evan­ge­li­sche Hei­li­gen­ver­eh­rung als hem­mungs­lo­ses Mer­chan­di­sing. „Lu­ther­land“nä­hert sich dem Ju­bi­lä­um vor al­lem kul­tu­rell-tou­ris­tisch. Wenn in Sach­sen, Sach­sen-An­halt und Thü­rin­gen von „Kle­be­ef­fek­ten“die Re­de ist, al­so von Er­trä­gen über 2017 hin­aus, dann geht es meist um In­fra­struk­tur oder Ho­tel­ka­pa­zi­tä­ten. Geist­lich bleibt der Aus­blick va­ge, selbst sei­tens der In­sti­tu­ti­on, die ih­re Exis­tenz über­haupt erst den Er­eig­nis­sen vor 500 Jah­ren ver­dankt.

2014 lenk­te die Evan­ge­li­sche Kir­che in Deutsch­land (EKD) mit dem be­mer­kens­wer­ten Grund­la­gen­text „Recht­fer­ti­gung und Frei­heit“den Blick wie­der auf Re­for­ma­to­risch-Grund­sätz­li­ches: Sün­de, Schrift­aus­le­gung, Er­lö­sung. Im pro­fa­nen All­tag (Wit­ten­berg hat noch elf Pro­zent Pro­tes­tan­ten und vier Pro­zent Ka­tho­li­ken) dürf­ten Grund­satz­pa­pie­re auf we­nig Be­geis­te­rung tref­fen, aber auch die Über­set­zung ins Kon­kre­te vor Ort jen­seits der Fes­ti­vi­tä­ten bleibt ne­bu­lös. Mar­got Käß­mann, die „Re­for­ma­ti­ons­bot­schaf­te­rin“der EKD, scheint sich vor al­lem um gu­te Stim­mung zu be­mü­hen. Wer sie fragt, wel­cher geist­li­che Im­puls von 2017 aus­ge­hen kön­ne, der hört: Man mö­ge „Gott neu wahr­neh­men“und „wa­gen, den Glau­ben neu zu le­ben“, mit dem „Mut, nach vorn zu schau­en“. Klingt wie in ih­ren Bü­chern: nett, rich­tig und ein biss­chen ba­nal.

Na­tür­lich weiß man auch bei der EKD, dass nach 2017 kei­ne Ein­tritts­wel­le der Neu­be­kehr­ten zu er­war­ten ist. Aber auch ei­ne De­bat­te um Kon­se­quen­zen der Ent­christ­li­chung fin­det höchs­tens am Ran­de statt. Im Vor­der­grund steht et­wa bei Käß­mann ein­deu­tig der Kir­chen­tag 2017 in Berlin, der teils in Wit­ten­berg statt­fin­den wird, in­klu­si­ve zehn Ju­gend­camps und „Welt­aus­stel­lung Re­for­ma­ti­on“.

Die mit­tel­deut­sche Bi­schö­fin Il­se Jun­ker­mann, ei­ne ge­bür­ti­ge Würt­tem­ber­ge­rin, spricht im­mer­hin vom Christ­sein als Pro­vo­ka­ti­on und da­von, 2017 bie­te auch Raum für den Blick auf das „po­li­ti­sche In­ter­es­se des Kampfs ge­gen Re­li­gi­on“, sprich: die DDR. „Die in der Kul­tur der Ve­rächt­lich­ma­chung auf­ge­wach­sen sind, sol­len se­hen: Da ist doch was dran“, sagt Jun­ker­mann. Für evan­ge­li­sche Ver­hält­nis­se ist das schon fast ein Mis­si­ons­auf­ruf. Da­mit aber hat man’s bei den Pro­tes­tan­ten nicht so. Schon beim Kir­chen­tag 2011 in Dres­den war Mis­si­on (oder mo­der­ner: Neuevan­ge­li­sie­rung) kaum ein The­ma.

Die wach­sen­de Un­duld­sam­keit ge­gen­über kirch­lich or­ga­ni­sier­ter Re­li­gi­on mag ei­nen wei­te­ren Teil der geist­li­chen Zu­rück­hal­tung er­klä­ren. Öf­fent­li­che Ko­fi­nan­zie­rung kirch­li­cher Groß­er­eig­nis­se et­wa ist nicht nur im Os­ten im­mer schwie­ri­ger zu ver­mit­teln – die Stadt Müns­ter hat es ab­ge­lehnt, den Ka­tho­li­ken­tag 2018 mit 1,2 Mil­lio­nen Eu­ro zu un­ter­stüt­zen. Die Wer­bung für das Re­for­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um aber lässt sich der Staat Geld kos­ten: Die Ge­schäfts­stel­le „Lu­ther 2017“wird von Bund und

Län­dern ge­tra­gen.

Die Kir­che wird zwar als Bil­dungs­an­bie­te­rin und we­gen ih­res kul­tu­rel­len Er­bes ge­schätzt, aber nicht als Part­ne­rin des Staa­tes. Ei­ne strik­te­re Tren­nung, das zei­gen Umfragen, er­scheint vie­len ge­ra­de im Os­ten zeit­ge­mä­ßer. Im „Lu­ther­land“fällt das um­so mehr auf, als doch die Kir­che maß­geb­lich am Zu­sam­men­bruch des DDR-Re­gimes be­tei­ligt war. Aber ers­tens ist Dank­bar­keit kei­ne po­li­ti­sche Ka­te­go­rie, und zwei­tens, sagt Jo­sef Frei­tag von der Ka­tho­lisch-Theo­lo­gi­schen Fa­kul­tät der Uni Er­furt: „Vi­el­leicht war hier die Al­li­anz zwi­schen Thron und Al­tar en­ger als an­ders­wo. Wenn man dann vom ei­nen ent­täuscht ist, ist das an­de­re gleich mit be­trof­fen.“

Das deut­sche Re­li­gi­ons­ver­fas­sungs­recht mit sei­nem Part­ner­schafts­ver­hält­nis zwi­schen Kir­che und Staat könn­te des­halb so­gar hin­der­lich sein, um Lu­ther dem Volk wie­der na­he­zu­brin­gen. Und ei­ne kla­re Pro­fi­lie­rung se­hen un­ter die­sen Prä­mis­sen selbst en­ga­gier­te Chris­ten skep­tisch. Für Rei­ner Ha­seloff, ka­tho­lisch, CDU-Mit­glied, Mi­nis­ter­prä­si­dent von Sach­sen-An­halt („Ei­nen Sonn­tag oh­ne Got­tes­dienst wür­de ich nicht aus­hal­ten“), lau­tet die kla­re Kon­se­quenz: „Kirch­li­che Groß­ver­an­stal­tun­gen müss­ten aus kirch­li­chen Mit­teln dar­ge­stellt wer­den.“Sechs Mil­lio­nen Eu­ro aus dem Lan­des­haus­halt kon­ter­ka­rier­ten den Kon­so­li­die­rungs­kurs – und: „Die Kir­che pro­vo­ziert da­mit Dis­kus­sio­nen. Wenn man ein An­ge­bot staat­lich sub­ven­tio­nie­ren lässt, ist es po­li­tisch dis­kre­di­tier­bar.“500 Jah­re nach dem Strei­ter Lu­ther al­so schwam­mi­ge Kon­flik­tun­lust als Preis des an­ge­neh­men Mit­ein­an­ders? Kir­chen­tags­be­su­chern dürf­te das be­kannt vor­kom­men. In die­ser Per­spek­ti­ve be­kommt 2017 im „Lu­ther­land“ei­ne heik­le Di­men­si­on. Bis­her hat die Kir­che die De­bat­te nicht ent­schie­den an­ge­nom­men. Mar­got Käß­mann je­den­falls spricht lie­ber von Kon­kre­tem: „Ich wer­de den gan­zen Som­mer der Re­for­ma­ti­on über in Wit­ten­berg ste­hen und je­den, der kommt, mit Hand­schlag be­grü­ßen.“

FOTO: IMAGO

Hier ste­he ich, ich kann nicht an­ders: den Re­for­ma­tor gibt es auch als Play­mo­bilFi­gur.

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