„Tour-Start in Deutsch­land wä­re ein Traum“

Rheinische Post Goch - - SPORT - VON MAR­TIN BEILS

Schon das Be­mü­hen Düs­sel­dorfs um den Grand Dé­part 2017 ist für den drei­ma­li­gen Zeit­fahr-Welt­meis­ter ein per­sön­li­cher Er­folg.

DÜSSELDORF In der kom­men­den Wo­che ent­schei­det der Rat der Stadt Düsseldorf, ob sich die Lan­des­haupt­stadt für den Start der Tour de Fran­ce 2017 be­wirbt. To­ny Mar­tin, der bes­te deut­sche Rad­sport­ler der ver­gan­ge­nen zehn Jah­re, spricht über die be­son­de­re Fas­zi­na­ti­on des Grand Dé­part.

Mar­tin (30), der für das bel­gi­sche Team Ome­ga Phar­ma Quick­step fährt, ist seit 2006 Pro­fi. Da­mals war der deut­sche Rad­sport durch die Do­ping­fäl­le um die Mann­schaf­ten T-Mo­bi­le und Ge­rol­stei­ner am Tief­punkt. Der ge­bür­ti­ge Cott­bus­ser ge­hört mit dem Schwei­zer Fa­bi­an Can­cel­la­ra zu den bes­ten Zeit­fah­rern der Welt. Er war drei­mal Welt­meis­ter in die­ser Dis­zi­plin. Bei der Tour 2015 muss­te er nach ei­nem Sturz auf­ge­ben. Sie wa­ren der tra­gi­sche Held der Sai­son – Gel­bes Tri­kot bei der Tour zu­nächst ver­passt, dann doch er­obert, dann nach Sturz aus­ge­schie­den. Wel­che Bi­lanz des Jah­res zie­hen Sie? TO­NY MAR­TIN Das Gel­be Tri­kot und der Etap­pen­sieg bei der Tour de Fran­ce wa­ren mei­ne gro­ßen Zie­le. Die ha­be ich er­reicht. Das gan­ze Drum­her­um, mei­ne Prä­senz in den Me­di­en, das war un­glaub­lich. Der Ab­schluss mit dem sieb­ten Platz im Zeit­fah­ren bei der WM in den USA war al­ler­dings ein biss­chen un­be­frie­di­gend. Im Gro­ßen und Gan­zen bin ich zu­frie­den. Es hieß zu­letzt, Sie wür­den mög­li­cher­wei­se im kom­men­den Jahr auf ei­nen Start bei der Tour de Fran­ce ver­zich­ten, um sich ganz auf die Olym­pi­schen Spie­le in Rio de Janei­ro zu kon­zen­trie­ren. Wie ist der Stand? MAR­TIN Es gibt noch kei­ne de­fi­ni­ti­ve Ent­schei­dung. Aber die Tour de Fran­ce hat nach jet­zi­gem Stand Vor­rang. Ich wür­de sie un­gern weg­las­sen, weil sie ne­ben Olym­pia die schöns­te Rad­sport­ver­an­stal­tung ist. End­gül­tig wer­den wir das im Team im De­zem­ber oder Ja­nu­ar ent­schei­den, wenn wir die Stre­cken­füh­rung von Tour de Fran­ce und Giro d’Ita­lia ge­nau ana­ly­siert ha­ben. Und 2017 dann mög­li­cher­wei­se der Tour-Start in Deutsch­land. MAR­TIN Das wä­re ein Traum. Wenn die Tour über­haupt nach Deutsch­land kä­me, wä­re das gran­di­os. Der Grand Dé­part in un­se­rem Land wä­re das High­light mei­ner Kar­rie­re. Die­ses Event wür­de auch für den Image­wan­del des Rad­sports in Deutsch­land ste­hen. Als ich in den Pro­fi­rad­sport ge­kom­men bin, war er in Deutsch­land kom­plett am Bo­den. Wenn da­mals je­mand ge­sagt hät­te, dass neun Jah­re spä­ter in Er­wä­gung ge­zo­gen wird, dass der Tour-Start in Deutsch­land statt­fin­det, hät­te ich ihm das nicht ge­glaubt. Es wä­re ei­ne Aus­zeich­nung für un­se­re Ge­ne­ra­ti- on, die tol­len, in­ter­es­san­ten, sau­be­ren und er­folg­rei­chen Rad­sport bie­tet. Wür­den Sie ei­nen Start in Deutsch­land auch für sich ganz per­sön­lich als Er­folg ver­bu­chen? Schließ­lich ar­bei­ten Sie mit John De­gen­kolb und Mar­cel Kit­tel ja seit lan­gem sehr hart für ein neu­es Image des Rad­sports. MAR­TIN Ja, ganz be­stimmt. Es ist nicht ver­mes­sen, zu sa­gen, dass so ein Schritt oh­ne un­se­re An­stren­gun­gen nicht mög­lich ge­we­sen wä­re. Der Tour-Start ver­langt vom Aus­rich­ter ja ei­ni­ges an Stra­pa­zen und fi­nan­zi­el­lem Auf­wand. Nur wenn un­ser Rad­sport ei­nen ge­wis­sen Stel­len­wert in der Ge­sell­schaft hat, lässt sich so et­was ver­wirk­li­chen. Be­steht die Ge­fahr, dass wir bis 2017 ei­ne neue Schwem­me an Do­ping­fäl­len be­kom­men? MAR­TIN Das ist schwer zu sa­gen. Für mich sel­ber kann ich sa­gen, dass da kei­ne Bom­be plat­zen wird. Ich ha­be aber mitt­ler­wei­le ei­ne ge­wis­se Hoff­nung, dass mei­ne Mit­strei­ter im Pe­lo­ton ver­stan­den ha­ben, dass nur ein sau­be­rer Rad­sport ei­ne Zu­kunft hat. Ei­nen ge­wis­sen Pro­zent­satz an schwar­zen Scha­fen wird es aber im­mer ge­ben. Es wä­re uto­pisch zu er­war­ten, dass der Sport hun­dert­pro­zen­tig sau­ber ist. Das gilt für je­de Sport­art. Es ist ein ge­sell­schaft­li­ches Pro­blem, dass es im­mer ir­gend­wo Be­trü­ger ge­ben wird. Im Rad­sport ha­ben wir ei­nen we­sent­li­chen Wan­del er­reicht, der mit Si­cher­heit bis 2017 an­hal­ten wird. Sie sind ein Zeit­fahr­spe­zia­list, aber kein Fach­mann für ganz kur­ze Stre­cken. Wie lang müss­te der Pro­log min­des­tens sein, da­mit Sie Ih­re Stär­ken aus­spie­len kön­nen? MAR­TIN Zehn Ki­lo­me­ter soll­ten es schon min­des­tens sein. Was macht ei­ne gu­te Pro­logstre­cke aus? MAR­TIN Sie soll­te se­hens­wert sein und die Stadt gut re­prä­sen­tie­ren. Für mich per­sön­lich wä­re ei­ne har­mo­ni­sche Stre­cke gut: mit län­ge­ren Ge­ra­de­aus-Pas­sa­gen und Kur­ven, die man auch mit ho­hem Tem­po fah­ren kann, ei­ne Stre­cke, die nicht so viel Brems- und Be­schleu­ni­gungs­pha­sen hat.

FOTO: IMAGO

Tour-Start 2015: In Ut­recht be­legt To­ny Mar­tin bei hoch­som­mer­li­cher Hit­ze den zwei­ten Rang.

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