„Wir sind zu sehr auf Moll ge­stimmt“

Rheinische Post Goch - - EXTRA UNABHÄNGIGE -

Trotz düs­te­rer Wol­ken am Kon­junk­tur­him­mel und stark schwan­ken­der Kur­se – Ak­ti­en blei­ben für An­le­ger ei­ne in­ter­es­san­te Al­ter­na­ti­ve, sagt Dr. Hart­wig We­ber­sin­ke, Pro­fes­sor für Fi­nanz­dienst­leis­tun­gen an der Hoch­schu­le Aschaf­fen­burg.

An den Bör­sen ging es zu­letzt drun­ter und drü­ber. Sind Ak­ti­en der­zeit zu emp­feh­len? WE­BER­SIN­KE: Durch­aus – Ak­ti­en ge­hö­ren nach wie vor ins De­pot. Denn bei den Zin­sen hat sich ja nichts ge­än­dert, sie no­tie­ren wei­ter­hin auf nied­ri­gem Ni­veau. Da wer­den Ak­ti­en als Al­ter­na­ti­ven ge­braucht. Dass sie im Kurs auch stark schwan­ken kön­nen, ha­ben vie­le An­le­ger und Bör­sia­ner in der Eu­pho­rie zu Be­ginn des Jah­res aus­ge­blen­det. Um­so mehr kommt es auf ei­ne gu­te Mi­schung an, um all­zu gro­ße Aus­schlä­ge aus­zu­glei­chen. Das Kurs­ni­veau ist in der Tat recht stark ge­sun­ken. Das spricht doch ei­gent­lich da­für, jetzt ein­zu­stei­gen. WE­BER­SIN­KE: Das hängt von der Aus­gangs­si­tua­ti­on des An­le­gers ab. Wer bis­lang noch kaum Ak­ti­en hat, dem bie­ten die Rück­set­zer der­zeit vie­le gu­te Kauf­ge­le­gen­hei­ten. Dies soll­te man ak­tiv nut­zen. An­le­ger, die be­reits gut in­ves­tiert sind, war­ten bes­ser ab. Sie soll­ten aber auch nicht in Pa­nik ver­fal­len und aus Angst um wei­ter fal­len­de Kur­se ver­kau­fen. Die Schwan­kun­gen an den Bör­sen wer­den noch ei­ne Wei­le wei­ter­ge­hen – zahl­rei­che Kri­sen sind noch un­ge­löst. Wel­che Un­si­cher­hei­ten prä­gen ge­ra­de die Märk­te? WE­BER­SIN­KE: Die Ent­wick­lung Chi­nas hat uns sehr be­schäf­tigt. Sie ist durch das Flücht­lings­the­ma in der öf­fent­li­chen Wahr­neh­mung et­was in den Hin­ter­grund ge­rückt. Für die Bör­sen spielt Chi­na und da­mit auch die Si­tua­ti­on in al­len wich­ti­gen Schwel­len­län­dern hin­ge­gen nach wie vor ei­ne ent­schei­den­de Rol­le. Denn die­se Län­der sind als Wachs­tums­mo­to­ren zur­zeit aus­ge­fal­len. Ne­ben Chi­na schwä­chelt auch In­di­en, das sehr mit sich selbst be­schäf­tigt ist. Bra­si­li­en und Russ­land ste­cken so­gar in ei­ner Re­zes­si­on. Gilt das auch für die Welt­kon­junk­tur? WE­BER­SIN­KE: Die Prei­se der Roh­stof­fe be­fin­den sich be­reits seit ge­rau­mer Zeit auf Sink­flug, was ei­ne Ab­schwä­chung der kon­junk­tu­rel­len Ent­wick­lung si­gna­li­siert. Die Haupt­ur­sa­che da­für liegt wie­der­um in Chi­na. Spricht das nicht da­für, eher mit Vor­sicht an die Bör­sen zu ge­hen? WE­BER­SIN­KE: Ge­nau die­se Ab­schwä­chung hat be­reits die zu­rück­lie­gen­den star­ken Kurs­rück­gän­ge be­wirkt. Der Markt hat al­so schon sehr viel da­von ver­ar­bei­tet. Wir sind si­cher­lich noch nicht durch, der Wen­de­punkt zeigt sich noch nicht. Aber wir soll­ten un­se­ren Pes­si­mis­mus nicht über­trei­ben. Märk­te at­men, und wir wer­den dann auch die po­si­ti­ven Ef­fek­te se­hen. Wel­che zum Bei­spiel? WE­BER­SIN­KE: Der nied­ri­ge Öl­preis wirkt als wun­der­ba­res Kon­junk­tur­pro­gramm. Der­zeit ach­ten wir nicht wirk­lich dar­auf, weil wir auf Moll ge­stimmt sind. Aber wert­ori­en­tie­re An­le­ger wer­den jetzt schon auf­merk­sam: Wenn die Stim­mung schlecht ist, stei­gen die Chan­cen. Könn­ten wir al­so ei­ne Jah­res­en­dral­ly se­hen? WE­BER­SIN­KE: Da­für ist es noch zu früh. Wir ste­hen noch zu stark un­ter den Schocks, die Chi­na und auch Volks­wa­gen aus­ge­löst ha­ben. Man darf auch nicht zu schnell kau­fen, sonst greift man ge­mäß der al­ten Bör­sen­re­gel in ein fal­len­des Mes­ser. Wir müs­sen erst noch das Aus­maß der Kri­sen er­fas­sen. Und vi­el­leicht ist die Stim­mung noch nicht schlecht ge­nug. Noch hat nicht je­der Ex­per­te oder Markt­be­ob­ach­ter die La­ge dra­ma­tisch ge­nug ge­schil­dert. In der Re­gel kommt der Um­schwung dann, wenn al­le Schwarz se­hen. Stich­wort Volks­wa­gen: Vie­le An­le­ger über­le­gen ja, ob sie da jetzt ein­stei­gen soll­ten. WE­BER­SIN­KE: Un­ter­neh­men, die vor gro­ßen ju­ris­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen ste­hen, soll­te man ge­ne­rell nicht im De­pot ha­ben. Die Ver­fah­ren wer­den lan­ge dau­ern und ein Ver­mö­gen kos­ten. Der­zeit stei­gen nur Hed­ge­fonds, Leer­ver­käu­fer und an­de­re An­le­ger ein, die auf kurz­fris­ti­ge Kurs­ge­win­ne spe­ku­lie­ren. Ak­ti­en­in­vest­ments soll­te man breit streu­en. Gibt es aber even­tu­ell Schwer­punk­te, auf die man ach­ten könn­te, Bran­chen, Län­der oder An­la­ge­the­men? WE­BER­SIN­KE: Eu­ro­pa er­lebt ge­ra­de ei­ne wirt­schaft­li­che Er­ho­lung, Chi­na ei­ne Ab­schwä­chung. Die Ak­ti­en Nord­ame­ri- kas sind in­des hoch be­wer­tet. Mehr noch als Re­gio­nen schau­en sich In­ves­to­ren der­zeit Bran­chen an. Ak­tu­ell sind die Seg­men­te ge­fragt, die we­ni­ger kon­junk­tur­ab­hän­gig sind. Die Zy­kli­ker no­tie­ren hin­ge­gen sehr tief. Doch ge­ra­de des­we­gen soll­te man sie jetzt be­ob­ach­ten. Au­ßer Ak­ti­en – was ist noch wich­tig? WE­BER­SIN­KE: In ein gut auf­ge­stell­tes De­pot ge­hö­ren vie­le An­la­ge­klas­sen, auch zum Bei­spiel An­lei­hen oder Im­mo­bi­li­en. Die rich­ti­ge Mi­schung macht den Er­folg. Al­le re­den der­zeit ja von Im­mo­bi­li­en. Wie schät­zen Sie hier die La­ge ein? WE­BER­SIN­KE: Im­mo­bi­li­en sind ge­ra­de bei Deut­schen oft über­ge­wich­tet, und das ak­tu­el­le Preis­ni­veau ist schon sehr hoch. Aber hier gilt – ge­nau­so wie bei Ak­ti­en und an­de­ren In­vest­ments: An­le­ger, die den Markt be­ob­ach­ten, die sich nicht von Gier oder Pa­nik lei­ten las­sen, kön­nen Chan­cen rea­lis­tisch ein­schät­zen und die pas­sen­den Kauf­ge­le­gen­hei­ten nut­zen. Das Ge­spräch führ­te Jür­gen Gro­sche.

FOTO: THO­MAS ROHNKE

Bul­le oder Bär – wer setzt sich durch? Die Pes­si­mis­ten, die Kon­junk­tur­pro­ble­me se­hen, oder die Op­ti­mis­ten, die dar­auf ver­wei­sen, dass die Märk­te be­reits vie­les ver­ar­bei­tet ha­ben? Zu ih­nen zählt der Fi­nanz­wis­sen­schaft­ler Hart­wig We­ber­sin­ke.

FOTO: ALOIS MÜLLER

Dr. Hart­wig We­ber­sin­ke, Pro­fes­sor für Fi­nanz­dienst­leis­tun­gen an der Hoch­schu­le Aschaf­fen­burg

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