Fa­mi­li­en brau­chen das Er­in­nern

Rheinische Post Goch - - STIMME DES WESTENS - VON DOROTHEE KRINGS

Al­ler­hei­li­gen ge­den­ken Chris­ten welt­weit der Gläu­bi­gen, die vor­bild­lich ge­lebt ha­ben. Für Fa­mi­li­en ist das An­lass, auf den Fried­hof zu ge­hen und von je­nen zu er­zäh­len, die nicht mehr da sind. Ei­ne schüt­zens­wer­te Tra­di­ti­on.

DÜSSELDORF Mor­gen kommt wie­der Be­we­gung in Fa­mi­li­en: Ver­wand­te spa­zie­ren ge­mein­sam auf den Fried­hof, sie sam­meln sich an den Grä­bern der Men­schen, die ein­mal zum Fa­mi­li­en­kreis ge­hör­ten, die lie­bens­wer­te und man­che schrul­li­ge Ei­gen­schaft be­sa­ßen, un­ver­wech­sel­bar wa­ren – und nun feh­len. Und ver­misst wer­den.

Ker­zen wer­den ent­zün­det, Sträu­ße in Bo­den­va­sen zu­recht­ge­zupft, die neu­en Herbst­män­tel und Le­der­stie­fel be­wun­dert. Doch dann wird es plötz­lich ernst. Al­le schwei­gen, gön­nen ein­an­der ei­nen Mo­ment der Stil­le, der Ein­kehr und des Er­in­nerns. Aus dem Ge­dächt­nis tau­chen dann Bil­der der Ver­stor­be­nen auf, Sze­nen wer­den le­ben­dig, Ge­schich­ten wer­den wach. Und spä­ter, am Kaf­fee­tisch, wenn die Sah­ne ge­schla­gen, ein Co­gnac ge­trun­ken ist, kann das Er­zäh­len be­gin­nen: Vom Ur­groß­va­ter, der sonn­tags im­mer Wes­te trug und ei­ne gol­de­ne Uhr in der Ta­sche. Oder von der Tan­te, die nie ei­ge­ne Kin­der hat­te, aber im­mer Zu­cker­stü­cke in der Ta­sche – fürs Pfer­de­füt­tern beim Spa­zie­ren­ge­hen mit den Nich­ten. Oder von da­mals, kurz nach dem Krieg, als die Oma bei den Bau­ern Selbst­ge­näh­tes ge­gen Speck und „gu­te But­ter“tausch­te.

Al­ler­hei­li­gen ist ein Fest des Er­in­nerns und des Er­zäh­lens – und dar­um kost­bar für Fa­mi­li­en. Die Kir­che lädt an die­sem Hoch­fest im No­vem­ber ein, der Hei­li­gen der ver­gan­ge­nen Jahr­tau­sen­de zu ge­den­ken. Auch von ih­nen wird er­zählt in der Bi­bel und in Le­gen­den. Ih­re Ge­schich­ten ma­chen le­ben­dig, was ent­schlos­se­ne Nach­fol­ge Je­su be­deu­tet. Und dass das ethi­sche Ge­rüst, auf dem wir heu­te le­ben, mit Leid er­kämpft wor­den ist. Al­le Re­li­gio­nen ken­nen Le­bens­ge­schich­ten vor­bild­li­cher Gläu­bi­ger. Sie bie­ten Ori­en­tie­rung. Sie sind auch ein kul­tu­rel­ler Schatz, der sich öff­nen lässt, et­wa, wenn El­tern ei­nen Hei­li­gen zum Na­mens­pa­tron ih­res Kin­des ma­chen – und ihm da­mit auch die Le­bens­ge- schich­te ei­nes un­ge­wöhn­li­chen Men­schen mit auf den Weg ge­ben. Al­ler­hei­li­gen fei­ert die­se Be­kennt­nis­se und Er­zäh­lun­gen über die To­ten. Dar­aus hat sich der Brauch des Fried­hofs­gangs er­ge­ben, der für man­che Fa­mi­li­en im­mer noch so wich­tig ist wie das Tref­fen an Weih­nach­ten oder Os­tern. Vi­el­leicht so­gar wich­ti­ger, denn an Al­ler­hei­li­gen droht kein Kon­sum­ter­ror, kei­ne Ge­schen­ke­schlacht. Es geht viel un­be­schwer­ter und aus­schließ­li­cher um die Be­geg­nung, das Wie­der­se­hen im Fa­mi­li­en­kreis, ums Ges­tern und ums Heu­te.

Na­tür­lich kön­nen Fa­mi­li­en­tref­fen auch schon im No­vem­ber an­stren­gend sein. Wenn Ver­wand­te zu­sam­men­sit­zen, tref­fen auch Er­war­tun­gen, Le­bens­ein­stel­lun­gen und Tem­pe­ra­men­te auf­ein­an­der, wird ver­gli­chen, ge­wer­tet, manch­mal auch ge­strit­ten. Al­ler­hei­li­gen aber hat ei­ne ge­las­se­ne At­mo­sphä­re. Die­ser Fei­er­tag muss sich nicht be­wei­sen, muss mit kei­ner Ins­ze­nie­rung et­wa aus dem Film mit­hal­ten, muss nicht der hei­me­ligs­te Tag des Jah­res wer­den. Al­ler­hei­li­gen ist be­schei­de­ner und ge­dämpf­ter. Das Fest ge­hört ja ei­gent­lich de­nen, die nicht mehr da­bei sind, die dar­auf an­ge­wie­sen sind, dass sie nicht ver­ges­sen wer­den, dass sie zu­rück­keh­ren kön­nen in ih­re Fa­mi­li­en – durch die Ge­schich­ten, die man von ih­nen noch zu er­zäh­len weiß.

Dar­um ist auch das Er­zäh­len­kön­nen so kost­bar. Nur we­ni­ge be­herr­schen die klei­ne Form der An­ek­do­te wirk­lich, doch im Kreis wohl­mei­nen­der Ver­wand­ter kann sie ge­pflegt wer­den. Al­ler­hei­li­gen, das ist auch ein Fest des Un­mit­tel­ba­ren, des Ana­lo­gen. Die „Wisst ihr noch...?“-Ge­schich­ten sind der Schatz der Fa­mi­lie. In ih­nen scheint auf, wel­che Cha­rak­ter­zü­ge und Be­ge­ben­hei­ten be­deut­sam sind, was be­wun­dert wird, was be­krit­telt, wor­über ge­lacht. Kin­der wach­sen da hin­ein. Sie hö­ren vom On­kel, der der Lie­be we­gen nach Ame­ri­ka ging und sein Glück mach­te. Oder vom schwar­zen Schaf, das schon als Kind nur Flau­sen im Kopf hat­te, spä-

Max Frisch ter Schul­den mach­te und win­di­ge Ge­schäf­te. Das Tem­pe­ra­ment von Fa­mi­li­en wird da er­kenn­bar, Moral­vor­stel­lun­gen wer­den wei­ter­ge­ge­ben, To­le­ranz­rah­men ab­ge­steckt.

Na­tür­lich kön­nen die auch eng sein. Zu eng. Dann wer­den in den Fa­mi­li­en­er­zäh­lun­gen Eng­stir­nig­keit und Vor­be­hal­te wei­ter­ge­ge­ben. Es kann schwer wer­den, sich da­ge­gen auf­zu­leh­nen, sein An­ders­sein zu be­haup­ten. Doch selbst, wenn es Krach ge­ben muss zwi­schen den Ge­ne­ra­tio­nen, ist es doch wert­voll zu wis­sen, wo­her man stammt, in wel­chen Kos­mos man ge­bo­ren wur­de – wor­an man sich reibt. Die Le­bens­we­ge der To­ten nicht ins Ver­ges­sen glei­ten zu las­sen, för­dert aber die To­le­ranz in Fa­mi­li­en. Denn in je­dem Le­ben gibt es Brü­che, Fehl­ver­su­che, Re­bel­li­on. Und die Al­ten, die das wis­sen, sind meist die Mil­des­ten, be­reit für den Wan­del, den al­le Ge­sell­schaf­ten, al­le Fa­mi­li­en durch­le­ben.

„Je­der Mensch er­fin­det sich frü­her oder spä­ter ei­ne Ge­schich­te, die er für sein Le­ben hält“, hat der Schrift­stel­ler Max Frisch ge­schrie­ben. Das Er­in­nern ist kein ob­jek­ti­ver Pro­zess, das zeigt auch die Ge­dächt­nis­for­schung. Der Mensch schöpft se­lek­tiv In­for­ma­tio­nen aus sei­nem Ge­dächt­nis, die zu sei­nen Emp­fin­dun­gen pas­sen. Er drückt dem Er­in­ner­ten ak­tu­el­le Stim­mun­gen auf, ver­mei­det ko­gni­ti­ve Dis­so­nan­zen, al­so Wi­der­sprü­che zu dem, was er sonst denkt und fühlt. So formt je­der die Ge­schich­te sei­nes Le­bens, er­zählt sich selbst, wer er ist.

Bei Fa­mi­li­en­tref­fen pas­siert das auch im Kol­lek­tiv. Und ob­wohl die­ses Zu­sam­men­sit­zen um den Kaf­fee­tisch in ei­ner Zeit virtueller Netz­wer­ke und in­ter­net­ba­sier­ter Freund­schafts­grup­pen be­hä­big, alt­mo­disch, über­flüs­sig er­schei­nen mag, ist es doch ei­ne schüt­zens­wer­te Sit­te. Hei­mat ist, wo man die To­ten kennt, heißt es. Wir le­ben in Zei­ten, da im­mer mehr Men­schen die­se Ver­traut­heit ver­las­sen müs­sen. Was ih­nen bleibt, ist, in ih­ren Fa­mi­li­en­ge­schich­ten da­heim zu sein und wei­ter von ih­ren To­ten zu er­zäh­len – auch in der neu­en Hei­mat. Al­ler­hei­li­gen soll­te auch ein Fest des Zu­hö­rens sein.

„Je­der Mensch er­fin­det sich frü­her oder spä­ter ei­ne Ge­schich­te, die er

für sein Le­ben hält“

Schrift­stel­ler

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