Mer­kel braucht Schäu­b­le

Rheinische Post Goch - - POLITIK - VON BIR­GIT MARSCHALL

Oh­ne den Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter brä­che die Po­li­tik der Kanz­le­rin zu­sam­men. Schäu­b­le ist mehr denn je Schlüs­sel­fi­gur in der Uni­on.

BERLIN Er klingt ganz wie der Bun­des­prä­si­dent an die­sem Mitt­woch. „Wir müs­sen den Flücht­lin­gen hel­fen, die aus kriegs­ver­heer­ten Hei­mat­län­dern bei uns Hil­fe su­chen, sonst ist Eu­ro­pa nicht Eu­ro­pa“, sagt Wolf­gang Schäu­b­le beim Lo­gis­ti­kKon­gress in Berlin. Dann folgt der Gauck’sche Aber-Satz: „Aber na­tür­lich ist auch wahr, dass die­se Hil­fe, wie al­les im Le­ben, na­tür­lich nicht un­be­grenzt mög­lich ist.“

Das ist, was der Fi­nanz­mi­nis­ter der Kanz­le­rin in­tern vor­hält: Dass sie ih­re Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mög­lich­keit nicht nutzt, um den Flücht­lings­zu­zug we­nigs­tens auf die­se Wei­se ein­zu­däm­men. An­ge­la Mer­kel sagt den Aber-Satz je­doch nicht gern, und wenn, dann kaum ver­nehm­lich. Aus die­ser Dif­fe­renz zwi­schen Schäu­b­le und Mer­kel liest man­cher schon her­aus, ihr wich­tigs­ter Mi­nis­ter laue­re nur dar­auf, Mer­kel als Not-Kanz­ler für den Rest der Le­gis­la­tur­pe­ri­ode ab­zu­lö­sen. Doch da­von ist Schäu­b­le weit ent­fernt. Er ist nicht ihr Geg­ner, son­dern, im Ge­gen­teil, wie­der ih­re größ­te Stüt­ze, auch in die­ser Kri­se.

Schäu­b­le und Mer­kel – sie ver­bin­det seit nun­mehr über 20 Jah­ren ei­ne po­li­ti­sche Schick­sals­ge­mein­schaft. Sie hat an sei­ner Stel­le im Jahr 2000 den CDU-Thron be­setzt, ihm blieb auch das Amt des Bun­des­prä­si­den­ten ver­wehrt. Ihn wurmt es bis heu­te, dass er nie ganz nach oben ge­kom­men ist, aber sei­ne ana­ly­ti­schen Fä­hig­kei­ten und sei­ne ei­ser­ne Dis­zi­plin ver­hin­dern, dass er sich in ent­schei­den­den Mo­men­ten von sol­chen Ge­füh­len lei­ten lässt. Er schätzt sie, weil sie ihm da äh­nelt.

Im Grund­satz teilt er Mer­kels hu­ma­nen Kurs in der Flücht­lings­po­li­tik. Er steht ihr an die­ser Stel­le viel nä­her als in der Grie­chen­land-Kri­se, als er im Ge­gen­satz zu ihr den Eu­ro­Aus­tritt der Hel­le­nen woll­te. Schäu­b­le meint ge­nau­so wie Mer­kel, dass sich die­se Kri­se nur im eu­ro­päi­schen und im wei­te­ren au­ßen­po­li­ti­schen Kon­text lö­sen lässt.

Ei­nen Zaun um Deutsch­land zu bau­en, die Bun­des­re­pu­blik ab­zu­rie­geln, wie ei­ni­ge Uni­ons­kol­le­gen es for­dern – das wä­re Schäu­b­le ein Gräu­el. Denn das wür­de das En­de des Schen­genRaums be­deu­ten, vi­el­leicht so­gar der ge­sam­ten eu­ro­päi­schen Idee. Schäu­b­le, der gro­ße Eu­ro­pä­er, will stets eher mehr, nicht we­ni­ger Eu­ro­pa. Da ist er oft schon ei­nen Schritt wei­ter als Mer­kel. Die EU müs­se nun sehr rasch in­sti­tu­tio­nell auf­rüs­ten, um ih­re Gren­zen zu schüt­zen, am bes­ten mit ei­ner ge­mein­sa­men Po­li­zei und Ar­mee, meint Schäu­b­le. Und die EU brau­che ein ge­mein­sa­mes Asyl­recht mit über­all glei­chen Stan­dards. Da­für müss­te Deutsch­land sei­ne Leis­tun­gen für Asyl­be­wer­ber kap­pen.

Ein Kanz­ler Schäu­b­le wür­de im Kern nichts an­de­res ver­su­chen als Mer­kel. Al­so bleibt er doch lie­ber der ewi­ge Zwei­te hin­ter ihr. Er lebt gut da­mit: Nicht er steht im Feu­er, son­dern sie – wäh­rend ihm mit je­dem Tag mehr Macht und Ein­fluss zu­wach­sen, an dem ih­re Um­fra­ge­wer­te wei­ter sin­ken und die Zahl ih­rer Un­ter­stüt­zer in den Uni­ons­rei­hen klei­ner wird.

Schäu­b­le muss sich nichts mehr be­wei­sen. Ge­ra­de steht er im Ze­nit sei­ner Macht – nach über 40 Jah­ren im Bun­des­tag. Was den 73-Jäh­ri­gen im­mer schon mehr um­ge­trie­ben hat als sein ei­ge­nes, ist das Schick­sal des Lan­des und das sei­ner Par­tei. Ihn sorgt das schwin­den­de Ver­trau­en in der Uni­on in ih­re Füh­rung, ihn sorgt die häss­li­che Frat­ze des Frem­den­has­ses bei vie­len Bür­gern. Er hat schon ei­nen his­to­ri­schen Um­bruch er­lebt, die deut­sche Ein­heit. Die hat er auch per­sön­lich or­ga­ni­sie­ren dür­fen. Nun steht Deutsch­land wie­der vor ei­ner his­to­ri­schen Auf­ga­be, und wie­der ist sein Ein­fluss ge­fragt.

Ihm liegt dar­an, hin­ter Mer­kel die Uni­on zu­sam­men­zu­hal­ten, und so sind auch sei­ne von ihr ab­wei­chen­den Ein­las­sun­gen zu ver­ste­hen. Da­mit be­ru­higt er die ver­un­si­cher­ten Geis­ter in der Uni­on, die ver­sucht sind, den Auf­stän­di­schen in der CSU oder um Chris­ti­an von Stet­ten, den Chef des Par­la­ments­krei­ses Mit­tel­stand, zu fol­gen. Nächs­te Wo­che wird es in der Uni­ons­frak­ti­on wie­der zur Na­gel­pro­be kom­men.

Beim Drei­er-Gip­fel mit Horst See­ho­fer (CSU) und Sig­mar Ga­b­ri­el (SPD) mor­gen muss Mer­kel die Ko­ali­ti­on sta­bi­li­sie­ren. Das kann ihr wie­der nur mit Hil­fe Schäu­bles ge­lin­gen. Da sich der Flücht­lings­strom kurz­fris­tig kaum wird ver­rin­gern las­sen, kann nur Geld den Haus­frie­den vor­läu­fig wie­der­her­stel­len.

Schäu­b­le ist of­fen, Mer­kel die nö­ti­gen Mit­tel zu ge­ben. Not­falls ver­ab­schie­det er sich von der schwar­zen Null. Die Be­wäl­ti­gung der Flücht­lings­kri­se sei die größ­te Auf­ga­be. „An­de­re Din­ge müs­sen sich dem ein Stück weit un­ter­ord­nen“, sagt Schäu­b­le vor den Lo­gis­ti­kern. Jetzt hört er sich an wie Mer­kel.

Was ihn im­mer schon mehr um­ge­trie­ben hat als sein ei­ge­nes, ist das Schick­sal des Lan­des

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