Die Tür­ken und wir

Rheinische Post Goch - - POLITIK - VON GRE­GOR MAYNTZ

Die tür­ki­sche Par­la­ments­wahl ist ver­knüpft mit Er­war­tun­gen an und Be­fürch­tun­gen für das Ver­hält­nis zwi­schen Eu­ro­pa und An­ka­ra. Zu­gleich lässt sich ei­ne rät­sel­haf­te emo­tio­na­le Be­las­tung er­ken­nen, die seit Jahr­hun­der­ten bis heu­te auf die Men­schen wirkt.

BERLIN Mit gro­ßen Er­war­tun­gen bli­cken Mil­lio­nen Men­schen und die deut­sche Po­li­tik auf die tür­ki­sche Par­la­ments­wahl am mor­gi­gen Sonn­tag. Wird Staats­chef Re­cep Tay­yip Er­do­gan da­nach die Gren­zen wie­der si­chern und den Flücht­lings­zu­strom nach Deutsch­land ein­däm­men? Wer­den die Wah­len nach den mas­si­ven Ein­schüch­te­run­gen und Ver­fol­gun­gen von Re­gie­rungs­geg­nern über­haupt frei zu nen­nen sein? Drif­tet die Tür­kei in die ara­bi­sche Welt ab? Weg von Eu­ro­pa? Oder kommt es zu neu­en In­sta­bi­li­tä­ten bei uns?

Ein la­ten­tes Un­be­ha­gen, ja re­gel­rech­te Furcht gibt es bei Be­we­gun­gen aus der Tür­kei Rich­tung Eu­ro­pa. Auch mehr als fünf Jahr­zehn­te nach der Be­sie­ge­lung des tür­ki­sch­eu­ro­päi­schen As­so­zi­ie­rungs­ab­kom­mens mit der kla­ren Per­spek­ti­ve im­mer en­ger wer­den­der Ko­ope­ra­ti­on wird An­ka­ra im­mer noch hin­ge­hal­ten, sper­ren sich CDU und CSU nach Kräf­ten ge­gen je­de EUMit­glied­schaft der Tür­kei. Geg­ner ei­ner Ein­bin­dung An­ka­ras in die EU-Ver­ant­wor­tung fällt es leicht, Stim­mung zu ma­chen, bei vie­len Deut­schen ein Kopf­ki­no an­zu­knip­sen, in dem ih­re Iden­ti­tät in ana­to­lisch an­mu­ten­den Stra­ßen­sze­nen ver­lo­ren geht. Da kann es ein Angs­tAp­pell zum Best­sel­ler brin­gen, wie es Thi­lo Sar­ra­zin mit „Deutsch­land schafft sich ab“mü­he­los ge­lang.

Kann es wirk­lich sein, dass da­hin­ter im­mer noch die Tür­ken­krie­ge des 16. und 17. Jahr­hun­derts ste­hen? Wird das da­ma­li­ge eu­ro­päi­sche Auf­at­men in den Ge­nen ver­erbt, „die Tür­ken“1683 vor Wi­en ge­stoppt zu ha­ben? Mit 160.000 Krie­gern war Groß­we­sir Ka­ra Musta­fa bis Wi­en mar­schiert, wur­de vor dem greif­ba­ren Durch­bruch je­doch von ei­ner eu­ro­päi­schen Al­li­anz ver­trie­ben. Pro­vo­kant ge­fragt: Ent­stand hier das Pegida-Ge­fühl, die Is­la­mi­sie­rung des Abend­lan­des ver­hin­dert zu ha­ben? Die­se Spra­che bü­gelt die Pha­sen re­li­giö­ser To­le­ranz un­ter mus­li­mi­schem Ein­fluss platt, die zur Wahr­heit da­zu­ge­hö­ren.

Ja, die Spra­che, sie ist im­mer noch ver­rä­te­risch. Sechs harm­lo­se Buch­sta­ben, ein C, ein A, zwei F und zwei E, bil­den den Auf­takt für deut­schtür­ki­sche Emo­tio­na­li­sie­rung. Noch vor we­ni­gen Jah­ren deut­schen Kin­dern vor­ge­sun­gen und im In­ter­net nach zwei Klicks je­der­zeit ab­spiel­bar: „C, A, F, F, E, E, trink nicht so viel Caf­fee“, heißt es völ­lig un­ver­däch­tig. Doch dann be­kom­men die Klei­nen ei­ne War­nung mit vor dem „Tür­ken­trank“und dass sie bit­te kein „Mu­sel­mann“sein mö­gen, der von dem Ge­tränk „nicht las­sen“kön­ne.

Es ist kein Aus­rut­scher im un­be­dach­ten Sprach­ge­brauch. Klas­si­ker in Oper und Li­te­ra­tur pfle­gen Aver­sio­nen ge­gen „die Tür­ken“. Und was tut der, der täuscht? Der „türkt“. Mit der An­gli­zis­men-Wel­le tritt dies in­zwi­schen in den Hin­ter­grund, wird we­ni­ger oft „ein Tür­ke ge­baut“, häu­fi­ger ein „Fa­ke“ge­schaf­fen.

In den emo­tio­na­len Be­zie­hun­gen zu „den“Tür­ken sind „die“Deut­schen zwie­ge­spal­ten. Die ei­nen emp­fan­den es als über­fäl­lig, dass ein Bun­des­prä­si­dent die schlich­te Wahr­heit aus­sprach, wo­nach der Is­lam zu Deutsch­land ge­hö­re. Doch vie­le weh­ren sich bis heu­te ge­gen die­se Fest­stel­lung. Weil sie im Grun­de die Mo­sche­en und Mi­na­ret­te für Fremd­kör­per hal­ten, die schon wie­der ver­schwin­den, wenn die „Gas­t­ar­bei­ter“wie­der ge­hen?

Die deut­sche Ais­he hat die deut­sche Ei­che

sinn­voll er­gänzt

Sie ge­hen nicht. Von den drei Mil­lio­nen mit tür­ki­schen Wur­zeln hat ei­ne Mil­li­on den deut­schen Pass, emp­fin­det ei­ne wei­te­re Mil­li­on Deutsch­land und die Tür­kei glei­cher­ma­ßen als Hei­mat, las­sen sich jähr­lich 33.000 ein­bür­gern. Des­halb ist der Ku’Damm vol­ler tür­ki­scher Fah­nen, wenn die Tür­kei bei der EM ge­winnt, schwin­gen die­sel­ben Tür­ken deut­sche Fah­nen, wenn Deutsch­land bei der WM ge­winnt. Im­mer mehr Mi­gran­ten der zwei­ten und drit­ten Ge­ne­ra­ti­on mi­schen er- folg­reich mit in Sport, Wirt­schaft, Ge­sell­schaft, Po­li­tik: Die deut­sche Ais­he hat die deut­sche Ei­che sinn­voll er­gänzt. Nicht nur der Is­lam ge­hört zu Deutsch­land, viel­mehr brin­gen Mil­lio­nen tür­kisch-deut­sche Le­bens­we­ge das Land vor­an.

Und war­um tref­fen die­se Ein­sich­ten im­mer wie­der auch an Gren­zen? Weil Er­do­gan die Rea­li­tät der mo­der­nen Tür­kei in Rich­tung Kli­schee zu ver­än­dern ver­sucht. Et­wa wenn er mit sei­nem Tau­send-Zim­mer-Pa­last nicht nur ar­chi­tek­to­nisch an os­ma­ni­sche He­ge­mo­nie­sucht an­knüpft. Oder beim Wahl­kampf in Deutsch­land tür­ki­sche Iden­ti­tät vor deutsch-tür­ki­sche In­te­gra­ti­on stellt.

Auf der an­de­ren Sei­te hat Goe­the un­recht: Es kann uns nicht egal sein, ob „hin­ten, weit, in der Tür­kei, die Völ­ker auf­ein­an­der­schla­gen”. Re­gio­na­le und in­ner­tür­ki­sche Kon­flik­te ha­ben di­rek­te Aus­wir­kun­gen auf Deutsch­land, auf sei­ne äu­ße­ren Ver­pflich­tun­gen wie auf sei­ne in­ne­re Sta­bi­li­tät. Und Mil­lio­nen Men­schen kön­nen mit der Fra­ge, was Deut­sche und Tür­ken trennt und ver­bin­det, nichts mehr an­fan­gen. Weil sie ir­gend­wie oder auch ganz be­wusst bei­des sind.

FOTO: DPA

Be­ein­flusst die Er­in­ne­rung an die Tür­ken­krie­ge die Ver­hand­lun­gen um den EU-Bei­tritt des Lan­des? Hier die Schlacht am Kah­len­berg 1683, ge­malt von ei­nem un­be­kann­ten Künst­ler: Po­lens Kö­nig Jo­hann III. So­bie­ski (vorn links) kommt Wi­en zur Hil­fe.

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