In die­sen Pro­duk­ten ist Tier ver­steckt

Rheinische Post Goch - - PANORAMA - VON CAROLIN SKIBA

Mor­gen ist Welt­ve­gan­tag: Doch wer tie­ri­sche Be­stand­tei­le gänz­lich ver­mei­den will, hat es schwer. Denn die sind auch in Wa­ren ent­hal­ten, die nicht da­nach aus­se­hen. So kom­men Frucht­säf­te oder Chips oft nicht oh­ne „tie­ri­sche Hil­fe“aus.

DÜSSELDORF Im­mer mehr Men­schen ent­schei­den sich da­zu, nicht nur auf Fleisch und Fisch, son­dern auf al­le tie­ri­schen Pro­duk­te zu ver­zich­ten. Laut Ve­ge­ta­rier­bund gibt es rund 900.000 Ve­ga­ner in Deutsch­land (Stand Ja­nu­ar), an­de­re Umfragen kom­men zu noch hö­he­ren Zah­len. „Die ve­ga­ne Er­näh­rungs­wei­se ist nicht län­ger nur ein Trend, sie ist in der Mit­te der Ge­sell­schaft an­ge­kom­men“, sagt Tho­mas Schrö­der, Prä­si­dent des Deut­schen Tier­schutz­bun­des. Zu ei­ner sol­chen Le­bens­wei­se ge­hört es aber nicht nur, Nah­rung oh­ne tie­ri­sche Be­stand­tei­le zu kon­su­mie­ren, auch an­de­re Pro­duk­te soll­ten ve­gan sein.

Kein Pro­blem, mö­gen die meis­ten den­ken, ein Blick auf die In­halts­an­ga­be dürf­te ge­nü­gen, um si­cher sein zu kön­nen. Das ist ein Irr­glau­be, weiß Fe­li­ci­tas Ki­ta­li, Er­näh­rungs­wis­sen­schaft­le­rin bei der Tier­schutz­or­ga­ni­sa­ti­on Pe­ta. Oran­gen­saft wird oft über Ge­la­ti­ne oder Fisch­bla­sen ge­klärt, eben­so wie Wein. In Spa­ni­en wird Rot­wein teils so­gar noch mit Stier­blut ge­fil­tert. Die Lis­te der Le­bens­mit­tel, die fälsch­li­cher­wei­se für tier­frei ge­hal­ten wer­den, ist lang. Auch Es­sig ge­hört da­zu. Ei­ni­ge Sor­ten ent­hal­ten Chi­tin, das aus zer­mah­le­nen Scha­len von Krus­ten­tie­ren her­ge­stellt wird.

Her­stel­ler sind recht­lich nicht da­zu ver­pflich­tet, die tie­ri­schen Zu­ta­ten kennt­lich zu ma­chen. „Vie­le Fir­men wis­sen, dass das nicht gut klingt, dar­um nut­zen sie ein­fach ei­ne an­de­re Be­zeich­nung“, sagt Ki­ta­li. Zum Bei­spiel wird statt „hy­dro­ly­zed ani­mal pro­te­in“(hy­dro­ly­sier­tes tie­ri­sches Pro­te­in) eher „hy­dro­ly­zed col­la­gen“(hy­dro­ly­sier­tes Kol­la­gen) ver­wen­det. „Das ist ein­fach für die Fir­men, aber frus­trie­rend für den Kon­su­men­ten.“Noch frus­trie­ren­der ist, dass es Tau­sen­de Be­zeich­nun­gen gibt, die nicht als tie­ri­sche Stof­fe zu ent­lar­ven sind. Pe­ta führt auf ih­rer In­ter­net­sei­te ei­ne Lis­te mit hun­der­ten Na­men auf.

Ge­la­ti­ne et­wa müs­se nicht auf­ge­führt wer­den, weil das tie­ri­sche Pro­dukt nur ein so­ge­nann­ter Ver­ar­bei­tungs­hilfs­stoff ist. „Die­se Stof­fe wer­den wäh­rend der Pro­duk­ti­on hin­zu­ge­setzt, aber auch wie­der her­aus­ge­nom­men und müs­sen da­her nicht ge­kenn­zeich­net wer­den“, er­klärt No­ra Dittrich von der Ver­brau­cher­zen­tra­le NRW. Aber nicht nur Le­bens­mit­tel sind be­trof­fen. Kos­me­tik ist ein wei­tes Feld, in dem nicht nur tie­ri­sche In­halts­stof­fe, son­dern auch Tier­ver- su­che ei­ne gro­ße Rol­le spie­len. Da­bei gilt: Ve­gan ist nicht gleich tier­ver­suchs­frei, er­klärt Phi­lip Heldt, eben­falls von der Ver­brau­cher­zen­tra­le. „Bei Kos­me­tik ist es be­son­ders schwie­rig, sich zu ver­ge­wis­sern, weil man­che In­halts­stof­fe aus tie­ri­schen, statt syn­the­ti­schen oder pflanz­li­chen Stof­fen her­ge­stellt sein kön­nen, dies aber nicht klar ge-

kenn­zeich­net wer­den muss“, sagt der Ex­per­te. Es sei al­so ei­gent­lich un­mög­lich, das nach­zu­voll­zie­hen, denn selbst die Nach­fra­ge beim Un­ter­neh­men brin­ge nicht un­be­dingt Klar­heit. Wer wirk­lich si­cher­ge­hen will, dass das Pro­dukt oh­ne tie­ri­sche Stof­fe aus­kommt, soll­te sich im In­ter­net nach Un­ter­neh­men er­kun­di­gen, die es sich zum Grund­satz ge­macht ha­ben, ve­ga­ne Pro­duk­te her­zu­stel­len, rät Heldt.

Ku­ri­os ist die Ver­wen­dung von tie­ri­schen Stof­fen in Pro­duk­ten wie Au­to­rei­fen oder Zi­ga­ret­ten­fil­tern. In Au­to­rei­fen zum Bei­spiel ist es die Stear­in­säu­re, die ent­hal­ten sein kann, weiß Ki­ta­li. Stear­in­säu­re wird in der Au­to­mo­bil-, Le­bens­mit­te­lund Arz­nei­mit­tel­in­dus­trie als Zu­satz­stoff ver­wen­det und kann aus pflanz­li­chen oder tie­ri­schen Fet­ten her­ge­stellt wer­den. In man­chen Zi­ga­ret­ten­fil­tern ver­wen­den die Her­stel­ler Hä­mo­glo­bin, denn der Ei­weiß­stoff, ge­won­nen aus Schwei­ne­blut, dient zum Aus­sie­ben von Schad­stof­fen aus dem Ta­bak.

Der Grund, dass Her­stel­ler auf tie­ri­sche statt pflanz­li­che oder syn­the­ti­sche Stof­fe zu­rück­grei­fen, ist oft der­sel­be: Sie sind nicht et­wa bes­ser, son­dern ein­fach güns­ti­ger. „Oder es hat his­to­ri­sche Grün­de“, sagt Ki­ta­li. Da­mals sei es üb­lich ge­we­sen, al­les vom Tier zu ver­wer­ten. Das gilt auch heu­te noch: Schlach­ter, die die Tie­re tö­ten, sei es für die Fleisch-, Pelz-, Woll-, Milch-, Eier- und Fi­sche­rei-In­dus­trie, bie­ten die an­fal­len­den „Ne­ben­pro­duk­te“zum Ver­kauf an.

Man­che Her­stel­ler, die auf tie­ri­sche In­halts­stof­fe ver­zich­ten, kenn­zeich­nen ih­re Wa­re ent­spre­chend. Hun­dert­pro­zen­tig zu­ver­läs­sig sind die­se Eti­ket­ten al­ler­dings auch nicht, da es kei­ne staat­li­chen Kon­trol­len gibt und die Be­grif­fe „ve­gan“oder „ve­ge­ta­risch“nicht ver­bind­lich oder ge­schützt sind. Die Eu­ro­päi­sche Ve­ge­ta­ri­er Uni­on hat das „V“ent­wi­ckelt. Das La­bel ist frei­wil­lig und soll es Ve­ge­ta­ri­ern eu­ro­pa­weit er­leich­tern, ge­eig­ne­te Le­bens­mit­tel zu fin­den. Es mar­kiert Pro­duk­te, die oh­ne Roh­stof­fe aus Tie­ren her­ge­stellt wur­den – oh­ne Ge­la­ti­ne, Kno­chen oder Schlacht­fet­te.

Dittrich von der Ver­brau­cher­zen­tra­le sagt: „Es liegt be­reits seit Ja­nu­ar 2014 ein An­trag im Eu­ro­pa­par­la­ment zur bes­se­ren Kenn­zeich­nung von ve­ga­nen und ve­ge­ta­ri­schen Pro­duk­ten. Ge­tan hat sich bis­her al­ler­dings nichts.“So bleibt es Auf­ga­be des Kon­su­men­ten, nach­zu­fra­gen und zu hof­fen, dass Her­stel­ler wahr­heits­ge­mäß Aus­kunft ge­ben.

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