Der Tod der „Gnä­di­gen Frau“

Rheinische Post Goch - - LOKALE KULTUR - VON VE­RE­NA KRAULEDAT

Je­an Ge­nets „Die Zo­fen“beim Thea­ter im Fluss auf­ge­führt.

KLE­VE Auf der düs­ter vio­lett be­leuch­te­ten Büh­ne ste­hen drei Frau­en­gestal­ten in schwar­zen Klei­dern. Ei­ne da­von trägt ele­gan­te schwar­ze Samt­hand­schu­he, die bei­den an­de­ren strei­fen sich knall­gel­be Gum­mi­hand­schu­he über. Ein­ge­hüllt in die sphä­ri­schen Klän­ge von Györ­gy Li­ge­tis A-cap­pel­la-Stück „Lux ae­ter­na“, voll­füh­ren die drei Frau­en ei­nen stum­men, me­cha­ni­schen Tanz – voll­kom­men syn­chron und zu­neh­mend schnel­ler, ge­hetz­ter, atem­lo­ser. Mit die­ser pa­cken­den Sze­ne be­gann Je­an Ge­nets Thea­ter­stück „Die Zo­fen“im Kle­ver Thea­ter im Fluss. Die ful­mi­nan­te Ins­ze­nie­rung von El­la Lich­ten­ber­ger und Ha­rald Kleine­cke er­hielt ih­ren Reiz durch die Kom­bi­na­ti­on aus Schau­spiel und Tanz. Die teils me­di­ta­ti­ven, teils rhyth­mus­be­ton­ten Mu­sik­stü­cke und die ein­drucks­vol­len Cho­reo­gra­phi­en er­höh­ten die Span­nung. Das Stück des fran­zö­si­schen Skan- dalau­tors Ge­net aus 1947 er­zählt von den bei­den Di­enst­mäd­chen Clai­re und So­lan­ge, die wäh­rend der Ab­we­sen­heit ih­rer Her­rin ein bru­ta­les sa­do­ma­so­chis­ti­sches Rol­len­spiel voll­zie­hen: Clai­re (Ma­rie Rich­ter) spielt die ver­hass­te „Gnä­di­ge Frau“, ih­re Schwes­ter So­lan­ge (Char­lot­te Jäck­le) Clai­re, wel­che die Her­rin um­brin­gen soll. Doch stets kehrt die ech­te Gnä­di­ge Frau zu­rück, be­vor das Spiel be­en­det ist. Zu die­ser ver­hin­der­ten Be­frie­di­gung kommt ei­ne von den Zo­fen in­sze­nier­te In­tri­ge ge­gen den Haus­herrn, mit der sie sich in Ge­fahr ge­bracht ha­ben, so dass schließ­lich fest­steht: Die so oft ge­spiel­te Er­mor­dung der Gnä­di­gen Frau muss Wirk­lich­keit wer­den. Mit groß­ar­ti­ger Kraft und Wild­heit ver­kör­per­ten Rich­ter und Jäck­le die bei­den Schwes­tern, ih­re krank­haf­te Ab­hän­gig­keit und den pa­ra­do­xen Zwang, sich zu ver­let­zen. Vir­tu­os und glaub­haft wech­sel­ten sie zwi­schen den Rol­len und Ge­fühl­s­ex­tre­men, bis hin zur Ver­zweif­lung über die Trost­lo­sig­keit ih­res Le­bens. Auch Co-Re­gis­seu­rin Lich­ten­ber­ger über­zeug­te als Gnä­di­ge Frau, die in der Mit­te des Stü­ckes per­sön­lich in Er­schei­nung tritt: Ei­ne über­spann­te, hys­te­ri­sche Frau, de­ren acht­los da­hin­ge­sag­te De­mü­ti­gun­gen be­son­ders da­durch per­fi­de wer­den, dass sie wahr­schein­lich nicht ein­mal bö­se ge­meint sind.

Hoch­span­nend die Sze­ne, in der die Schwes­tern ver­geb­lich ver­su­chen, die Gnä­di­ge Frau zum Trin­ken ih­res Tees zu über­re­den, den sie zu­vor ver­gif­tet ha­ben. Der Plan miss­lingt, die Her­rin ent­kommt, und so voll­enden die bei­den ihr töd­li­ches Ri­tu­al: Clai­re schlüpft er­neut in die Rol­le der Gnä­di­gen Frau und trinkt den Tee. Ro­sen­blät­ter be­gin­nen zu fal­len, wie­der färbt sich das Licht vio­lett, wie­der er­klingt Li­ge­tis ver­stö­ren­des „Lux ae­ter­na“– und klingt auch dann noch wei­ter, als die Sze­ne in voll­kom­me­ner Dun­kel­heit ver­schwin­det. Ein ech­ter Gän­se­haut-Mo­ment.

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