„Mac­beth“– blu­ti­ges Mit­tel­al­ter­spek­ta­kel

Rheinische Post Goch - - KINO - VON DOROTHEE KRINGS

Der Aus­tra­li­er Jus­tin Kur­zel hat Sha­ke­speares Kö­nigs­dra­ma ver­filmt und macht Micha­el Fass­ben­der zum ver­roh­ten Krie­ger, der Kö­nig wer­den will – und an sei­nen Ängs­ten zu­grun­de geht. Sel­ten sah man das Mit­tel­al­ter so na­tu­ra­lis­tisch.

Im Thea­ter ist Ge­walt abs­trakt. Da mö­gen Schau­spie­ler noch so sehr mit Fecht­meis­tern trai­nie­ren, mag das Kunst­blut noch so üp­pig flie­ßen, auf der Büh­ne geht es meist dar­um, Struk­tu­ren zu durch­schau­en, Mecha­nis­men auf­zu­de­cken, mit­zu­er­le­ben, wie Moral ver­sagt, aber man be­ob­ach­tet sie sel­ten – die nack­te Ge­walt.

Das ist im Ki­no an­ders. Weil der Film auf Über­wäl­ti­gung set­zen kann, so wie bei Jus­tin Kur­zel. Der aus­tra­li­sche Re­gis­seur hat Sha­ke-

Marion Co­til­lard spielt die La­dy Mac­beth als ehr­gei­zi­ge Stra­te­gin und zu­gleich als fins­te­re

Scha­ma­nin

speares Kö­nigs­dra­ma „Mac­beth“ver­filmt. Und er setzt ein Ge­met­zel mit den plum­pen Waf­fen, der ro­hen Bru­ta­li­tät ei­nes mit­tel­al­ter­li­chen Kriegs an den An­fang – als blu­ti­ge Ou­ver­tü­re, als Schlüs­sel für den ge­sam­ten Film.

Die Ka­me­ra ist mit­ten un­ter den Krie­gern, sie hockt im kalten Mo­rast Schott­lands, sieht zu, wie Män­ner schlot­tern vor dem An­griff und sich dann an die Gur­geln ge­hen. Mit ang­st­ir­rem Blick. Mann ge­gen Mann. Bis ei­ne grau­si­ge Ru­he ist über den damp­fen­den Fel­dern.

Das ist schreck­lich, bar­ba­risch und wirkt wahr­haf­tig in sei­ner Roh­heit. Na­tür­lich liegt es na­he, Kur­zel zu un­ter­stel­len, er schie­le auf die Ac­tion­se­ri­en der Ge­gen­wart und ha­be ei­nen „Mac­beth“für die „Ga­mes of Thro­nes“-Ge­ne­ra­ti­on in­sze­niert. Das stimmt auch, aber vor al­lem ist die­ser Zu­gang schlüs­sig. Denn ei­gent­lich ver­steht man Sha­ke­speare nur, wenn man sich klar­macht, wel­che Ver­ro­hung Krie­ger in sei­ner Zeit er­leb­ten. Wenn man vor Au­gen ge­führt be­kommt, wel­che Höl­len­rit­te Mac­beth hin­ter sich brach­te, be­vor er ein Ty­rann sei­nes For­mats, ein Meuch­ler mit solch un­ge­heu­rem Blut­durst wur­de.

Kur­zel setzt das in wei­ten, fah­len Land­schaf­ten in Sze­ne, tränkt sei­ne Bil­der auch mal in blu­ti­ges Rot und ist bei der Aus­stat­tung auf Echt­heit ver­ses­sen. So na­tu­ra­lis­tisch hat man das Mit­tel­al­ter sel­ten er­lebt. Vor al­lem ge­gen En­de über­treibt Kur­zel es mit den farbsym­bol­ge­tränk­ten Bil­dern, ir­gend­wann ma­chen selbst Ki­no­schlach­ten stumpf. Doch zu­nächst reißt er den Zu­schau­er mit in ei­ne an­de­re Zeit. In an­de­re Um­stän- de. In die ar­chai­sche Welt, in die Sha­ke­speare sei­ne Dra­men bau­te.

Das wirk­li­che Kunst­stück die­ses Films aber ist, zwei Hol­ly­wood­stars in die­se Ku­lis­se zu fü­gen, oh­ne dass sie wie Fremd­kör­per aus der Ge­gen­wart wir­ken wür­den: Micha­el Fass­ben­der und Marion Co­til­lard. Nur we­ni­ge Se­kun­den sieht man in Fass­ben­der noch den Mann, der dem­nächst den App­le-Grün­der Ste­ve Jobs spie­len wird. Dann ist er ein Krie­ger mit Ge­schick und Ehr­geiz, ein bär­ti­ger Kämp­fer mit Blut­krus­ten an der Stirn, der auf dem Schlacht­feld Mut be­weist – und da­für sei­nen Lohn will. Und wenn er da­für im ei­ge­nen La­ger mor­det.

Aus dem­sel­ben Holz ist die La­dy Mac­beth von Marion Co­til­lard ge­schnitzt. Sie will Macht und Eh­re, sie will ins Kö­nigs­schloss und weiß die Weis­sa­gun­gen hin­ter sich. Vor al­lem aber will sie ei­nen Schmerz über­win­den, der sie in­ner­lich ver­wüs­tet: Die Mac­beth ha­ben ein Kind ver­lo­ren. Was Sha­ke­speare nur an­deu­tet, wird bei Kur­zel ei­ne grau- sig stil­le Sze­ne, in der ein Kind nach al­tem Brauch bei­ge­setzt wird. Ge­nau wie mit den Schlacht­auf­nah­men setzt Kur­zel so ein Mo­tiv in die Welt, das die spä­te­re Ent­wick­lung die­ses Dra­mas plau­si­bel wer­den lässt: Die macht­ver­ses­se­nen Mac­beth sind Au­ßen­sei­ter von An­fang an. Sie sind ver­sehrt, ih­res Fort­le­bens im Nach­wuchs be­raubt und rä­chen sich: Sie strei­fen al­le Skru­pel ab, for­dern ein Stück Le­ben zu­rück, über­las­sen sich ih­rem Hun­ger nach Ruhm, Ein­fluss, Wohl­stand und scheu­en auf dem Weg zum Pro­mi­paar kei­ne Ab­scheu­lich­kei­ten.

Na­tür­lich kehrt dann bald der Wahn­sinn ein: Zu viel Blut wur­de ver­gos­sen, zu viel Trau­er nicht be­weint, zu vie­le Ängs­te blie­ben un­be­siegt; und nun trei­ben die Dä­mo­nen Mac­beth in die En­ge. So ist die­ser ver­film­te Sha­ke­speare ein Ac­tion­thril­ler in his­to­risch fer­ner Epo­che und zu­gleich ein Psy­cho­dra­ma un­se­rer Zeit. Und das fes­selt, weil es bei Kur­zel zu­sam­men­geht.

Dass ein Sha­ke­speare auch ein mo­der­nes Ki­no­pu­bli­kum zu pa­cken ver­mag, hat na­tür­lich mit der Gül­tig­keit sei­ner Stü­cke zu tun. Sie han­deln von den de­struk­ti­ven Kräf­ten, die den Men­schen ewig an­trei­ben, von Neid, Angst, Ehr­geiz, Ei­fer­sucht, Ra­che. Sha­ke­speare zeigt, wie die­se Kräf­te ar­bei­ten, wie sie Men­schen de­for­mie­ren und in tra­gi­sche Ge­schi­cke drän­gen. Kur­zel kehrt das noch dras­ti­scher her­vor, in­dem er Sha­ke­speare auf we­sent­li­che Fi­gu­ren re­du­ziert und sie zum Spiel­ball ih­rer Ängs­te und ih­res Aber­glau­bens macht. So ist et­wa die La­dy Mac­beth von Marion Cot­tilard nicht nur ei­ne kalt­blü­ti­ge Stra­te­gin. Sie ist auch ei­ne al­ter­tüm­li­che He­xe, die der Macht der ei­ge­nen Weis­sa­gun­gen und Ri­tua­le aus­ge­lie­fert ist. Die­ser Sha­ke­speare ist bru­tal, ar­cha­isch, scha­ma­nen­haft. Ei­ne bö­se Ge­schich­te aus ei­ner an­de­ren Zeit. Ei­ne Mah­nung für heu­te. „Mac­beth“, USA 2015 – Re­gie: Jus­tin Kur­zel. Buch: Todd Loui­so, Ja­cob Ko­skoff, Micha­el Less­lie. Ka­me­ra: Adam Ar­ka­paw, Mit Micha­el Fass­ben­der, Marion Co­til­lard, Pad­dy Con­sidi­ne. 113 Min.

FOTO: DPA

Wahn­sin­ni­ges Ty­ran­nen­paar: Micha­el Fass­ben­der als Mac­beth mit Marion Co­til­lard als macht­hung­ri­ger La­dy Mac­beth an sei­ner Sei­te.

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