Hun­ger nach ei­nem an­de­ren Le­ben

Rheinische Post Goch - - KINO - VON DOROTHEE KRINGS

Un­ge­wöhn­li­ches Dra­ma über Ma­ger­sucht – mit ko­mi­schen Mo­men­ten.

Ol­ga kann ih­ren Va­ter nicht es­sen se­hen. Sie kann ihn über­haupt nicht an­se­hen, denn für sie ist er ein ro­her Klotz, üb­rig ge­blie­ben aus der Zeit des So­zia­lis­mus, als in Po­len Män­ner wie er Kar­rie­re ma­chen konn­ten. Ol­ga hat sich stets an ih­re Mut­ter ge­hal­ten, doch dann ist die ge­stor­ben und ließ sie zu­rück im fal­schen Le­ben, im fal­schen Kör­per. Und dar­um hun­gert Ol­ga. Oder sie stopft Sü­ßig­kei­ten in sich hin­ein bis zum Er­bre­chen.

In „Bo­dy“er­zählt Mal­gorz­a­ta Szu­mow­s­ka die in Va­ria­tio­nen be­kann­te Ge­schich­te ei­ner ma­ger­süch­ti­gen Frau. Doch die pol­ni­sche Re­gis­seu­rin macht es an­ders. Sie zeigt die ab­sur­den Sei­ten die­ser Er­kran­kung, und das ist er­schre­ckend und ko­misch zu­gleich. Nach ei­nem Zu­sam­men­bruch kommt Ol­ga in ei­ne Kli­nik, dort trifft sie auf die The­ra­peu­tin An­na, die all ih­re Kraft in die Ar­beit mit den jun­gen Mäd­chen legt, selbst aber ein ein­sa­mes Le­ben führt – an der Sei­te ei­ner Dog­ge. Die hat sie ge­nau­so we­nig im Griff wie ih­re in­tro­ver­tier­ten Pa­ti­en­tin­nen, aber An­na hat ei­ne Ga­be: Sie steht in Kon­takt mit dem Jen­seits. Dar­um wird sie für Ol­ga in­ter­es­sant.

Szu­mow­s­ka lässt ih­ren Film ge­konnt chan­gie­ren zwi­schen Ma­ger­suchts­dra­ma mit fast do­ku­men­ta­ri­schen Sze­nen aus dem Kli­nik­all­tag, Geis­ter­thril­ler und Ko­mö­die. Das ge­lingt, weil sie her­vor­ra­gen­de Schau­spie­ler vor der Ka­me­ra hat. Ja­nu­sz Ga­jos zum Bei­spiel, der Ol­gas des­il­lu­sio­nier­ten Va­ter spielt. Als Un­ter­su­chungs­rich­ter wird er im­mer wie­der an Tat­or­te ge­ru­fen, an de­nen Men­schen ein­an­der Schreck­li­ches an­ge­tan ha­ben. Fast reg­los nimmt er das hin. Sein Tat­ort ist ja da­heim: Nie weiß er, in wel­cher Ver­fas­sung er sei­ne Toch­ter vor­fin­det, wenn er nach Hau­se kommt. Ma­ja Os­tas­zew­s­ka spielt die ver­härm­te The­ra­peu­tin, die mit mo­der­nen Me­tho­den ver­sucht, ih­re ma­ger­süch­ti­gen Pa­ti­en­tin­nen aus dem Ge­fäng­nis ih­rer Krank­heit zu be­frei­en. Auch die Ver­geb­lich­keit ih­res Be­mü­hens ist tief­trau­rig und ko­misch zu­gleich, weil die The­ra­peu­tin mit sich selbst so über­for­dert ist. Jus­ty­na Su­wa­la spielt die stör­ri­sche Ol­ga, die all ih­ren Hass auf den Va­ter ge­gen sich selbst wen­det. Doch der Hu­mor wird sie am En­de mit dem Va­ter ver­bin­den. Und die The­ra­peu­tin wird er­folg­reich sein, oh­ne es zu ah­nen. „Bo­dy“ist ein ir­ri­tie­ren­der Film, weil er mit Gen­res spielt und weil er sich mit ab­sur­dem Hu­mor ei­ner Krank­heit nä­hert, oh­ne ihr den Schre­cken zu neh­men. „Bo­dy“, Po­len 2015, – Buch und Re­gie: Mal­gorz­a­ta Szu­mow­s­ka. Ka­me­ra: Michal Eng­lert. Mit Ja­nu­sz Ga­jos, Ma­ja Os­tas­zew­s­ka, Jus­ty­na Su­wa­la. 90 Min.

FOTO: BER­LI­NA­LE / DRYGALA

Sze­ne aus dem tra­gi­ko­mi­schen Ma­ger­suchts­film „Bo­dy“

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