Das deut­sche Ten­nis am Tief­punkt

Rheinische Post Goch - - SPORT - VON GI­AN­NI COS­TA Bo­ris Becker Micha­el Stich Bo­ris Becker Carl-Uwe Steeb Bern­dBern Kar­ba­cher Mar­kus Nae­wie Patrick Küh­nen Mar­kus Zoecke Pe­ter Go­jow- cyk Micha­el Ber­rer Phil­ipp Kohl­schrei­ber Dus­tin Brown Ben­ja- min Becker JanLen­nard St­ruff Alex­an- der Zve­re

Seit 1984 war es um das Her­ren-Ten­nis nicht mehr so schlecht be­stellt, nur noch zwei Spie­ler ste­hen un­ter den ers­ten 100 der Welt­rang­lis­te. Vor 30 Jah­ren sorg­te Bo­ris Becker für ei­nen Boom.

DÜSSELDORF 2016 müss­te ei­gent­lich ein fan­tas­tisch gu­tes Jahr für das deut­sche Her­ren­ten­nis wer­den. Man muss sich schon ein we­nig schüt­teln, denn nichts er­scheint wei­ter ent­fernt als die­se An­nah­me. Denn der­zeit ist es hier­zu­lan­de so schlecht wie seit 1984 nicht mehr um die Sport­art be­stellt. Ak­tu­ell sind Phil­ipp Kohl­schrei­ber (32.) und Alexander Zverev (84.) die ein­zi­gen Ver­tre­ter un­ter den bes­ten 100 der Bran­che. Vor 31 Jah­ren wa­ren Micha­el West­phal und Hans Schwai­er die ver­blie­be­nen Hoff­nungs­trä­ger. Ein ge­wis­ser Bo­ris Becker ran­gier­te zum da­ma­li­gen Zeit­punkt auf Po­si­ti­on 108. Ein Jahr spä­ter, 1985, tri­um­phier­te der Lei­me­ner zum ers­ten Mal in Wim­ble­don und mach­te aus Deutsch­land ei­ne Ten­nis­na­ti­on.

Bei al­lem ge­bo­te­nen Op­ti­mis­mus – ei­ne Wie­der­ho­lung der Ge­schich­te wird es nicht ge­ben. Seit Jah­ren sind die Pro­ble­me of­fen­sicht­lich. Doch beim Deut­schen Ten­nis­bund (DTB) war man lan­ge mit sich selbst am meis­ten be­schäf­tigt. Der Ver­band war in Rechts­strei­tig­kei­ten ver­strickt, ver­spe­ku­lier­te sich, und die Funk­tio­nä­re lie­fer­ten sich im­mer ge­nau dann ei­ne Schlamm­schlacht, wenn Ge­schlos­sen­heit ge­bo­ten ge­we­sen wä­re. Das in den Hoch­jah­ren ver­dien­te Geld war schnel­ler aus­ge­ge­ben, als Becker einst über den Platz hech­te­te. Über ei­nen lan­gen Zei­t­raum gab es kei­ne stra­te­gisch aus­ge­rich­te­te Nach­wuchs­för­de­rung – und da­mit auch kei­ne Ta­len­te. Von den sie­ben Deut­schen, die zwi­schen Platz 100 bis 200 ran­gie­ren, ist kei­ner un­ter 25.

Ul­rich Klaus ist seit ei­nem Jahr Prä­si­dent des DTB. Er sagt: „So ein schlech­tes Er­geb­nis rüt­telt na­tür­lich auf. Wir ha­ben uns in die­sem Jahr neu auf­ge­stellt und wol­len wie­der mehr in die Aus­bil­dung von Ta­len­ten in­ves­tie­ren.“Die Bun­des­leis­tungs­zen­tren sei­en ge­stärkt wor- den, neue Trai­ner ver­pflich­tet. „Wir müs­sen aber auch rea­lis­tisch blei­ben. Als der Deut­sche Fuß­ball-Bund 2004 bei der Eu­ro­pa­meis­ter­schaft so schlecht ab­ge­schnit­ten hat, da hat kurz da­nach je­der Bun­des­li­gist ein Leis­tungs­zen­trum er­öff­net“, sagt der 65-Jäh­ri­ge. „Bei uns ist das in sol­chen Grö­ßen­ord­nun­gen nicht mög­lich, da­für ha­ben wir über­haupt nicht die Mit­tel.“

Die sind lie­ber in ei­ni­ge teu­re Ne­ben­kriegs­schau­plät­ze ge­flos­sen. Erst vor we­ni­gen Wo­chen hat sich der DTB mit der Spie­ler­or­ga­ni­sa­ti­on

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31 ATP auf ei­nen Ver­gleich ge­ei­nigt. Vor­aus­ge­gan­gen war ein jah­re­lan­ger Rechts­streit, nach­dem den Ger­man Open in Hamburg der Mas­ter­sS­ta­tus ent­zo­gen wor­den war. Die Kla­ge schei­ter­te al­ler­dings vor ei­nem US-Ge­richt. Die ATP for­der­te dar­auf­hin die Rück­er­stat­tung der An­walts­kos­ten (rund 18 Mil­lio­nen Eu­ro), was aus­ge­reicht hät­te, den noch im­mer welt­weit größ­ten Ten­nis­ver­band in den Ru­in zu trei­ben. Der blieb im­mer­hin auf Aus­ga­ben von fünf Mil­lio­nen sit­zen. Geld, das an an­de­rer Stel­le ge­fehlt hat.

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Bei den Da­men ist die Ent­wick­lung deut­lich bes­ser. Das hat vor al­lem mit dem En­ga­ge­ment von Bun­des­trai­ne­rin Bar­ba­ra Ritt­ner zu tun. Die ge­bür­ti­ge Kre­fel­de­rin hat über Jah­re ein Team ge­zielt auf­ge­baut – Andrea Pet­ko­vic und An­ge­li­que Ker­ber sind zur Welt­spit­ze auf­ge­stie­gen. Klaus wähnt den Ver­band in­des auch bei den Her­ren auf ei­nem gu­ten Weg. „Es braucht aber drei bis fünf Jah­re Zeit “, sagt er. „Die Ta­len­te sind da. Vi­el­leicht kein Bo­ris Becker, aber Ty­pen, die es den­noch weit brin­gen kön­nen.“Die Schwie-

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108 rig­keit sei, den Über­gang von den Ju­gend­li­chen zu den Pro­fis zu schaf­fen. Ei­ne Idee des DTB-Prä­si­den­ten: Ta­len­te sol­len in ih­rer ers­ten Sai­son durch Bo­nus­punk­te in der Welt­rang­lis­te bes­ser plat­ziert wer­den. Da­durch soll ih­nen die Qua­li­fi­ka­ti­on für grö­ße­re Tur­nie­re er­leich­tert wer­den. „Die Fran­zo­sen be­kom­men bei den French Open Wild Cards, die Ame­ri­ka­ner bei den US Open“, sagt er. „Wir müs­sen se­hen, dass auch un­se­re Ta­len­te Un­ter­stüt­zung be­kom­men.“Da­zu muss es al­ler­dings auch Ta­len­te ge­ben.

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