Du­bio­se Ge­schäf­te mit Vi­sa-Ter­mi­nen für Flücht­lin­ge

Rheinische Post Goch - - WEITSICHT - VON JÖRG ISRINGHAUS UND GRE­GOR MAYNTZ

Sy­rer be­rich­ten, dass ih­re Fa­mi­li­en im Li­ba­non und in der Tür­kei an­geb­lich nur ge­gen Be­zah­lung Zu­gang zu Kon­su­la­ten be­kom­men.

DÜSSELDORF/BERLIN Für Mahmud el Mu­ham­mad hat die Flucht aus Sy­ri­en in Düsseldorf ein gu­tes En­de ge­fun­den, seit Au­gust ist er als Asyl­be­wer­ber an­er­kannt. Zur Ru­he kommt der 38-Jäh­ri­ge den­noch nicht: Sei­ne Frau und sei­ne drei klei­nen Kin­der muss­te er in Deir ezZor zu­rück­las­sen, ei­ner Stadt, die im­mer wie­der von IS-Trup­pen bom­bar­diert wird. Zwei Kin­der sei­en be­reits trau­ma­ti­siert, könn­ten kaum schla­fen, er­zählt er, sei­ne Frau müs­se 50 Ki­lo­me­ter lau­fen, um Es­sen zu be­sor­gen. „Ich ha­be ge­glaubt, mei­ne Fa­mi­lie nach mei­ner An­er­ken­nung nach­ho­len zu kön­nen“, sagt el Mu­ham­mad. Aber kurz­fris­ti­ge Kon­su­lats­ter­mi­ne für die Vis­a­ver­ga­be sei­en nur ge­gen ho­he Geld­zah­lun­gen zu be­kom­men. Das Geld ha­be er aber nicht. So müs­se sei­ne Fa­mi­lie bis Ok­to­ber 2016 auf ei­nen Ter­min war­ten. „Jetzt be­reue ich, dass ich Frau und Kin­der zu­rück­ge­las­sen ha­be.“

Mahmud el Mu­ham­mad ist kein Ein­zel­fall. Im­mer wie­der be­rich­ten sy­ri­sche Flücht­lin­ge, dass Ter­mi­ne für die Ver­ga­be von Vi­sa kurz­fris­tig nur auf il­le­ga­lem We­ge zu kau­fen sei­en. Bis zu 1000 Eu­ro pro Ter­min wür­den du­bio­se Agen­tu­ren da­für ver­lan­gen. Be­trof­fen sei­en deut­sche Bot­schaf­ten und Kon­su­la­te in der Tür­kei und im Li­ba­non. Ah­med Ab­dal­lah et­wa ist aus Da­mas­kus gef lüch­tet, seit Au­gust eben­falls an­er­kannt und lebt in ei­ner Un­ter­kunft in Düsseldorf. Auch er möch­te sei­ne Frau und drei Kin­der nach Deutsch­land ho­len. Zu­nächst sah es gut für den 47-Jäh­ri­gen aus: Sei­ne Frau hat­te ei­nen re­gu­lä­ren Ter­min ge­gen ei­ne ge­rin­ge Ge­bühr von rund 100 Dol­lar. Dann wur­de ihr nach zwei Mo­na­ten das Geld zu­rück­ge­ge­ben. Der Ter­min sei ge­stri­chen, hieß es. Ab­dal­lahs Ver­mu­tung: „Ter­mi­ne von re­gu­lä­ren Ge­büh­ren­zah­lern wer­den ge­löscht und da­für Na­men von Per­so­nen ein­ge­setzt, die hö­he­re Sum­men be­zah­len.“

Bei­de Män­ner sind ver­zwei­felt, wis­sen nicht, wie es wei­ter­ge­hen soll. Sie be­sit­zen nicht die fi­nan­zi­el­len Mög­lich­kei­ten, um sich über die Agen­tu­ren ei­nen Zu­gang zum Ter­min­sys­tem ver­schaf­fen zu kön­nen. Ein le­ga­ler Weg scheint ih­nen ver­sperrt. Da­bei müs­sen sich die Fa­mi- li­en­an­ge­hö­ri­gen laut Ge­setz bei den deut­schen Bot­schaf­ten in­ner­halb von drei Mo­na­ten für den Nach­zug an­mel­den. Wie die il­le­ga­len Ma­chen­schaf­ten ge­nau von­stat­ten ge­hen, wis­sen die bei­den Sy­rer nicht. Sie spe­ku­lie­ren aber, dass die Agen­tu­ren wohl mit Mit­ar­bei­tern der Bot­schaf­ten und Kon­su­la­te ko­ope­rie­ren.

Im Aus­wär­ti­gen Amt sind sol­che Schil­de­run­gen be­kannt – so oft die Be­schrei­bun­gen aber so kon­kret wa­ren, dass sie die Sach­ver­hal­te nach­prü­fen konn­ten, tra­fen sie auf je­weils ähn­li­che Qu­el­len für Miss­ver­ständ­nis­se und fal­sche Ver­däch­ti­gun­gen. Das hängt da­mit zu­sam­men, dass rund um die Kon­su­la­te je­de Men­ge „Agen­tu­ren“ents­tan- den sind, die die Ver­zweif­lung der An­ge­hö­ri­gen aus­nut­zen. Sie er­fra­gen de­ren Pass­num­mern, be­sor­gen sich da­mit bei den Di­plo­ma­ten vor Ort Ter­mi­ne und „ver­kau­fen“die­se zu Wu­cher­prei­sen wei­ter. Im­mer wie­der wie­sen die Bot­schaf­ten dar­auf hin, dass sich die An­ge­hö­ri­gen un­mit­tel­bar an die Kon­su­la­te wen­den soll­ten und Deutsch­land nicht mit Agen­tu­ren zu­sam­men ar­bei­te, die im Auf­trag von An­trag­stel­lern ge­gen Be­zah­lung Ter­mi­ne buch­ten. Ge­rin­ge Ge­büh­ren könn­ten le­dig­lich für die er­stell­ten Do­ku­men­te ent­ste­hen; man­che wür­den in­zwi­schen auch kos­ten­los ver­ge­ben – und erst Recht die Ter­mi­ne.

Nach den Vi­sa-Skan­da­len in der Ver­gan­gen­heit sei­en zu­dem aus­ge­klü­gel­te An­ti-Kor­rup­ti­ons-Mecha­nis­men ein­ge­führt wor­den, heißt es im Aus­wär­ti­gen Amt wei­ter. So sei­en die Zu­stän­dig­kei­ten auf ver­schie­de­ne Mit­ar­bei­ter ver­teilt, um schon im An­satz zu ver­hin­dern, dass ein­zel­ne Be­diens­te­te Schlüs­sel­po­si­tio­nen bei der Vi­sa-Ver­ga­be aus­nut­zen könn­ten.

Seit der Schlie­ßung der Bot­schaft in Da­mas­kus An­fang 2012 ha­be sich die Zahl der An­trä­ge auf Nach­zug an den Ver­tre­tun­gen in der Tür­kei an­nä­hernd ver­dop­pelt, in Bei­rut na­he­zu ver­fünf­facht. Die lan­gen War­te­zei­ten wür­den je­doch durch die Auf­sto­ckung des Ma­te­ri­als und die Ver­ein­fa­chung der Ver­fah­ren der­zeit sys­te­ma­tisch ab­ge­baut. Wer sei­ne Un­ter­la­gen voll­stän­dig ha­be und die­se vor­ab per E-Mail ein­rei­che, wer­de von der War­te­lis­te ge­nom­men und be­kom­me ei­nen zeit­na­hen Ter­min.

An­ders als im Li­ba­non ar­bei­te­ten die deut­schen Di­plo­ma­ten in der Tür­kei mit dem ex­ter­nen Di­enst­leis­ter iDa­ta zu­sam­men, des­sen Mit­ar­bei­ter aber kei­nen Ein­fluss auf das au­to­ma­ti­sier­te Ter­min-Bu­chungs­ver­fah­ren neh­men könn­ten. Weil auch hier die Ka­pa­zi­tät aus­ge­baut wor­den sei, könn­ten An­trag­stel­ler be­reits be­ste­hen­de Ter­mi­ne kos­ten­los auf ein frü­he­res Da­tum um­bu­chen. „Wir war­nen aus­drück­lich vor dem Kauf ge­fälsch­ter Ter­min­bu­chun­gen“, un­ter­streicht das Aus­wär­ti­ge Amt. Und es ver­weist dar­auf, dass ge­buch­te Ter­mi­ne auch nicht auf an­de­re Per­so­nen um­ge­schrie­ben wer­den könn­ten. Nur mit der an­ge­ge­be­nen Pass­num­mer er­fol­ge der Ein­lass zur Vi­sa­s­tel­le.

FOTO: HANS-JÜR­GEN BAU­ER

Zwei Sy­rer be­rich­ten von du­bio­sen Ter­min­ge­schäf­ten an deut­schen Kon­su­la­ten in der Tür­kei und im Li­ba­non. Sie wol­len an­onym blei­ben.

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