WAN­DA Die neu­en Kö­ni­ge des Gos­sen­rock

Rheinische Post Goch - - BLICKPUNKT KULTUR - VON STE­FAN PE­TER­MANN

Fünf Ös­ter­rei­cher in spe­cki­gen Le­der­ja­cken und of­fen ge­tra­ge­nen wei­ßen Hem­den sind die un­wahr­schein­lichs­ten Rock­stars, die man sich vor­stel­len kann. Wan­da hei­ßen sie und spie­len Mu­sik, die Ro­man­tik, Rausch und das wil­de Le­ben fei­ert.

Wels, Ober­ös­ter­reich, April 2015: Wan­da spie­len im seit Wo­chen aus­ver­kauf­ten al­ten Schlacht­hof. Die Be­su­cher sind teil­wei­se vie­le hun­dert Ki­lo­me­ter ge­reist, um die Band der St­un­de zu er­le­ben. Seit Mo­na­ten steht ihr De­büt­al­bum „Amo­re“in den Top Fünf der ös­ter­rei­chi­schen Charts. Al­le re­den von Wan­da und ih­rem ko­me­ten­haf­ten Auf­stieg. Es ist lan­ge her, dass ei­ne ös­ter­rei­chi­sche Gi­tar­ren­band im ei­ge­nen Land ei­ne solch flä­chen­de­cken­de Eu­pho­rie ent­facht hat.

Wan­da be­zeich­nen sich selbst als „Scha­ma­nen“, bei de­nen es um „Le­ben

und Tod“geht

Das Kon­zert wird zum Tri­umph. Rau­chend und mit Weiß­wein­glä­sern in der Hand schlur­fen die fünf Wie­ner auf die Büh­ne. Die Zu­schau­er skan­die­ren „Amo­re!“, Zei­len, die aus dem be­kann­tes­ten Stück der Band, „Bo­lo­gna“, stam­men. Sän­ger Mar­co Micha­el Wan­da di­ri­giert die Mas­se, er schreit ih­nen Lie­be ent­ge­gen, ei­ne Art räu­di­ge Ro­man­tik, an­ge­trun­ken, die Hand im­mer na­he am Schritt. Mehr­mals nimmt er ein Bad in der Men­ge, ent­le­digt sich da­bei auf wun­der­sa­me Wei­se sei­nes wei­ßen Hem­des, so dass er die brau- ne Wild­le­der­ja­cke nun auf der nack­ten Haut trägt.

Wer der Band beim Mu­sik­ma­chen zu­sieht, dem fal­len schnell die bei­den ty­pi­schen Wan­da-Mo­ves auf. Ei­ner ist das Um­ar­men. Oft und wie selbst­ver­ständ­lich schön lie­gen sich die Fünf in den Ar­men. Sie fas­sen sich an, als wür­den sie die ver­lo­re­ne Kunst der freund­schaft­li­chen Män­ner­be­rüh­rung wie­der­be­le­ben wol­len. Das an­de­re Cha­rak­te­ris­ti­sche ist der schnel­le Be­cken­stoß nach vorn; ei­ne za­ckig aus­ge­führ­te Beischlaf­be­we­gung in Rich­tung der Kon­zert­be­su­cher. Koi­tus und Freund­schaft. Zwi­schen die­sen bei­den Po­len be­wegt sich das Welt­bild Wan­das.

In Deutsch­land sind sie zu die­sem Zeit­punkt noch ein Ge­heim­tipp. Zwar taucht „Amo­re“in ei­ni­gen Jah­res­bes­ten­lis­ten auf, doch wird die Band hier­zu­lan­de eher un­gläu­big wie ein ku­ri­os an­mu­ten­des Tier be­staunt. Rock aus Ös­ter­reich, der den Zeit­geist trifft; das kann nicht sein. Die au­ßer­or­dent­li­che Auf­merk­sam­keit bleibt aus. Nicht mal ein hal­bes Jahr spä­ter ist das an­ders. Wan­da ha­ben bei der größ­ten Plat­ten­fir­ma der Welt an­ge­heu­ert, Fach­ma­ga­zi­ne wie Feuille­tons schrei­ben lan­ge Lo­bes­hym­nen auf sie, die Kon­zer­te sind aus­ver­kauft, das neue Al­bum „Bus­si“geht di­rekt auf Platz Fünf der Charts. Die Be­geis­te­rung hat nun auch Deutsch­land er­reicht.

Das ist kein Zu­fall. Schon seit ei­ni­ger Zeit bro­delt es in Ös­ter­reichs Mu­sik­land­schaft. Da sind Ja, Pa­nik und ihr po­li­ti­scher Dis­kurs­rock. Der Ni­no aus Wi­en mit sei­nem Lie­der­zy­klus „Bäu­me“und „Träu­me“. Die ar­ti­fi­zi­el­le Band Mons­ter­he­art. Bil­der­buch, die ei­ne Art he­do­nis­ti­schen HipHop ma­chen. Und eben die selbst­er­nann­ten Striz­zi­ro­cker Wan­da; Striz­zi kann so­wohl Strolch wie auch Zu­häl­ter be­deu­ten. Wo Bil­der­buch mehr­deu­tig über Kon­sum­gü­ter sin­gen, blei­ben Wan­da bo­den­stän­dig bei Bier und Ge­fühl. Als ehr­lich ka­put­te Ty­pen wer­den sie gern be­schrie­ben, be­zeich­nen sich selbst als „Scha­ma­nen“, bei de­nen es um „Le­ben und Tod“geht, un­wahr- schein­li­che Rock­stars mit Stra­ßen­kö­te­rat­ti­tü­de.

Bei all den ge­öff­ne­ten Hem­den, dem dich­ten Brust­haar, dem aus­ge­schwitz­ten Tes­to­ste­ron, Sät­zen wie „Nimm Sie wenn du glaubst dass du’s brauchst, steck Sie ein mit 20 Cent“er­war­tet man – es ist 2015 – ein zwei­te Ebe­ne. Doch im­mer, wenn der Po­se und Über­trei­bung ein Au­gen­zwin­kern fol­gen müss­te, kommt statt­des­sen der schnel­le Be­cken­stoß nach vorn. Die Ver­mu­tung liegt nah, dass Wan­da eins zu eins statt­fin­den, dass sie Kli­schees nicht bre­chen, son­dern le­ben. Und ge­nau da­für ge­liebt wer­den.

Da­zu kommt die Mu­sik, die haar­scharf an der Gren­ze zum Mug­ger­tum vor­bei­schrammt. Die mür­ben Riffs, der Ein­satz des Schlag­zeugs, die Gi­tar­ren­so­li zwi­schen zwei­ten und drit­ten Re­frain wir­ken er­staun­lich kon­ser­va­tiv, fast rück­wärts­ge­wandt. Er­lebt durch Wan­da, die sich nach ei­ner be­kann­ten Wie­ner Zu­häl­te­rin be­nannt ha­ben, der Aus­tro- pop der 80er Jah­re ein Re­vi­val?

All das ist ei­ne Fra­ge der Per­spek­ti­ve. Was dem ei­nen alt­ba­cken scheint, ist dem an­de­ren ein Stil, der sich jahr­zehn­te­lang be­währt hat. So lässt sich über Wan­da ganz her­vor­ra­gend strei­ten. Man kann er­staunt fra­gen, ob das wirk­lich der neue hei­ße Scheiß sein soll. Und man kann läs­sig ant­wor­ten, dass Rock schon im­mer so ge­we­sen ist und nie mehr woll­te, als den Hüft­schwung mu­si­ka­lisch zu un­ter­ma­len. Und dass Wan­da die neue, ös­ter­rei­chi­sche In­kar­na­ti­on da­von sind.

FOTO: UNI­VER­SAL

Wan­da be­le­ben die ver­lo­re­ne Kunst der Män­ner­freund­schaft und der da­zu­ge­hö­ri­gen Ges­ten wie­der.

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