REI­SE&WELT

Rheinische Post Goch - - DAS VERFLUCHTE PARADIES - VON COR­NE­LIA HÖHLING

Ob­wohl im Herbst die Ost­see­strän­de lang­sam ver­wai­sen, herrscht in Vor­pom­mern Hoch­sai­son. Tau­sen­de Kra­ni­che und an­de­re Zug­vö­gel ras­ten auf den ab­ge­ern­te­ten Mais- und Ge­trei­de­fel­dern, um sich für ih­re Rei­se in den war­men Sü­den zu stär­ken. Das un­ver­gleich­li­che Na­tur­schau­spiel lockt nicht nur Vo­gel­lieb­ha­ber und Na­tur­freun­de in den seit 2011 be­ste­hen­den Na­tur­park Fluss­land­schaft Pe­e­ne­tal, ei­nes der größ­ten zu­sam­men­hän­gen­den Nie­der­moor­ge­bie­te Mit­tel- und We­st­eu­ro­pas.

Un­ter fach­kun­di­ger Be­glei­tung geht es bis in den No­vem­ber hin­ein auf Kra­nich­wan­de­run­gen. „Bei uns fin­den die ‚Vö­gel des Glücks‘ idea­le Be­din­gun­gen“, sagt Na­tur- und Wan­der­füh­rer Gün­ther Hoff­mann. Vor al­lem die Flach­ge­wäs­ser bie­ten den Kra­ni­chen gu­te Über­nach­tungs­mög­lich­kei­ten. Wenn die un­ter­ge­hen­de Son­ne die Land­schaft in ro­tes Licht taucht, kom­men mit den vor­bei­zie­hen­den ro­sa Wölk­chen plötz­lich un­ter lau­tem Ge­schrei gro­ße Scha­ren der lang­hal­si­gen Vö­gel aus al­len Rich­tun­gen von ih­ren zehn bis 15 Ki­lo­me­ter ent­fern­ten Fut­ter­stel­len zu den Schlaf­plät­zen.

Ein gu­ter Aus­gangs­punkt für Ent­de­ckungs­tou­ren ist ne­ben der Netz­werk­zen­tra­le „Aben­teu­er Fluss­land­schaft“in An­klam die Na­tur­park­sta­tion mit an­ge­glie­der­tem Mu­se­um in dem et­wa zehn Ki­lo­me­ter west­lich ge­le­ge­nen Stol­pe. Ein ge­schichts­träch­ti­ger Ort in­mit­ten ein­drucks­vol­ler Na­tur. Da gibt es nicht nur ein zum Ho­tel um­ge­bau­tes Guts­haus aus dem 19. Jahr­hun­dert. Rui­nen kün­den vom 1153 ge­grün­de­ten ers­ten Klos­ter Vor­pom­merns, das bis 1637 be­stand, und die War­tislaw­kir­che er­in­nert an den pom­mer­schen Her­zog, der im 12. Jahr­hun­dert die Chris­tia­ni­sie­rung sei­nes Lan­des för­der­te und des­halb den Mär­ty­rer­tod starb.

Am über 300 Jah­re al­ten „Stol­per Fähr­krug“holt bei Be­darf der Fähr­mann im­mer noch über die Pee­ne, die lan­ge Zeit Grenz­fluss zu Schwe­disch-Pom­mern war. Gleich da­ne­ben ein klei­ner Jacht­ha­fen: Bei ei­ner um­welt­freund­li­chen So­lar­boot­sa­fa­ri auf der Pee­ne, we­gen der sie um­ge­ben­den Mo­or­land­schaft und der Bio­to­pe lie­be­voll als „Ama­zo­nas des Nor­dens“be­zeich­net, macht Frank Götz auf Sil­ber­rei­her, Kor­mo­ra­ne und die drei hei­mi­schen Ad­ler – Fi­sch­ad­ler, See­ad­ler und Schrei­ad­ler – auf­merk­sam.

Im Pe­e­ne­tal le­ben et­wa 80 Pro­zent al­ler bis­her in Meck­len­burg-Vor­pom­mern er­fass­ten 165 Brut­vo­gel­ar­ten, wo­von bei­na­he je­de zwei­te als ge­fähr­det gel­te, be­rich­tet der Tour­be- treu­er. Un­gläu­bi­ges Kopf­schüt­teln in der Run­de, als Götz das äu­ßerst ge­rin­ge Ge­fäl­le der Pee­ne er­wähnt – le­dig­lich 25 Zen­ti­me­ter auf ih­ren 83 Ki­lo­me­tern vom Kum­me­ro­wer See bis zur Mün­dung in den Pee­ne­strom, al­so drei Mil­li­me­ter pro Ki­lo­me­ter. Bei Ost­wind flie­ße sie des­halb „berg­auf“, was ins­be­son­de­re Padd­ler und an­de­re Was­ser­wan­de­rer zu spü­ren be­kä­men, sagt Götz. Be­liebt bei Was­ser­sport­lern sei ins­be­son­de­re der Fluss­ab­schnitt zwi­schen den Han­se­städ­ten Dem­min und An­klam.

Ziel­si­cher steu­ert er in die Nä­he ei­ner Bi­ber­burg am Ufer. Nicht im­mer las­se sich der Bi­ber se­hen, aber die Spu­ren des au­ßer­ge­wöhn­li­chen Bau­meis­ters und Land­schafts­ge­stal­ters fin­det man über­all. Auch den Fi­schot­ter gibt es wie­der.

Die Mün­dung des Flus­ses in den Pee­ne­strom liegt nur we­ni­ge Ki­lo­me­ter öst­lich von An­klam, einst Han­se­stadt und jetzt „Tor zur Son­nen­in­sel Use­dom“. Die Be­ob­ach­tung der Stör­che beim Flie­gen in der Nie­de­rung der Pee­ne vor den To­ren sei­ner Ge­burts­stadt war die Grund­la­ge für Ot­to Li­li­ent­hals (1848-1896) ei­ge­ne Flug­ver­su­che.

Sein ers­ter Flug ge­lang ihm 1891, wes­halb im nächs­ten Jahr auf 125 Jah­re Luft­fahrt zu­rück­ge­blickt wird. Rund 2000 sol­cher Flü­ge, fo­to­gra­fisch fest­ge­hal­ten, ab­sol­vier­te der Flug­pio­nier, bis er töd­lich ver­un­glück­te, er­zählt Bernd Lu­kasch, Lei­ter des Ot­to-Li­li­en­thal-Mu­se­ums.

Am über 300 Jah­re

al­ten „Stol­per Fähr­krug“holt der Fähr­mann im­mer noch über die Pee­ne

FOTO: TOU­RIS­MUS­VER­BAND VOR­POM­MERN

Im Pe­e­ne­tal le­ben et­wa 80 Pro­zent al­ler bis­her in Meck­len­burg-Vor­pom­mern er­fass­ten 165 Brut­vo­gel­ar­ten. Je­de zwei­te ist ge­fähr­det.

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