„Die psy­chi­sche Be­las­tung wird stei­gen“

Rheinische Post Goch - - DIE TIERWELT - MAR­KUS WASCH FÜHR­TE DAS IN­TER­VIEW

Der Düs­sel­dor­fer Zu­kunfts­psy­cho­lo­ge Tho­mas Druy­en pro­gnos­ti­ziert, dass sich der Ar­beits­markt in den nächs­ten Jah­ren ex­trem ver­än­dern wird. Vor­be­rei­tung sei für die nächs­te Ge­ne­ra­ti­on wich­tig.

Wie hat sich die Ar­beits­welt in den zu­rück­lie­gen­den Jah­ren ent­wi­ckelt und was steht uns noch be­vor? DRUY­EN Die Men­schen müs­sen in ih­rem Ar­beits­le­ben Ton­nen von Fak­ten und Wis­sen im­mer schnel­ler ver­ar­bei­ten. Meis­tens wird nur noch vom Pro­blem zur Lö­sung ge­dacht. Wie im Hams­ter­rad – in den Un­ter­neh­men, aber auch von je­dem Ein­zel­nen. Die Men­schen sind über­for­dert, sie re­agie­ren emo­tio­nal und kurz­sich­tig. Es fehlt ei­ne nach­voll­zieh­ba­re Per­spek­ti­ve. Und in Zu­kunft? DRUY­EN Ein­fach nur im­mer mehr Wis­sen an­zu­häu­fen, wird künf­tig nicht hel­fen. Fle­xi­bi­li­tät ist wich­tig: Frü­her hat man ei­nen Job sein gan­zes Le­ben lang ge­macht. Die Ge­ne­ra­ti­on der 15- bis 25-Jäh­ri­gen hat ei­ne so lan­ge Le­bens­ar­beits­zeit vor sich, wie kei­ne an­de­re zu­vor. Früh in Ren­te zu ge­hen, wird sich dann kei­ner mehr leis­ten kön­nen. Des­halb sind wäh­rend ei­nes Ar­beits­le­bens meh­re­re und un­ter­schied­li­che Jobs wahr­schein­lich. Auch das The­ma Homeoffice wird ei­ne wich­ti­ge Rol­le spie­len. Die Her­aus­for­de­rung ist, das pri­va­te mit dem be­ruf­li­chen Um­feld zu ver­bin­den. Wel­che Kom­pe­ten­zen braucht der Ar­beit­neh­mer von mor­gen, um be­ste­hen zu kön­nen? DRUY­EN Vor al­lem im di­gi­ta­len Be­reich. In und mit die­sem Seg­ment wer­den Jobs ent­ste­hen, die wir uns heu­te noch gar nicht vor­stel­len kön­nen. Aber es wird doch wei­ter­hin hand­werk­li­che Be­ru­fe ge­ben. DRUY­EN Na­tür­lich und sie wer­den ei­ne gro­ße Be­deu­tung ha­ben. Der In­stal­la­teur oder der Elek­tri­ker sind vor­erst un­ver­zicht­bar. Aber die psy­chi­sche Be­las­tung wird bei al­len Be­ru­fen an­stei­gen. Der An­spruch an tech­ni­sche Ar­beit wird noch an­spruchs­vol­ler. Ar­beit­neh­mer, die da­ge­gen wei­ter­hin Tä­tig­kei­ten aus­üben, die kör­per­li­chen Ein­satz er­for­dern, müs­sen im Al­ter fle­xi­bel sein. Ein Mau­rer zum Bei­spiel, der mit 50 Jah­ren sei­nem er­lern­ten Be­ruf auf­grund ge­sund­heit­li­cher Schwie­rig­kei­ten nicht mehr nach­ge­hen kann, wird künf­tig um­schu­len und ei­ne zwei­te Lauf­bahn et­wa in der Pfle­ge ein­schla­gen müs­sen. In dem Al­ter wird es künf­ti­gen Ge­ne­ra­tio­nen nicht mög­lich sein, in Ren­te zu ge­hen. Schon jetzt be­schäf­tigt der Fach­kräf­te­man­gel vie­le Un­ter­neh­men. Wie wird sich die­ses Pro­blem wei­ter­ent­wi­ckeln? DRUY­EN Auf­grund des de­mo­gra­fi­schen Wan­dels gibt es bei uns im­mer we­ni­ger jun­ge Leu­te. Das be­deu­tet, ih­re Wer­tig­keit für den Ar­beits­markt steigt. Gut aus­ge­bil­de­te Be­rufs­ein­stei­ger kön­nen sich ih­ren Job qua­si aus­su­chen. Die In­ter­na­tio­na­li­sie­rung nimmt we­gen des feh­len­den Per­so­nals wei­ter zu. Doch die Un­ter­neh­men müs­sen um po­ten­zi­el­le Mit­ar­bei­ter wer­ben. In die­sem Zu­sam­men­hang ist auch die Re­pu­ta­ti­on des ge­sam­ten deut­schen Ar­beits­mark­tes ein ent­schei­den­der Fak­tor. Wel­che Rol­le kön­nen die vie­len Flücht­lin­ge spie­len, die der­zeit nach Deutsch­land kom­men? DRUY­EN Die­je­ni­gen un­ter ih­nen, die über ei­ne gu­te Aus­bil­dung und Be­rufs­er­fah­rung ver­fü­gen, müs­sen so schnell wie mög­lich tä­tig wer­den dür­fen. Grund­sätz­lich aber ist das Er­ler­nen un­se­rer Spra­che voll­kom­men un­ver­zicht­bar und die Vor­aus­set­zung al­ler gu­ten Über­le­gun­gen. Wie kön­nen sich jun­ge Men­schen ge­ne­rell auf die künf­ti­gen An­for­de­run­gen der Ar­beits­welt vor­be­rei­ten? DRUY­EN Die Welt um uns her­um dreht sich im­mer schnel­ler. Wir müs­sen nach­le­gen, un­ser Hirn schnel­ler ma­chen. Wir müs­sen un­se­ren Geist trai­nie- ren. Das ist wie im Fit­ness­stu­dio – nur für das Ge­hirn. Die Selbst­steue­rung ist wich­tig. Man muss mit Rück­schlä­gen oder Über­ra­schun­gen um­ge­hen. Das ist ent­schei­dend. Und an die­sem Punkt set­zen Sie auch mit ih­rem In­sti­tut an? DRUY­EN Wir er­ar­bei­ten Kon­zep­te, um bes­ser mit Zu­kunfts­ge­stal­tung und Prä­ven­ti­on um­zu­ge­hen. Der Mensch han­delt meis­tens erst, wenn es zu spät ist. Das müs­sen wir än­dern und Lö­sun­gen an­bie­ten, um das zu trai­nie­ren. Wir un­ter­su­chen zum Bei­spiel, war­um be- stimm­te vor­her­seh­ba­re Ent­wick­lun­gen wie die enor­me Le­bens­ver­län­ge­rung über Jahr­zehn­te igno­riert wur­den und ver­nünf­ti­ges Han­deln aus­blieb. Wir nen­nen das Zu­kunfts­dumm­heit. Uns stellt sich die Fra­ge, wie Zu­kunft im Hirn ent­steht und wie man in­tel­li­gent vor­aus­pla­nen kann. Wir brau­chen un­be­dingt ei­ne er­lern­ba­re Zu­kunfts­kom­pe­tenz. Wenn be­stimm­te Si­tua­tio­nen im Kopf be­reits durch­ge­spielt wur­den, re­agiert man bes­ser, wenn sie ein­tre­ten.

FOTO: MICHA­EL LÜB­KE

In­sti­tuts­lei­ter Prof. Tho­mas Druy­en geht da­von aus, dass durch die Di­gi­ta­li­sie­rung in den nächs­ten Jah­ren Jobs ent­ste­hen, die wir uns heu­te noch nicht vor­stel­len kön­nen.

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