Kas­sen müs­sen auch Un­ver­si­cher­ten Krebs­the­ra­pie zah­len

Rheinische Post Goch - - POLITIK - VON DA­NA SCHÜL­BE

Ein frü­he­rer Pi­ra­ten­po­li­ti­ker hat Krebs und bit­tet im Netz um Geld, weil er nicht ver­si­chert ist. Da­bei ist ei­ne Not­fall­ver­sor­gung Pflicht.

DÜSSELDORF Sein Hil­fe­ruf ist ein sehr per­sön­li­ches Vi­deo, dass der frü­he­re Ham­bur­ger Pi­ra­ten­po­li­ti­ker Clau­di­us Hol­ler ges­tern ins Netz ge­stellt hat. Dar­in er­zählt er von sei­ner Dia­gno­se Ho­den­krebs und dass er nicht kran­ken­ver­si­chert sei, weil er es sich zu­letzt nicht mehr leis­ten konn­te. Er bit­tet um Hil­fe, weil ho­he Kos­ten auf ihn zu­kä­men. „Geld, das ich aktuell nicht ha­be.“Aber wie ist das in Deutsch­land ei­gent­lich mög­lich? Hier­zu­lan­de be­steht – rein recht­lich zu­min­dest – ei­ne Pflicht zur Kran- ken­ver­si­che­rung. Seit 2007 gilt die­se für die ge­setz­li­che, seit 2009 für die pri­va­te Kran­ken­ver­si­che­rung. Prak­tisch ist es aber durch­aus mög­lich, dass man nicht ver­si­chert ist – „wenn sich der Nicht­ver­si­cher­te nicht bei ei­ner ge­setz­li­chen Kas­se oder ei­ner pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung an­mel­det“, er­klärt Flo­ri­an Lanz, Spre­cher des Spit­zen­ver­ban­des der ge­setz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung (GKV). Wie vie­le Men­schen sind da­von be­trof­fen? Die Bun­des­re­gie­rung nann­te im Jahr 2014 ei­ne Zahl von rund 80.000 Be­trof­fe­nen, die nicht ver­si­chert sind. Die Zahl dürf­te aber weit­aus hö­her lie­gen, weil Ob­dach­lo­se und il­le­ga­le Ein­wan­de­rer in die­ser Sta­tis­tik gar nicht er­fasst wer­den. Kann ei­ne Kran­ken­kas­se Ver­si­cher­te raus­wer­fen, wenn sie ih­re Bei­trä­ge nicht zah­len? Nein, sagt Björn Gat­zer, Be­ra­ter für Kran­ken­ver­si­che­rungs- und Ge­sund­heits­fra­gen bei der Ver­brau­cher­zen­tra­le Ba­den-Würt­tem­berg. „Nach der letz­ten Ge­sund­heits­re­form dür­fen Kran­ken­kas­sen nie­man­den raus­schmei­ßen.“Laut Gat­zer sei­en die­se Men­schen nach wie vor ver­si­chert – „al­ler­dings auf ei­nem sehr nied­ri­gen Ni­veau“. So wie Hol­ler sei­nen Fall in dem Youtu­beVi­deo dar­stellt, dürf­te auch er in die­se Ka­te­go­rie fal­len. Denn ver­si­chert war er, konn­te nur die Bei­trä­ge ir­gend­wann nicht mehr zah­len. Was pas­siert, wenn ein Ver­si­cher­ter sei­ne Bei­trä­ge nicht mehr be­zahlt? „Die Kran­ken­kas­sen müs­sen ei­ne Not­fall­ver­sor­gung an­bie­ten“, er­klärt Gat­zer. Das gilt so­wohl für die ge­setz­li­che als auch für die pri­va­te Kran­ken­kas­se. Die­se Not­fall­ver­sor­gung um­fas­se un­ter an­de­rem aku­te Krank­hei­ten, Schmerz­be­hand­lung und gel­te für Schwan­ge­re und jun­ge Müt­ter. Was al­les dar­un­ter fällt, le­ge aber je­de Kran­ken­kas­se selbst fest. Wie sieht das in der Pra­xis aus? Kommt man in die­sen Sta­tus, wird laut Gat­zer die Ge­sund­heits­kar­te ein­ge­zo­gen. „Man muss sich für je­den Arzt­be­such ei­ne Ver­si­che­rungs­be­schei­ni­gung ge­ben las­sen“, sagt er. Und dann prü­fe die Kas­se ge­nau, ob es sich um ei­ne aku­te Er­kran­kung han­de­le. Ab­wei­sen kön­ne ei­nen ein Arzt in den meis­ten Fäl­len nicht. Oh­ne Ver­si­che­rungs­schutz dürf­te dann aber schnell ei­ne Pri­vat­rech­nung ge­stellt wer­den. Was ist mit Krebs­be­hand­lun­gen? Da ge­hen die Mei­nun­gen et­was aus­ein­an­der. So sagt GKV-Spre­cher Lanz: „Dass je­mand, der bei ei­ner ge­setz­li­chen Kran­ken­kas­se ver­si­chert ist, ei­ne not­wen­di­ge Krebs­be­hand­lung nicht be­kommt, hal­te ich für aus­ge­schlos­sen.“Auch beim AOK-Bun­des­ver­band heißt es, dass bei aku­ten und le­bens­be­droh­li­chen Krank­hei­ten die Kos­ten über­nom­men wer­den, „und Krebs ist le­bens­be­droh­lich“, sagt AOK-Spre­cher Kai Beh­rens. Ver­brau­cher­schüt­zer Gat­zer ist da vor­sich­ti­ger: Ei­ne Krebs­er­kran­kung kön­ne sich lan­ge hin­zie­hen, und so­lan­ge noch kei­ne le­bens­be­droh­li­che Si­tua­ti­on be­ste­he, kön­ne es durch­aus sein, dass ei­ne Kas­se dies nicht in die Not­fall­ver­sor­gung ein­schlie­ße.

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