Um­strit­te­ner Frei­spruch für den Kriegs­trei­ber

Rheinische Post Goch - - POLITIK - VON RU­DOLF GRU­BER

Das Ur­teil über Vo­jis­lav Se­selj stößt bei den Op­fern der Bal­kan­krie­ge auf hel­le Em­pö­rung und bei Be­ob­ach­tern auf Kopf­schüt­teln.

DEN HAAG „Vo­jis­lav Se­selj ist ein frei­er Mann“, sag­te der Vor­sit­zen­de Rich­ter Je­an Clau­de An­to­net­ti ges­tern un­miss­ver­ständ­lich. Doch wie das Ge­richt zu dem Frei­spruch kam, ist we­ni­ger klar: Fest steht nur, dass der mehr­köp­fi­ge Se­nat über das Ur­teil ge­teil­ter An­sicht war und die Mehr­heit für Frei­spruch plä­dier­te. Dem ser­bi­schen Ex-War­lord hät­ten in al­len neun An­kla­ge­punk­ten kein Kriegs­ver­bre­chen und Ver­bre­chen ge­gen die Men­sch­lich­keit nach­ge­wie­sen wer­den kön­nen. Die An­kla­ge, die 28 Jah­re für Se­selj ge­for­dert hat­te, wur­de vom Vor­sit­zen­den Rich­ter de­mons­tra­tiv als un­pro­fes­sio­nell ab­ge­kan­zelt.

Die Ur­teils­be­grün­dung ist stel­len­wei­se ge­wun­den for­mu­liert. So heißt es: „Die Pro­pa­gan­da ei­ner na­tio­na­lis­ti­schen Ideo­lo­gie ist nicht kri­mi­nell, son­dern po­li­tisch“. Doch das be­deu­te nicht, dass aus na­tio­na­lis­ti­schen Mo­ti­ven kei­ne Kriegs­ver­bre­chen be­gan­gen wor­den sei­en. Es gä­be aber auch „ver­nünf­ti­ge Grün­de“an­zu­neh­men, dass ei­ne Frei­wil­li­gen­trup­pe auch ein­ge­setzt wor­den sei, um „Zi­vi­lis­ten zu schüt­zen“. Bos­nia­ken und Kroa­ten, Se­sel­js er­klär­te „Fein­de Ser­bi­ens“, kön­nen da­mit nicht ge­meint sein, denn die lit­ten nach­weis­lich un­ter den „Se­sel­je­vci“, wo im­mer sie wü­te­ten. Die Haa­ger Rich­ter spra­chen Se­selj auch von po­li­ti­scher Ver­ant­wor­tung frei. Sei­ne „Frei­wil­li­gen“sei­en zwar an Kriegs­ver­bre­chen be­tei­ligt ge­we­sen, doch hät­ten die­se nicht sei­nem Be­fehl, son­dern dem der Ar­mee un­ter­stan­den. Das stimmt nicht ein­mal for­mal, maß­geb­li­che In­stanz zur Steue­rung pa­ra­mi­li­tä­ri­scher Trupps war der ser­bi­sche Ge­heim­dienst, der sie auch mit Waf­fen ver- sorg­te. Zu­dem gibt es Zeu­gen­aus­sa­gen und un­zäh­li­ge Fern­seh­bil­der, die dem Ge­richt als Be­wei­se vor­lie­gen und die Se­selj An­fang der 90er Jah­re beim „Ein­satz“in Ost­kroa­ti­en und in Bos­ni­en zei­gen, wie er sei­ne Leu­te di­ri­giert und mit Hass­pa­ro­len auf­hetzt.

Ser­bi­ens da­ma­li­ger Prä­si­dent Slo­bo­dan Mi­lo­se­vic hat­te als Ober­be­fehls­ha­ber die pa­ra­mi­li­tä­ri­schen Ban­den die „Drecks­ar­beit“er­le­di­gen las­sen – sprich: Mor­de, Fol­ter, Ver­trei­bung –, da­mit das An­se­hen der Ar­mee nicht be­schmutzt wird. Hin­ter je­dem blu­ti­gen Schau­platz wa­ren Sol­da­ten der von Ser­bi­en do­mi­nier­ten Ju­go­sla­wi­schen Volks­ar­mee als „Ord­nungs­hü­ter“nach­ge­rückt. Und ganz oh­ne po­li­ti­sche Funk­ti­on war Se­selj auch nicht: Er war zeit­wei­lig Mi­lo­se­vics Ko­ali­ti­ons­part­ner, als Vi­ze­mi­nis­ter ge­hör­te er der Re­gie­rung an, und als ei­ne Art Chef­ideo­lo­ge für ein „Groß-Ser­bi­en“be­feu­er­te er maß­geb­lich den Hass ge­gen an­de­re Bal­kan­völ­ker.

Se­selj, der zur Ur­teils­ver­kün­dung aus „ge­sund­heit­li­chen Grün­den“nicht in Den Haag an­we­send sein muss­te, zeig­te sich nach dem Frei­spruch in ei­ner Pres­se­kon­fe­renz in Bel­grad hoch­zu­frie­den über „die eh­ren­wer­ten Rich­ter“. Frü­her be­schimpf­te er die Haa­ger Ju­ris­ten stets als „an­ti­ser­bi­sche, von den USA und dem Va­ti­kan ge­steu­er­te Ma­rio­net­ten“. In Ser­bi­en, wo am 25. April das Par­la­ment neu ge­wählt wird, ab­sol­viert der schwer krebs­kran­ke Se­selj Wahl­kämp­fe und ver­brennt auch ge­le­gent­lich EU-Fah­nen. Jetzt will er für den lan­gen Haft­auf­ent­halt 14 Mil­lio­nen Eu­ro Scha­den­er­satz ein­kla­gen. In Bos­ni­en und Kroa­ti­en stieß der Frei­spruch auf nack­tes Un­ver­ständ­nis. Der kroa­ti­sche Pre­mier­mi­nis­ter Ti- ho­mir Ores­ko­vic nennt das Ur­teil „ei­ne Schan­de und ei­ne Nie­der­la­ge für das Haa­ger Ge­richt“. Ores­ko­vic war am Tag des Ur­teils­spruchs ei­gens nach Vu­ko­var ge­reist, in die eins­ti­ge Front­stadt an der Do­nau, die 1991 von der ser­bi­schen Ar­mee in Trüm­mer ge­schos­sen und so zum Sym­bol für die Un­ab­hän­gig­keit Kroa­ti­ens wur­de. Im Wind­schat­ten der Sol­da­ten fie­len auch pa­ra­mi­li­tä­ri­sche Ban­den, dar­un­ter Se­sel­js „Tschet­niks“, in die Stadt ein und ter­ro­ri­sier­ten die kroa­ti­sche Zi­vil­be­völ­ke­rung. Na­he Vu­ko­var ge­schah ei­nes der größ­ten Ver­bre­chen der Ju­go­sla­wi­en­krie­ge, auf ei­ner Schwei­ne­farm wur­den rund 300 Men­schen kalt­blü­tig er­mor­det. Merk­wür­dig mu­tet auch an, war­um Se­selj elf Jah­re in Un­ter­su­chungs­haft ver­brin­gen muss­te. An­ge­sichts der schein­bar ein­deu­ti­gen Be­weis­la­ge für sei­nen Frei­spruch, wie sie Rich­ter An­to­net­ti ges­tern vor­trug, er­staunt es, dass das Ver­fah­ren – trotz tak­ti­scher Stör­ma­nö­ver Se­sel­js – so lan­ge dau­er­te.

Gab es auch an­de­re, po­li­ti­sche Grün­de für den Frei­spruch? Der­lei Ver­dacht kä­me nicht das ers­te Mal auf: So wur­de 2011 der kroa­ti­sche Ge­ne­ral An­te Go­to­vina in ers­ter In­stanz als Kriegs­ver­bre­cher zu 24 Jah­ren Ge­fäng­nis ver­ur­teilt, da­nach aber von ei­nem Be­ru­fungs­ge­richt von al­len An­kla­ge­punk­ten frei­ge­spro­chen. In Ser­bi­en kam es zu hef­ti­gen Pro­tes­ten, weil Go­to­vina die Nie­der­schla­gung der ser­bi­schen Re­bel­len­re­pu­blik „Kra­ji­na“1995 im kroa­ti­schen Küs­ten­hin­ter­land be­feh­lig­te. Da­bei wur­den rund 140.000 Ser­ben ge­walt­sam ver­trie­ben und ei­ni­ge hun­dert Zi­vi­lis­ten er­mor­det. Soll­te Ser­bi­en jetzt mit dem Frei­spruch Se­sel­js zu­frie­den­ge­stellt wer­den?

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