Hol­lan­des Fi­as­ko

Rheinische Post Goch - - POLITIK - VON CHRIS­TI­NE LON­GIN

Nach dem Ver­zicht auf die Ver­fas­sungs­re­form ist die Kri­tik am fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten ver­hee­rend.

PA­RIS „Fi­as­ko“, „Wa­ter­loo“, „Schiff­bruch“– als François Hol­lan­de ges­tern die Zei­tun­gen an­schau­te, schlug ihm ein ver­nich­ten­des Ur­teil ent­ge­gen. Der fran­zö­si­sche Prä­si­dent er­hielt die Quit­tung für sei­nen Ver­zicht auf die Ver­fas­sungs­re­form, die er als Re­ak­ti­on auf die An­schlä­ge vom 13. No­vem­ber selbst an­ge­sto­ßen hat­te. „Ich ha­be be­schlos­sen, die Ver­fas­sungs­de­bat­te zu be­en­den“, hat­te der So­zia­list am Mitt­woch­mit­tag im Ely­sée-Pa­last sein ei­ge­nes Schei­tern ver­kün­det.

Am 16. No­vem­ber hat­te Hol­lan­de ste­hen­den Ap­plaus von bei­den Kam­mern des Par­la­ments für sei­ne Plä­ne be­kom­men, den Aus­nah­me­zu­stand in der Ver­fas­sung fest­zu­schrei­ben und ver­ur­teil­ten Ter­ro­ris­ten die Staats­bür­ger­schaft ab­zu­er­ken­nen. Gut vier Mo­na­te spä­ter muss­te der Staats­chef sein Pro­jekt be­gra­ben. „Aber­ken­nung der Au­to­ri­tät“, ti­tel­te der kon­ser­va­ti­ve „Fi­ga­ro“zum Ver­lust der Durch­set­zungs­kraft des Prä­si­den­ten – vor al­lem in den ei­ge­nen Rei­hen.

Denn auch wenn Hol­lan­de den kon­ser­va­ti­ven Re­pu­bli­ka­nern von Ni­co­las Sar­ko­zy die Schuld an der Plei­te gab, brach­ten sei­ne So­zia­lis­ten selbst die Re­form zu Fall. Der lin­ke Par­tei­flü­gel sperr­te sich schnell ge­gen die Aus­bür­ge­rung von Ter­ro­ris­ten mit zwei Päs­sen, wie sie Hol­lan­de vor dem Kon­gress an­ge­kün­digt hat­te. Die Maß­nah­me dis­kri­mi­nie­re die Mil­lio­nen Ein­wan­de­rer mit dop­pel­ter Staats­bür­ger­schaft, kri­ti­sier­ten die Re­bel­len. De­ren Iko­ne, Jus­tiz­mi­nis­te­rin Chris­tia­ne Tau­bi­ra, ver­ließ aus Protest im Ja­nu­ar so­gar die Re­gie- rung. Ei­ne ei­ge­ne Mehr­heit für die Ver­fas­sungs­än­de­rung schien da­mit in wei­te Fer­ne ge­rückt.

Zwar schaff­te es ei­ne Kom­pro­miss­for­mel, die ei­ne Aber­ken­nung der Staats­bür­ger­schaft für al­le we­gen Ter­ro­ris­mus ver­ur­teil­ten Fran­zo­sen vor­sah, im Fe­bru­ar mit den Stim­men der kon­ser­va­ti­ven Op­po­si­ti­on durch die Na­tio­nal­ver­samm­lung. Doch die Re­pu­bli­ka­ner wa­ren in der Fra­ge fast ge­nau so zer­strit­ten wie die So­zia­lis­ten: Wäh­rend Par­tei­chef Sar­ko­zy das Pro­jekt von Hol­lan­de für gut be­fand, wand­te sich der frü­he­re Pre­mier­mi­nis­ter François Fil­lon da­ge­gen. Im Se­nat schrie­ben die Kon­ser­va­ti­ven den Text so um, dass die Aus­bür­ge­rung nur für Fran­zo­sen mit dop­pel­ter Na­tio­na­li­tät gilt. Für

François Hol­lan­de ei­ne Ver­fas­sungs­än­de­rung hät­ten bei­de Kam­mern des Par­la­ments al­ler­dings ge­nau den­sel­ben Text ver­ab­schie­den müs­sen – ein Sze­na­rio, das Hol­lan­de nicht mehr mög­lich schien. Der Prä­si­dent büßt mit der ge­schei­ter­ten Initia­ti­ve wei­ter an Po­pu­la­ri­tät ein.

Sein Rück­zie­her bei der Ver­fas­sungs­re­form macht je­nen Mut, die ge­gen ein zwei­tes Pro­jekt des Staats­chefs kämp­fen: die Re­form des Ar­beits­rechts. Zehn­tau­sen­de gin­gen ges­tern ge­gen das ge­plan­te Ge­setz von Ar­beits­mi­nis­te­rin My­ri­am el Khom­ri auf die Stra­ße, das be­triebs­be­ding­te Kün­di­gun­gen er­leich­tern und da­mit Ar­beit­ge­ber in Zei­ten der Re­kord­ar­beits­lo­sig­keit zu Ein­stel­lun­gen er­mu­ti­gen soll. „Hol­lan­de hat die Ver­fas­sungs­än­de­rung zu­rück­ge­zo­gen, war­um nicht auch das El-Khom­ri-Ge­setz“, sag­te der Chef der Ge­werk­schaft Force Ou­vriè­re, Je­an-Clau­de Mail­ly, kämp­fe­risch.

„Ich ha­be be­schlos­sen, die Ver­fas­sungs­de­bat­te

zu be­en­den“

Prä­si­dent

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