Gym­na­si­en zu­frie­den mit G9-Ver­such

Rheinische Post Goch - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON TAN­JA KAR­RASCH UND NICOLE SCHARFETTER

Die be­fris­te­te Schul­zeit­ver­län­ge­rung wird von der Ruhr-Uni Bochum wis­sen­schaft­lich be­glei­tet.

GOCH Noch ei­ne zu­sätz­li­che Trai­nings­ein­heit vor dem Ten­nis­tur­nier oder ei­ne Ein­zel­stun­de in der haus­ei­ge­nen Mu­sik­schu­le – die Schü­ler im Collegium Au­gus­ti­nia­num Ga­es­donck am Niederrhein kön­nen das An­ge­bot wahr­neh­men. Zum ei­nen, weil es die Schu­le ih­nen er­mög­licht, zum an­de­ren, weil die Schü­ler mehr Zeit ha­ben als an­ders­wo. Die­se Zeit hat­ten sie aber nicht im­mer.

Als die Lauf­bahn am Gym­na­si­um auf acht Jah­re ver­kürzt wur­de, brach die Teil­nah­me an au­ßer­schu­li­schen An­ge­bo­ten ein, Schü­ler­aus­tausch­pro­gram­me wa­ren plötz­lich we­ni­ger ge­fragt. „Wir hat­ten den Ein­druck, dass die Schü­ler sich nicht mehr ge­traut ha­ben, län­ger ins Aus­land zu ge­hen“, sagt Di­rek­tor Pe­ter Bro­eders. Das In­ter­nat am Niederrhein nutz­te 2011 die Chan­ce und be­warb sich für den G9-Schul­ver­such. Das Schul­lei­tungs­team ist da­mit sehr zu­frie­den: „G 9 passt in un­ser päd­ago­gi­sches Kon­zept des ganz­heit­li­chen Ler­nens.“Des­we­gen hat die Schu­le auch die Ver­län­ge­rung des Ver­suchs be­an­tragt: „Wir blei­ben ei­ne G9-Schu­le bis min­des- tens 2020. Wir hof­fen aber, dass sich bis da­hin die Rechts­la­ge än­dert – wir wür­den ger­ne wei­ter­ma­chen“, sagt Bro­eders Kol­le­gin, Ga­es­donckSchul­lei­te­rin Do­ris Mann.

Ob NRW beim Abitur nach acht Jah­ren Gym­na­si­um blei­ben oder zum neun­jäh­ri­gen Bil­dungs­gang zu­rück­keh­ren soll, ist ei­ner der größ­ten Streit­punk­te der Lan­des­po­li­tik. Das Schul­mi­nis­te­ri­um und die meis­ten Ver­bän­de sind ge­gen ei­ne Rol­le rück­wärts. Aber die G9-Schu­len ha­ben nach ei­ge­nen An­ga­ben vor al­lem gu­te Er­fah­run­gen ge­macht. Schul­lei­ter Paul Beh­rens­mey­er zum Bei­spiel vom Pe­ter-Pau­lRu­bens Gym­na­si­um in Sie­gen woll­te mit der Um­stel­lung auf G9 sei­nen Schü­lern vor al­lem „et­was Gu­tes“tun. „Sie ar­bei­ten ent­spann­ter, auch im all­ge­mei­nen Schul­kli­ma macht sich das be­merk­bar“, fin­det er. Am An­to­ni­us­kol­leg in Neun­kir­chenSeel­scheid las­sen sich die Un­ter­schie­de zwi­schen G8 und G9 be­son­ders gut be­ob­ach­ten. Dort wer­den bei­de Bil­dungs­gän­ge par­al­lel an­ge­bo­ten. „Bei G8 sind mehr Schü­ler über­for­dert“, sagt Schul­lei­ter Ger­hard Müller. Nach Aus­wer­tung der Grund­schul­zeug­nis­se rät er nur El­tern be­son­ders be­gab­ter Schü­ler, ih­re Kin­der für G8 an­zu­mel­den. Das Ge­schwis­ter-Schol­lGym­na­si­um in Müns­ter ent­schied sich für den Ver­such, um das Ler­nen zu ent­schleu­ni­gen: „Wir ha­ben mehr Zeit für Pro­jek­te und Wett­be­wer­be, Zeit und Raum zur För­de­rung so­zia­ler und kom­mu­ni­ka­ti­ver Kom­pe­ten­zen“, sagt Schul­lei­ter Ralf Cy­rus. Zu­dem sei­en die Ab­sol­ven­ten rei­fer. Der Vor­teil bei G9 sei die Zeit, die die Schü­ler ge­win­nen – fürs Ler­nen, aber auch für die Frei­zeit, sagt die Lei­te­rin des Gym­na­si­ums Bor­beck in Es­sen, Hei­ke Wald­brod­tDe­richs. Aber nicht nur die Schü­ler pro­fi­tie­ren: „Auch für die Kol­le­gen sind neun Jah­re Schul­zeit ent­spann­ter. Sie ha­ben mehr Zeit für Übun­gen, kön­nen auf Feh­ler ein­ge­hen und Pro­jek­te um­set­zen.“

Wis­sen­schaft­lich be­glei­tet wird der Ver­such von der Ruhr-Uni Bochum. Pro­fes­so­rin Grit in Brahm er­klärt: „Al­le Ak­teu­re zei­gen ei­ne sehr ho­he Zuf­rie­den­heit. Die Schü­ler ken­nen nur G9, aber sie füh­len sich sehr wohl und spü­ren kei­ne über­mä­ßi­ge Be­an­spru­chung. Al­ler­dings kann man nicht sa­gen, dass sie sich deut­lich woh­ler füh­len, als die Ver­gleichs­grup­pe von G8-Schü­lern.“Be­son­ders ge­spannt er­war­tet die For­scher­grup­pe die Un­ter­su­chun­gen des kom­men­den Jah­res, wenn der G9-Ver­suchs­jahr­gang in der zehn­ten Klas­se ist. Es ist das Jahr, das sie mehr ha­ben als G8-Schü­ler.

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