KURZKRITIKEN

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Xiu Xiu ver­to­nen Se­rie „Twin Peaks“neu Die Pet Shop Boys ma­chen wie­der P!O!P! Im Hams­ter­rad der Ver­ant­wor­tung

Kon­zert Xiu Xiu spie­len heute Abend in Duis­burg, und wer hin­ge­hen und hin­ter­her sei­nen Freun­den er­zäh­len möch­te, wie gut das war, will si­cher wis­sen, wie man Xiu Xiu aus­spricht: „Schu Schu“. Die Band aus Ka­li­for­ni­en macht Klang-Ex­pe­ri­men­te-Pop. Sie be­die­nen sich bei so ziem­lich al­lem, was die Po­phis­to­rie her­gibt: Syn­thies, Sphä­ren, Song­wri­ter-Gi­tar­ren und Ge­don­ner. Ja­mie Ste­wart ist der Kopf der Band und steu­ert sehr dra­ma­ti­schen Ge­sang bei. Nun hat die Band sich den Sound­track zu Da­vid Lynchs 26 Jah­re al­ter Fern­seh­se­rie „Twin Peaks“vor­ge­nom­men. Der Fil­me­ma­cher hat­te Xiu Xiu im ver­gan­ge­nen Jahr ge­be­ten, die Mu­sik an­läss­lich ei­ner Lynch-Re­tro­spek­ti­ve in Aus­tra­li­en neu zu in­ter­pre­tie­ren. Jetzt tourt die Band mit „Xiu Xiu Plays the Mu­sic of Twin Peaks“durch Eu­ro­pa und macht heute im Duis­bur­ger Gram­ma­ti­koff, Dell­platz 16 A, halt. Be­ginn ist um 20.30 Uhr. Der Ein­tritt kos­tet 18 Eu­ro. Klas Li­bu­da Pop-CD Lied fünf ist der Hit, das ist ei­nes der tolls­ten Stü­cke, das die Pet Shop Boys je pro­du­ziert ha­ben, es ge­hört auf die nächs­te „Best of“Plat­te. „The Dic­ta­tor De­ci­des“heißt es, und es ist ein Lied aus der Düs­ter-Dis­co, Elec­tro-Pop aus dem Kel­ler, Kraft­werk mit schwar­zem Plüsch-Tep­pich. Neil Tennant, der ja in­zwi­schen auch schon 61 Jah­re alt ist, er­zählt aus der Sicht ei­nes ein­sa­men Dik­ta­tors, der ei­gent­lich zu trau­rig ist zum Dik­tie­ren, und er lässt sich viel Zeit mit der ers­ten Stro­phe, weil er ja erst­mal in Ru­he die Au­gen öff­nen muss. Sei­ne Stim­me er­in­nert ein we­nig an die von Li­za Min­nel­li, der Herbst des Pa­tri­ar­chen ist an­ge­bro­chen. Chris Lo­we holt bö­se Beats aus sei­nem Lap­top, und am En­de hört man Stie­fel auf As­phalt tre­ten und Men­schen­mas­sen ru­fen, und da ahnt der Dik­ta­tor schon, dass es „so­o­ner or la­ter“zu En­de ge­hen könn­te. Ak­zen­tu­ie­rung und Aus­spra­che die­ses „so­o­ner or la­ter“sind da­bei 100 Pro­zent Pet Shop Boys; „so­o­ner or la­ter this hap­pens to ever­yo­ne“, hieß es 1986 in „Lo­ve Co­mes Quick­ly“, das könn­ten sie sich pa­ten­tie­ren las­sen. Das von Stuart Pri­ce (Ma­don­na, Kil­lers) pro­du­zier­te Al­bum „Su­per“hat über die vol­le Dis­tanz al­ler­dings nicht die Qua­li­tät die­ses Stücks. Die Pet Shop Boys fah­ren in den meis­ten Lie­dern Au­to­scoo­ter auf dem Buch In der Fa­mi­lie Haw­t­hor­ne ist Stress das sechs­te Fa­mi­li­en­mit­glied: Mut­ter No­ra flitzt zwi­schen Mak­ler­job und Er­zie­hung hin und her, beim Sex mit Mann Ga­be schaut sie schon mal auf die Uhr und über­legt, wie viel Schlaf ihr an­schlie­ßend noch bleibt. An­ge­la, ih­re Äl­tes­te, ra­ckert sich ab, da­mit sie es nach Har­vard schafft. Ce­ci­ly, die Mitt­le­re, schei­tert bei der Tanz-Auf­füh­rung, Nest­häk­chen Ma­ya ist sie­ben Jah­re und tut sich im­mer noch schwer mit dem Le­sen. No­ra fragt sich stän­dig: Was hät­te ich an­ders ma­chen müs­sen, da­mit die Kin­der leich­ter durchs Le­ben kom­men. Meg Mit­chell Moo­re ist mit „Ei­ne fast per­fek­te Fa­mi­lie“ein Buch ge­lun­gen, wel­ches das Le­ben vie­ler Fa­mi­li­en per­fekt be­schreibt. In die­sem Hams­ter­rad der stän­di­gen Ver­ant­wor­tung kom­men al­le Haw­t­hor­nes nach und nach aus dem Tritt. Das Buch be­leuch­tet die­ses Strau­cheln mit Hu­mor, Weis­heit und fei­nen Be­ob­ach­tun­gen, in de­nen sich vie­le El­tern ge­wiss wie­der­fin­den wer­den. Mar­ti­na Stö­cker Meg Mit­chell Moo­re: „Ei­ne fast per­fek­te Fa­mi­lie“. Broad­way, das ist in Werk­pha­sen ge­spro­chen na­he an „Very“aus dem Jahr 1993, eher Ver­sace als Jil San­der al­so, opu­lent statt pu­ris­tisch. Zu­meist klingt das nicht schlecht, „Pop Kids“und „In­ner Sanc­tum“sind Bei­spie­le da­für, aber oft ist es eben auch ziem­lich egal – wie bei „Twen­ty-So­me­thing“, das rutscht so durch. Wo­bei das Duo ei­ne je­ner Bands ist, de­nen man nichts übel neh­men kann, für de­ren un­ge­bro­che­ne Ak­ti­vi­tät man im Ge­gen­teil so­gar dank­bar ist. Wenn Neil Tennant zu ei­nem Re­frain an­hebt, muss man un­wei­ger­lich seuf­zen, vor al­lem dann, wenn man von ihm be­reits durch die 80er Jah­re ge­lei­tet wur­de. Seit da­mals er­klärt Tennant, was P!O!P! ist: das Ge­wöhn­li­che ver­klä­ren, die Schön­heit tri­via­li­sie­ren, den Un­ter­schied zwi­schen Ob­jekt und Um­ge­bung auf­he­ben und mit ei­nem Pin­sel­strich, ei­ner Me­lo­die oder ei­nem Vers das Ge­fühl von Ge­gen­wart aus­drü­cken. Die Pet Shop Boys sind zu­rück. Gu­te Nach­richt. Philipp Holstein

FO­TO: BLECKLEY

Ja­mie Ste­wart ist Sän­ger von Xiu Xiu.

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