Dem Hei­mat­ver­ein in Reichs­wal­de droht „Aus“

Rheinische Post Goch - - BLICKPUNKT KLEVE - VON MARC CATTELAENS

Wenn sich kei­ner fin­det, der sich im Vor­stand en­ga­giert, muss sich der Ver­ein nach fast 50 Jah­ren auf­lö­sen. Das wä­re im Kreis Kle­ve ein­ma­lig und hät­te Fol­gen: Das dörf­li­che Er­schei­nungs­bild wür­de sich än­dern.

KLE­VE-REICHS­WAL­DE Der 12. Mai könn­te für den Hei­mat­ver­ein Reichs­wal­de zum Schick­sals­tag wer­den. Dann tref­fen sich im Schüt­zen­haus die Mit­glie­der, um nach zwei Jah­ren ei­nen neu­en Vor­stand zu wäh­len. Das Pro­blem: Weit und breit ist kei­ner in Sicht, der be­reit wä­re, ein Amt zu über­neh­men.

„Vom al­ten Vor­stand ste­hen drei bis vier Per­so­nen nicht mehr zur Wahl“, sagt die ers­te Vor­sit­zen­de Hei­de Gold­berg. Drei von vier Per­so­nen – das sind drei Vier­tel des Vor­stands. Fin­den sich kei­ne Kan­di­da­ten für das Amt des ers­ten und zwei­ten Vor­sit­zen­den so­wie des Ge­schäfts­füh­rers, muss sich der Hei­mat­ver­ein wohl auf­lö­sen. Das Ver­eins­ver­mö­gen wür­de dann an die Stadt Kle­ve ge­hen, sagt Gold­berg.

Weit­rei­chen­de­re Fol­gen hät­te ei­ne Ver­ein­s­auf­lö­sung aber wohl für die Dorf­ge­mein­schaft. Denn die Ak­ti­vi­tä­ten des Ver­eins, dem 200 Haus­hal­te an­ge­hö­ren, sind viel­fäl­tig. Er er­stellt die zwei Mal jähr­lich er­schei­nen­de Dorf­zei­tung „Hal­lo Nach­bar – mach mit“und ver­teilt die­se. Je­des Jahr fei­ert der Hei­mat­ver­ein mit den Kin­dern und de­ren Fa­mi­li­en den „Reichs­wal­der Ad­vent“und en­ga­giert sich bei der Dorf­kir­mes, dem „Dreck-weg-Tag“und an­de­ren Ak­ti­vi­tä­ten. „Den Reichs­wal­der Ad­vent wird es nicht mehr ge­ben, wenn sich der Ver­ein auf­löst“, kün­digt Gold­berg an. Au­ßer­dem be­treibt der Hei­mat­ver­ein das Reichs­wal­der Archiv im Haus der Kir­che, des­sen Fort­füh­rung wä­re eben­falls in Ge­fahr.

Auch das Er­schei­nungs­bild des Dor­fes könn­te sich än­dern, gä­be es den Hei­mat­ver­ein nicht mehr. Die Mit­glie­der ha­ben den Brun­nen vor der Kir­che an­ge­schafft und küm­mern sich auch um des­sen Pfle­ge. Sie war­ten den Hei­mat­baum mit den vie­len Ver­eins­wap­pen und er­neu­ern re­gel­mä­ßig die Bän­ke vor der Kir­che. „Wer soll das denn über­neh­men, wenn es den Hei­mat­ver­ein

Hans-Gerd Kers­ten nicht mehr gibt“, fragt Hei­de Gold­berg. Sie kann sich gut vor­stel­len, dass die Stadt Kle­ve die­se dorf­prä­gen­den Ele­men­te ab­baut, wenn sich kei­ner mehr dar­um küm­mert und sie zu ver­fal­len dro­hen.

Dass Hei­mat­ver­ei­ne mit schwin­den­den Mit­glie­der­zah­len zu kämp­fen und Schwie­rig­kei­ten ha­ben, Vor­stands­mit­glie­der zu ge­win­nen, sei kein Ein­zel­fall, sagt Hans-Gerd Kers­ten, der Vor­sit­zen­de des Kreis­ver­bands Kle­ve für Hei­mat­pfle­ge. Da­bei han­delt es sich um den Dach­ver­band von 64 Hei­mat­ver­ei­nen im Kreis Kle­ve, de­nen ins­ge­samt 8000 Mit­glie­der an­ge­hö­ren. Al­ler­dings sei es bis­lang noch nie so weit ge­kom­men, dass sich ein Hei­mat­ver­ein auf­ge­löst hät­te, so Kers­ten. „Wir ken­nen die Pro­ble­me der Hei­mat- ver­ei­ne. Kei­ner ist be­reit, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men. In den Vor­stän­den sit­zen nur Grau­haa­ri­ge. Au­ßer­dem ist es heute wohl nicht mehr ge­fragt, Tra­di­tio­nen hoch­zu­hal­ten“, sagt Kers­ten. Je grö­ßer der Ort, des­to schwie­ri­ger sei es, ei­nen Hei­mat­ver­ein zu be­trei­ben. „Der Zu­sam­men­halt in den klei­nen Dör­fern ist viel hö­her“, be­tont der Ver­bands­vor­sit­zen­de.

Gleich­wohl gä­be es Bei­spie­le von Hei­mat­ver­ei­nen, die sich im Auf­wind be­fän­den. „Acht­er­ho­ek ist so ein Fall. Der Ver­ein ist auf Bun­des­ebe­ne beim Wett­be­werb ,Un­ser Dorf hat Zu­kunft’ ver­tre­ten und er­freut sich ei­ner stei­gen­den Mit­glie­der­zahl“, sagt Kers­ten. Wich­tig sei es, dass sich Hei­mat­ver­ei­ne neue The­men­fel­der er­schlie­ßen wie „Na­tur und Um­welt“oder „Hei­mat­ge­schich­te“. Die­se The­men in­ter­es­sier­ten auch jun­ge Fa­mi­li­en.

Man­che hät­ten fal­sche Vor­stel­lun­gen von den Auf­ga­ben ei­nes Hei­mat­ver­eins, so Kers­ten. „Vie­le wis­sen nicht, dass die Hei­mat­ver­ei­ne auch An­sprech­part­ner für die kom­mu­na­le Ver­wal­tung sind. Die Mei­nung des Vor­sit­zen­den ist ge­fragt, weil die­ser die In­ter­es­sen der Be­völ­ke­rung ver­tre­ten kann oh­ne ei­ne ,Bril­le’ bei­spiels­wei­se der Schüt­zen oder ei­nes Fuß­ball­ver­eins auf­zu­ha­ben“, be­tont der Ver­bands­chef. Er hofft mit Hei­de Gold­berg, dass sich bis zum 12. Mai je­mand fin­det, der in Reichs­wal­de ein Vor­stands­amt über­neh­men möch­te. In­ter­es­sen­ten kön­nen sich un­ter E-Mail hv­reichs­wal­de@gmx.de mel­den.

„Heute ist es wohl nicht

mehr ge­fragt, Tra­di­tio­nen be­wah­ren“

Kreis­ver­band für Hei­mat­pfle­ge

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