1,2 Mil­lio­nen Asyl-Be­schlüs­se für 2016 an­ge­peilt

Rheinische Post Goch - - POLITIK - VON JAN DREBES UND EVA QUAD­BECK

Die Zahl der ein­rei­sen­den Flücht­lin­ge sinkt, gleich­zei­tig gibt es im­mer mehr Asy­l­ent­schei­der. In der Po­li­tik wächst die Zu­ver­sicht.

BERLIN In Deutsch­land zeich­net sich bei der Be­ar­bei­tung von Asyl­an­trä­gen erst­mals leich­te Ent­span­nung ab. Die Zahl an­kom­men­der Flücht­lin­ge stieg zu­letzt auf nicht mehr als 145 am Tag, gleich­zei­tig gibt es deut­lich mehr Per­so­nal im Bun­des­amt für Mi­gra­ti­on und Flücht­lin­ge (Bamf). Be­hör­den­chef Frank-Jür­gen Wei­se zeig­te sich da­her op­ti­mis­tisch, dass bald mehr Asyl­be­trä­ge be­ar­bei­tet wer­den kön­nen, als neue ge­stellt wer­den. „Wir rech­nen da­mit, dass wir mit den zur Ver­fü­gung ge­stell­ten Res­sour­cen im lau­fen­den Jahr An­trä­ge von rund 500.000 neu an­kom­men­den Asyl­su­chen­den be­ar­bei­ten kön­nen – zu­sätz­lich zu den 600.000 bis 700.000 Asyl­an­trä­gen, die der­zeit beim Bun­des­amt an­hän­gig sind oder noch nicht ge­stellt wer­den konn­ten“, sag­te Wei­se un­se­rer Re­dak­ti­on. Ins­ge­samt kä­me das Bamf 2016 al­so auf 1,2 Mil­lio­nen Ent­schei­dun­gen.

Wei­se gab an, dass sei­ne Mit­ar­bei­ter täg­lich über et­wa 2000 Asyl­an­trä­ge ent­schei­den könn­ten. Mehr als 100.000 Ent­schei­dun­gen traf die Be­hör­de im Ja­nu­ar und Fe­bru­ar des lau­fen­den Jah­res, im Vor­jah­res­zeit­raum wa­ren es le­dig­lich 38.000. Das liegt zum ei­nen am Auf­kom­men der An­trä­ge selbst, vor al­lem aber an der Per­so­nal­auf­sto­ckung beim Bamf und der Prio­ri­sie­rung der Asy­l­ent­schei­dun­gen. Wa­ren En­de 2015 noch 3500 Mit­ar­bei­ter in der Be­hör­de tä­tig, sind es nun 4780, wie ei­ne Spre­che­rin mit­teil­te. Bis Mit­te des Jah­res sol­len al­le be­wil­lig­ten 6300 Plan­stel­len und 1000 be­fris­te­ten Stel­len be­setzt sein. Im­mer wie­der hat­te es je­doch Schwie­rig­kei­ten ge­ge­ben, weil es bin­nen kur­zer Zeit nicht ge­nü­gend qua­li­fi­zier­te Be­wer­ber gab. So soll­te et­wa die Deut­sche Post dem Bamf mit 300 Be­am­ten aus­hel­fen, um den An­trags­stau in den Griff zu be­kom­men.

Den­noch zeig­te sich auch die stell­ver­tre­ten­de Frak­ti­ons­che­fin der SPD, Eva Högl, zu­ver­sicht­lich, dass Bamf-Chef Wei­se sei­ne An­kün­di­gung wer­de hal­ten kön­nen, bei der Be­ar­bei­tung von Asyl­an­trä­gen „vor die Wel­le“zu kom­men. „Ich bin sehr op­ti­mis­tisch, dass das Bamf es schafft, im Som­mer mehr Asyl-An­trä­ge zu be­ar­bei­ten, als neu ge­stellt wer­den“, sag­te Högl un­se­rer Re­dak­ti­on. „Mir ma­chen al­ler­dings die Alt­fäl­le Sor­gen – je­ne 300.000 An­trä­ge, die sich schon vor der gro­ßen Flücht­lings­wel­le beim Bamf auf­ge­staut hat­ten. Die­ser Berg an An­trä­gen muss auch noch ab­ge­ar­bei­tet wer­den.“Zu­sätz­lich zu die­sem Stau wird da­mit ge­rech­net, dass bis zu 400.000 Flücht­lin­ge in Deutsch­land noch gar kei­nen An­trag ge­stellt ha­ben. Wäh­rend im ver­gan­ge­nen Jahr an ein­zel­nen Ta­gen aber zwi­schen 3000 und 10.000 Flücht­lin­ge über die deut­sche Gren­ze ka­men, sank die Zahl nun auf zu­meist zwei­stel­li- ge Wer­te. So re­gis­trier­te die Bun­des­po­li­zei in Bay­ern in den ver­gan­ge­nen zwei Wo­chen durch­schnitt­lich 95 zu­sätz­li­che Mi­gran­ten pro Tag. Der höchs­te Wert lag in die­sem Zei­t­raum bei 145 Per­so­nen am 2. April und der nied­rigs­te bei 52 Flücht­lin­gen, die am 25. März nach Bay­ern ka­men. Die­se Atem­pau­se wol­len Wei­se und sei­ne Mit­ar­bei­ter nut­zen.

Un­ter­des­sen wies In­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re (CDU) ges­tern ei­nen Bericht der „Bild“-Zei­tung zu­rück, wo­nach in Deutsch­land 500.000 nicht re­gis­trier­te Flücht­lin­ge le­ben. „Dass hier 500.000 le­ben soll­ten, die nicht Geld wol­len, die kein Ver­fah­ren wol­len, das hal­te ich für ab­surd“, sag­te der Mi­nis­ter. Er räum­te zugleich ein, dass es im Herbst Schwie­rig­kei­ten gab, an­ge­sichts des An­drangs al­le Flücht­lin­ge zu re­gis­trie­ren. Dies sei in­zwi­schen aber auf­ge­ar­bei­tet, wie ein Mi­nis­te­ri­ums­spre­cher sag­te. Da­mals lie­ßen die Be­am­ten in Bay­ern die Flücht­lin­ge un­re­gis­triert per Zug in an­de­re Bun­des­län­der wei­ter­rei­sen, da zu vie­le ka­men, um gleich in Bay­ern die Iden­ti­tät fest­zu­stel­len. We­gen der stark ge­sun­ke­nen Zah­len wer­den nun wie­der al­le Flücht­lin­ge di­rekt hin­ter der Gren­ze re­gis­triert.

In Grie­chen­land wol­len mitt­ler­wei­le vie­le der il­le­gal ein­ge­reis­ten Flücht­lin­ge ei­nen Asyl­an­trag stel­len, um im Rah­men des EU-Pak­tes nicht in die Tür­kei ab­ge­scho­ben zu wer­den. We­gen Per­so­nal­man­gels könn­te die Be­ar­bei­tung der An­trä­ge aber meh­re­re Mo­na­te dau­ern, hieß es in At­hen. Gleich­zei­tig denkt die EU-Kom­mis­si­on trotz der nur lang­sa­men Ver­tei­lung von Flücht­lin­gen auf die Mit­glied­staa­ten dar­über nach, Asy­l­ent­schei­dun­gen künf­tig auf die eu­ro­päi­sche Ebe­ne zu he­ben. Ob es ei­ne Mehr­heit für ei­ne sol­che Ge­set­zes­in­itia­ti­ve ge­ben wür­de, ist in­des frag­lich.

FO­TO: DPA

Ein Bun­des­po­li­zist ge­lei­tet Flücht­lin­ge aus ei­nem ge­stopp­ten ICE in Bay­ern.

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