Der Mann im Heu­hau­fen

Rheinische Post Goch - - UNTERHALTUNG -

Nein, gar nicht. Mei­ner sah ganz an­ders aus.“Ines at­me­te tief durch, zog den Stuhl dicht an mei­nen her­an und sah mich ein­ge­hend an. Ob ich mich selbst wohl bes­ser be­schrei­ben könn­te?, über­leg­te ich ge­ra­de.

„Char­ly, hör mal. So geht das nicht wei­ter!“, be­gann Ines zu spre­chen. Sehr sanft. Ich wuss­te, was der Ton­fall be­deu­te­te. Dass jetzt ei­ne Moral­pre­digt im An­flug war.

„Ja, ich weiß, was du sa­gen willst. Ich muss mich mit Kai tref­fen und Ta­bu­la ra­sa ma­chen. Er muss end­lich wis­sen, woran er ist“, sag­te ich be­stimmt. „Weißt du denn, woran er ist?“Ines hat­te ein fei­nes Ge­spür, mich zu war­nen, wenn mein Ver­stand noch nicht ganz so weit war wie mein Mund­werk.

„Ich weiß, ich klin­ge wie ei­ne Lang­spiel­plat­te, die im­mer wie­der auf An­fang hüpft“, sag­te ich ver­un­si­chert.

„Kann es viel­leicht sein, dass du dich erst mal mit dem Bahn­men­schen tref­fen möch­test, um dann aus­zu­lo­ten, ob es über­haupt lohnt, sich zu tren­nen?“

Ich nick­te be­schämt, frag­te mein in­ners­tes In­ne­res und be­fürch­te­te, dass sie recht hat­te. Da­für be­han­del­te sie mich noch freund­lich.

„Char­ly. Das ei­ne hat mit dem an­de­ren über­haupt nichts zu tun!“Sie fi­xier­te mich, um zu er­ken­nen, ob ich ihr fol­gen konn­te. „Wenn der Typ aus der Bahn doch nicht so der Knal­ler ist, dann bleibst du bei Kai, oder wie hast du dir das vor­ge­stellt?“Kei­ne Ah­nung. Ehr­lich ge­sagt hat­te ich mir gar nichts vor­ge­stellt, ge­dacht oder gar aus­ge­dacht.

„Ver­giss den Bahn­gott mal kurz, und über­le­ge dir bit­te nur, ob Kai noch der Rich­ti­ge für dich ist, nichts an­de­res.“

„Okay!“, sag­te ich, und es klang eher wie „mal se­hen“.

„Ich fän­de es auch un­ehr­lich. Wenn Kai er­fährt, dass du nur bei ihm ge­blie­ben bist, weil der an­de­re viel­leicht nicht woll­te, das wä­re nicht sehr auf­rich­tig, und so bist du nicht. Und es wä­re auch ein biss­chen . . .“Sie stock­te.

„Fei­ge“, be­en­de­te ich ih­ren Satz. „Sag’s ru­hig. Es stimmt ja al­les, was du sagst. Ich geh mor­gen erst mal zur Ar­beit, und abends treff ich mich mit Kai und mach klar Schiff.“

„Klingt gut“, er­mu­tig­te Ines mich. „Bit­te kon­zen­trie­re dich jetzt erst mal auf ei­ne Sa­che. Mach dir klar, was du ei­gent­lich mit Kai möch­test. Ei­nen Schritt nach dem an­de­ren.“Ich nick­te mit ge­senk­tem Kopf. „Und egal, wie du dich ent­schei­dest, mach es bit­te nicht von der Woh­nung ab­hän­gig. Du kannst hier so lan­ge blei­ben, wie du möch­test.“

„Pass bloß auf, was du sagst. Sonst häng ich hier noch als Rent­ne­rin mit schloh­wei­ßen Haa­ren auf der Couch, und Mat­ti muss uns bei­de ver­sor­gen. Das wol­len wir ihm doch nicht an­tun.“

Ines mach­te plötz­lich ei­ne hek­ti­sche Be­we­gung und ver­such­te auf die Schnel­le, Abend­brot für Mat­ti vor­zu­be­rei­ten. „Be­vor er uns ver­sorgt, muss er was zu es­sen be­kom­men!“

„Lass mal, Ines. Ich küm­me­re mich schon drum. Zieh du dich um.“

Kurz dar­auf er­schien Ines wie­der in der Kü­che.

Ich be­trach­te­te be­wun­dernd die Auf­ma­chung mei­ner Freun­din. Sie trug ein um­wer­fen­des ro­tes Kleid, hoch­ha­cki­ge schwar­ze Schu­he und teu­er aus­se­hen­den Schmuck. Ich wuss­te gar nicht, dass sie ei­nen so ed­len Fum­mel hat­te. Ines hat­te ja ein Fai­b­le für schi­cke Kla­mot­ten, aber die­ses Kleid hat­te ich noch nie ge­se­hen.

„Wow. Hof­fent­lich weiß er es zu schät­zen!“Ich be­ob­ach­te­te mei­ne Freun­din ge­nau, um sie beim Rot­wer­den zu er­tap­pen. Viel­leicht dies­mal doch was Erns­tes. „Nun mach dich schon auf den Weg. Kann ich mich ein­fach aufs So­fa le­gen?“

Ines schnapp­te sich ih­ren Man­tel und eil­te zur Tür.

„Ja, klar. Im Schrank in mei­nem Zimmer sind noch ei­ne di­cke De­cke und ein Kis­sen.“

Mat­ti kam aus dem Wohn­zim­mer ge­schos­sen und hol­te sich von sei­ner Mut­ter zum Ab­schied ei­nen Kuss.

„Wo ist Frank?“, war das Ein­zi­ge, was er mich frag­te, als die Tür hin­ter Ines ins Schloss fiel. Na bra­vo. Mat­ti hielt mei­nen Va­ter für den fä­hi­ge­ren Ba­by­sit­ter.

„Tut mir leid!“, sag­te ich. „Heu­te musst du wohl mit mir al­lei­ne vor­lieb neh­men. Ich hab kei­ne Ah­nung, wo mein Va­ter ist.“„Pa­pa geht fremd!“Die Stim­me mei­ner Mut­ter klang schrill. Wä­re ich bloß nicht ans Han­dy ge­gan­gen. „Er hat ei­ne an­de­re Frau!“Ich pus­te­te laut durch. „Wie kommst du denn dar­auf?“Auf so ei­nen An­ruf war ich nicht ge­fasst ge­we­sen. Was war mit Pa­pa? Wel­che Frau? Und wie­so rief Ma­ma mich an, wir spra­chen doch gar nicht mehr mit­ein­an­der – was ein wah­rer Se­gen ge­we­sen war, wie mir auf­ging, als sie zu schluch­zen an­fing. „Ma­ma, be­ru­hi­ge dich.“„Er be­trügt mich.“Sie schnief­te thea­tra­lisch.

„Wie­so du das glaubst, ha­be ich ge­fragt!“, er­in­ner­te ich sie et­was barsch.

„Frau Kroh hat es ge­sagt.“Die Nach­ba­rin mei­ner El­tern, die mit der Pu­schel­kat­ze, hat­te mei­nen Va­ter in fla­gran­ti er­wischt? Oder wie war das zu ver­ste­hen?

„Wo­her will sie das wis­sen?“Ich ver­such­te aus­nahms­wei­se, so sach­lich wie mög­lich an das The­ma her­an­zu­ge­hen, denn mei­ne Mut­ter klang wie ei­ne feu­ri­ge Ita­lie­ne­rin, die schon nach dem Kü­chen­mes­ser ge­grif­fen hat­te.

„Weil sie es im Ra­dio ge­hört hat.“Das Schluch­zen ver­ebb­te, und mich durch­flu­te­te ei­ne Ah­nung, ei­ne lei­se Ah­nung, was pas­siert sein könn­te.

„Du meinst die Sen­dung bei der El­be-Wel­le?“, frag­te ich vor­sich­tig nach. Mei­ne Mut­ter ließ mir nicht mal die Zeit, den Satz zu be­en­den, und platz­te brüsk in mei­ne letz­te Sil­be hin­ein.

„Du wuss­test es?! Char­lot­te. Des­we­gen willst du auch nichts mehr mit mir zu tun ha­ben. Du kennst sie?“Ich muss wohl kaum er­wäh­nen, dass die Was­ser­flut sich wie­der ih­ren Weg durch den Trä­nen­ka­nal ge­bahnt hat­te.

„Quatsch, Ma­ma. Das ist ganz an­ders.“Ich grins­te, als ich rea­li­sier­te, wie ich ver­such­te, den Kopf mei­nes Va­ters zu ret­ten. Mit dem ab­ge­dro­schens­ten al­ler Sät­ze. Es ist al­les ganz an­ders! Ich lach­te hys­te­risch, was mei­ne Mut­ter falsch deu­te­te.

„Es stimmt al­so doch. Das ist jetzt al­so die Stra­fe.“Wie sie den letz­ten Satz mein­te, war mir nicht ganz klar.

„Nein, es stimmt über­haupt nicht. Was hat Frau Kroh denn ge­meint, ge­hört zu ha­ben?“

„Dein Va­ter hat im Ra­dio nach ei­ner Frau ge­sucht, die er schon lan­ge nicht mehr ge­se­hen hat, aber wie­der­se­hen will.“

(Fort­set­zung folgt)

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