Pop­mu­sik für Er­wach­se­ne: „Pet Sounds“wird 50

Rheinische Post Goch - - KULTUR - VON PHILIPP HOLSTEIN

Das Meis­ter­werk der Beach Boys eta­blier­te das Al­bum als Kunst­form. Und es klingt heute noch frisch.

DÜSSELDORF Man kann Ste­ve Jobs ja lei­der nicht mehr fra­gen, aber es könn­te gut sein, dass we­gen die­ses Al­bums der iPod er­fun­den wur­de. Es ist näm­lich so schön, dass man es im­mer bei sich tra­gen möch­te, und es ist so an­rüh­rend und er­grei­fend, dass man es am bes­ten al­lein hört, und am al­ler­wohls­ten fühlt man sich mit die­ser Mu­sik, wenn man Kopf­hö­rer trägt und die Welt auf Ab­stand hält. „Pet Sounds“ist das Meis­ter­werk der Beach Boys, und im Ge­gen­satz zu „Sgt. Pep­per“von den Beat­les, dem gro­ßen Kon­kur­ren­ten um den Ti­tel „wich­tigs­tes Al­bum al­ler Zei­ten“, wirkt es an kei­ner Stel­le ab­ge­nutzt und durch­ge­hört, son­dern im Ge­gen­teil frisch wie vor 50 Jah­ren, als es er­schien.

Die Zart­heit der Kom­po­si­tio­nen lässt ei­nen mit­un­ter ver­ges­sen, dass „Pet Sounds“ein Re­bell ist. Da­mals wa­ren Al­ben le­dig­lich Hit­samm­lun­gen, aber Bri­an Wil­son, der Kopf der Beach Boys, er­hob das For­mat zu ei­nem Kunst­werk von ei­ge­nem Rang, Al­ben wur­den fort­an wie Ge­mäl­de, Bü­cher oder Dra­men be­trach­tet. 1966 war in­so­fern wo­mög­lich das wich­tigs­te Jahr im Pop. Da­mals er­schie­nen auch „Blon­de On Blon­de“von Bob Dy­lan und „Re­vol­ver“von den Beat­les. Da­mals wur­de das Gen­re er­wach­sen, Pop war nicht län­ger der Sound­track zum Te­enager-Som­mer. „Wouldn’t it be nice / If we we­re ol­der“, so lau­tet der ers­te Vers auf „Pet Sounds“. Es geht ums Äl­ter­wer­den, um den Ab­schied von der Ju­gend, das ist der ro­te Fa­den. Ei­nen Song­zy­klus hat­te Bri­an Wil­son im Sinn, den Be­griff hat­te er von sei­nem Kum­pel Van Dy­ke Parks über­nom­men, der zwei Jah­re spä­ter ein ei­ge­nes Al­bum so be­ti­tel­te. Und weil Ly­rics und Mu­sik zu­sam­men­pas­sen soll­ten, en­ga­gier­te er sich ei­gens ei­nen Tex­ter, To­ny As­her, der den Ver­lust der Ju­gend in Ver­se brin­gen soll­te: Weh­mut, Eu­pho­rie und Auf­bruch­stim­mung. Im Grun­de ist „Pet Sounds“der Sound­track zum Ro­man „Der Fän­ger im Rog­gen“(1951) von J.D. Sa­lin­ger.

„God On­ly Knows“heißt das Ju­wel die­ser nur 36 Mi­nu­ten lan­gen Plat­te, es kennt den Weg vom Ohr ins Herz, aber auch „Ca­ro­li­ne, No“und so vie­le an­de­re sind toll. Wil­son tour­te ja schon seit län­ge­rer Zeit nicht mehr mit sei­nem Cou­sin Mi­ke Lo­ve, sei­nen Brü­dern Den­nis und Carl so­wie Bru­ce Johns­ton und Al Jar­di­ne. Und de­ren Kon­zert­rei­se nach Ja­pan nutz­te er, um sein In­ners­tes um­zu­krem­peln und im Stu­dio in L.A. die Ar­ran­ge­ments von „Pet Sounds“vor­zu­be­rei­ten. Er nahm das Bel­len sei­nes Hun­des auf, Fahr­rad­klin­gel und Hu­pe, Wald­horn, Löf­fel und Plas­tik­fla­sche. Oft heißt es, die Plat­te sei im Wirk­lich­keit ein So­lo­al­bum, aber das stimmt nicht, denn oh­ne den Har­mo­nie­ge­sang der an­de­ren Beach Boys hät­te das Werk nicht die­sen Glanz, die Wär­me. Wil­son be­nut­ze das Stu­dio wie ein In­stru­ment, er schuf ein Al­bum, das Ele­men­te aus Jazz, Psy­che­de­lic, Klas­sik und Pop ver­eint.

Der Plat­ten­fir­ma ge­fiel das al­ler­dings nicht, man woll­te Surf­hits. Auch das Pu­bli­kum brauch­te Jah­re, um die Grö­ße des Werks zu be­grei­fen: In den USA er­reich­te es nur Platz 10 der Charts. Dem an Schi­zo­phre­nie lei­den­den Wil­son, der wäh­rend der Auf­nah­men LSD, Ko­ka­in und He­ro­in wild durch­ein­an­der­warf, blie­ben nur zwei krea­ti­ve Jah­re, be­vor ihn die Krank­heit lähm­te – das Gros die­ser Zeit ver­schwen­de­te er auf das Nach­fol­ge­werk „Smi­le“, das das end­gül­ti­ge Pop-Al­bum wer­den soll­te. Es er­schien nie in der ge­plan­ten Form, der Ki­no­film „Lo­ve & Mer­cy“er­zählt da­von.

„Pet Sounds“ist al­so ein Uni­kat. Das schöns­te Al­bum der Welt.

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